SENDETERMIN Sa, 18.11.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Nandus, exotische Laufvögel im ehemaligen Grenzgebiet

PlayNahaufnahme eines Nandus
Nandus, exotische Laufvögel im ehemaligen Grenzgebiet | Video verfügbar bis 18.11.2022 | Bild: NDR

Nandus, so verrät es das Lexikon, sind südamerikanische Laufvögel. Doch seit fast 20 Jahren gibt es auch eine freilebende Population in Europa – genauer: in Nordwestmecklenburg, zwischen dem Schaalsee und der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein.

Flucht aus einer Straußenfarm

Ihre Geschichte beginnt wie ein Kriminalfilm – mit einem Ausbruch. Acht Nandus entwischten im Jahr 1999 aus einer Straußenfarm im schleswig-holsteinischen Groß-Grönau. Anschließend flohen sie über das Flüsschen Wakenitz ins benachbarte Mecklenburg-Vorpommern. Kein Problem, dachten sich damals die Experten, den kalten deutschen Winter werden die südamerikanischen Flüchtlinge kaum in freier Wildbahn überstehen. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.

Wer sich anpasst, überlebt

Nandu mit Eiern in einem Nest
Brutpflege ist bei den Nandus Männersache. | Bild: NDR

Schon Charles Darwin wusste: Nicht die Stärksten überleben, sondern diejenigen, die sich ihrer Umwelt am besten anpassen. Und das taten die Nandus überraschend gut. Sie zeigten sich deutlich kälteunempfindlicher als erwartet. Und sie passten ihren Brutzyklus so an ihre neue Umgebung an, dass die Küken auch hier in der warmen Jahreszeit schlüpfen und aufwachsen. Statt im September und Oktober wie auf der Südhalbkugel liegt die Hauptbalzzeit der norddeutschen Nandus in Februar und März.

Ein dominanter Hahn paart sich dann gleich mit mehreren Weibchen. Die so entstehenden Gelege enthalten in der Regel bis zu 40 Eier. Diese werden übrigens ganz allein vom Vater ausgebrütet und die Jungen nach dem Schlüpfen auch groß gezogen. Die Damen machen sich aus dem Staub und paaren sich oft auch noch mit weiteren Hähnen.

Winterraps und Rüben auf dem Speiseplan der Nandus

Nandus auf einem Acker
Die Nandus betätigen sich als ungebetene Erntehelfer. | Bild: NDR

Bei solchen Reproduktionszahlen ist es nicht erstaunlich, dass die Zahl der freilebenden Nandus in Mecklenburg-Vorpommern sich inzwischen auf mehr als 200 erhöht hat. Für Menschen sind die Laufvögel zwar allgemein ungefährlich, aber den Landwirten machen ihre Nahrungsvorlieben arg zu schaffen. Insbesondere Winterraps und Rüben stehen auf dem Speiseplan der Nandus, und da sie häufig in größeren Gruppen auf den Feldern einfallen, gehen die Schäden für die betroffenen Bauern in die Tausende.

Nischenleben in der Gesetzeslücke

Das Problem: Es gibt kaum etwas, was die Landwirte dagegen unternehmen könnten. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz gilt eine eingewanderte Tierart, die sich über zehn Jahre selbst ernährt und vermehrt, als einheimisch. Damit gelten für den Nandu mittlerweile die gleichen Schutzbestimmungen wie für alle in Deutschland vorkommenden Wildtiere. Gleichzeitig unterliegt er auch nicht dem Jagdrecht, da war bislang einfach nicht vorgesehen. Mit anderen Worten: Er darf weder gejagt werden, noch gibt es eine Entschädigung für durch ihn entstandene Schäden.

Natürliche Feinde hat der Nandu in Deutschland nicht

Balzender Nandu-Hahn mit Harem.
Balzender Hahn mit Harem. | Bild: NDR

Dass das eine echte Zwickmühle ist, sehen auch die Mitarbeiter des Biosphärenreservats Schaalsee, in deren Verantwortungsgebiet die Vögel überwiegend ihr Unwesen treiben. Seit Jahren beobachten sie die Nandus, um heraus zu finden, ob und falls ja wie, die Neuankömmlinge vorhandene Tier- und Pflanzenarten beeinflussen oder gar gefährden. Bislang scheint das nicht der Fall zu sein.

Zweimal im Jahr werden die Nandus gezählt, einmal im Frühjahr, einmal im Herbst. Bei der Herbstzählung wird festgehalten, wie viele Jungtiere neu geboren wurden, bei der Frühjahrszählung, wie viele von ihnen den Winter überlebt haben. Insgesamt zeigt die Entwicklungskurve aber klar nach oben: Bei der letzten vorliegenden Herbstauswertung (2016) wurden 268 Tiere gezählt. Natürliche Feinde hat der Nandu in Deutschland nicht. Allenfalls dem Straßenverkehr fällt ab und zu mal ein besonders unaufmerksames Exemplar zum Opfer.

Geburtenkontrolle mit dem Akkubohrer

Wissenschaftler beobachten Nandus
Zweimal im Jahr werden die Nandus gezählt. | Bild: NDR

Um die explosionsartige Vermehrung etwas abzuschwächen, versuchte das Biosphärenreservatsamt es im Frühjahr 2017 erstmalig mit einer ganz eigenen Art der Verhütung: Nandugelege wurden, wenn der Hahn sich zum Fressen entfernt hatte, mit einem Akkubohrer vorsichtig angebohrt. Dadurch sollte verhindert werden, dass der Nandu bemerkt, dass aus seinen Eiern nichts mehr schlüpfen kann. Anderenfalls würde er nämlich das Nest aufgeben und sich erneut paaren. Wie erfolgreich die Methode war, ist noch unbekannt.

Leben und leben lassen

Wie die Zukunft aussehen soll, und was man unternehmen kann, wenn die Zahl der Nandus sich nicht auf eine für alle Beteiligten erträgliche Größe einpendelt, dass wollen die Mitarbeiter des Biosphärenreservats gemeinsam mit dem Umweltministerium und den Landwirten beraten. Eins ist aber schon jetzt sicher: Der Laufvogel mit Migrationshintergrund gehört jetzt auch zu Mecklenburg-Vorpommern.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 18.11.2017 15:33 Uhr

Sendetermin

Sa, 18.11.17 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste