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Naturheilmittel – immer ohne Nebenwirkung?

PlayFrau riecht an einer Pflanze
Naturheilmittel - immer ohne Nebenwirkung? | Video verfügbar bis 14.10.2021 | Bild: SWR

Naturheilkunde und Alternativmedizin haben ein gutes Image. Mehr als die Hälfte aller Patienten hat Erfahrung mit alternativen Heilverfahren. Sie versprechen eine sanfte Heilung, ganz ohne die bei Medikamenten üblichen Nebenwirkungen. Doch wird das Versprechen auch eingelöst? Sind Naturheilkunde und alternativen Methoden tatsächlich frei von Risiken und Nebenwirkungen?

Johanniskraut - Heilpflanze mit überraschenden Nebenwirkungen

Frau riecht an Johanniskraut-Pflanze
Johanniskraut hilft gegen leichte und mittlere Depressionen. | Bild: WDR

Johanniskraut ist ein bekanntes und gut wirksames Naturheilmittel. Medizinisch genutzt werden alle Bestandteile der Pflanze mit Ausnahme der Wurzel. Das Kraut wird auf vielfältige Weise innerlich und äußerlich angewandt. Als Johanniskrautöl wird es bei Neurodermitis angewandt und soll entzündungshemmend wirken. Häufiger aber wird die Pflanze als Stimmungsaufheller und als Antidepressivum bei leichten und mittleren Depressionen eingesetzt.

Was viele Menschen nicht wissen: Johanniskraut beeinflusst bestimmte Stoffwechselwege und beschleunigt so den Abbau von anderen Arzneimitteln. Und Medikamente, die zu schnell abgebaut werden, können nicht richtig wirken. Zum Beispiel schwächt Johanniskraut die Wirkung von einigen Chemotherapeutika. Auch bestimmte Cholesterinsenker und Präparate zur Blutverdünnung wirken zusammen mit Johanniskraut nicht mehr richtig. Dasselbe gilt für die Anti-Baby-Pille. Frauen, die Johanniskraut nehmen, können überraschend schwanger werden, obwohl sie die Pille nehmen. Ob diese Nebenwirkungen eintreten und wie stark sie sind, hängt entscheidend von der Konzentration der Johanniskraut-Präparate ab.

Heilkräuter der Traditionellen Chinesischen Medizin

Laptop, auf der Internetseite ist ein "Heilkräuter-Shop" zu sehen
Heilkräuter aus dem Internet können mit Pestiziden belastet sein. | Bild: WDR

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind über 10.000 verschiedene Heilkräuter im Einsatz. In der Regel werden sie als Mixturen verkauft und bei allen möglichen Erkrankungen eingesetzt: Magen- und Darmbeschwerden, Atemwegserkrankungen, Menstruationsproblemen, Unfruchtbarkeit, Erkältung, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit, Migräne oder Schwindel. In den meisten Fällen sind weder die genauen Inhaltsstoffe noch die Wirkmechanismen bekannt. Da wissenschaftlich gesicherte Nachweise für die Wirkung zumeist fehlen, schätzen Experten die Effekte der TCM höchst unterschiedlich ein. Das Spektrum reicht von "wirkungslos" über "lebensgefährlich" bis zu "hocheffektiv".

Klar ist, dass sich die Inhaltsstoffe der Kräuter je nach Anbaugebiet, Wetterbedingungen und Verarbeitung gravierend unterscheiden. Eine gleichbleibende Wirkung kann daher nicht garantiert werden. Zudem werden bei Tests regelmäßig Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefunden, gelegentlich sogar Cadmium, Quecksilber, Zinnober und Arsen. Besonders hoch ist das Risiko, wenn man die Mixturen im Internet einkauft. In der Apotheke dagegen müssen Heilkräuter auf Rückstände getestet werden.

Nebenwirkungen durch die TCM sind gut dokumentiert. Vor allem nach einer längeren Einnahme von chinesischen Heilkräutern können Probleme auftreten – Gelbsucht zum Beispiel. In der Regel erholen sich die Patienten nach dem Absetzen der Kräuter wieder vollständig. Aber es sind auch Fälle von Leberversagen bis zur Transplantation und zum Tod dokumentiert. Die Häufigkeit derartiger Zwischenfälle wird nicht systematisch erfasst.

Vitamine - gesund und natürlich?

Ein Teller voll mit Obst und Gemüse
Vitamine ohne Nebenwirkungen | Bild: WDR

Natürlich und gesund – so wird für Vitamine und andere Nahrungsergänzungsmittel geworben. "Viel hilft viel" denken mache, und greifen munter zu. Die bunten Pillen sind frei verkäuflich, denn sie bewegen sich im Graubereich zwischen Lebensmittel und Medikament. Für den Hersteller hat das viele Vorteile, da die strengen Zulassungsverfahren, die Arzneimittel durchlaufen müssen, entfallen. Vitaminpillen müssen keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen, und die strengen Auflagen des Heilmittelwerbegesetzes gelten nicht.

Doch künstliche Vitamine haben mit Natur nichts zu tun, sie werden synthetisch hergestellt, stammen also aus der Chemiefabrik. Und die Wirkung ist keinesfalls nur positiv: Werden sie überdosiert, haben einige Vitamine gravierende Risiken und Nebenwirkungen: In einer Studie zeigte sich, dass Raucher, die hoch dosiertes Beta-Carotin einnahmen – eine Vorstufe von Vitamin A – häufiger Lungenkrebs entwickelten als die Kontrollgruppe. Es trat also das Gegenteil der erhofften Wirkung ein. In einer weiteren groß angelegten Studie bekamen Männer, die über einen längeren Zeitraum Vitamin-E-Präparate eingenommen hatten, häufiger Prostatakrebs – und verringerten so ihre Lebenserwartung. Die entsprechende Studie wurde deshalb vorzeitig abgebrochen. Riskant können schon Mengen von 400 Milligramm pro Tag sein.

Wer keiner besonderen Risikogruppe angehört und sich ausgewogen ernährt, braucht keine künstlichen Vitamine. Obst und Gemüse sind die bessere Alternative – dass sie positive Effekte auf die Gesundheit haben, konnte durch zahlreiche Studien belegt werden.

Natur oder Chemielabor - woher stammen unsere Medikamente?

Ein Apotheker in der Apotheke, die zum Teil von Grünpflanzen und Heilkräutern bewachsen ist.
Viele Medikamente lassen sich auf Naturstoffe zurückführen. | Bild: WDR

Die Pharmabranche hat ein schlechtes Image. Den schlechtesten Ruf hat die Chemotherapie, und tatsächlich können die Nebenwirkungen extrem sein. Aber trotz des Namens stammen die Wirkstoffe nicht immer aus dem Chemielabor. Taxol zum Beispiel wirkt unter anderem gegen Brustkrebs. Hocheffektiv und – wie alle Chemotherapeutika – mit massiven Nebenwirkungen: Übelkeit und Erbrechen, Haarausfall und Nervenschäden. Doch Taxol wurde ursprünglich nicht im Labor zusammengebraut. Der Wirkstoff stammt aus der pazifischen Eibe. Es handelt sich also um ein Naturprodukt.

Rund 50 Prozent der konventionellen Arzneimittel in der Apotheke lassen sich auf Naturstoffe zurückführen. Nebenwirkungen haben sie trotzdem, denn auch die Natur kann eine ziemliche Giftküche sein. Knollenblätterpilz und Fingerhut sind dafür deutliche Beispiele – und illustrieren die alte Weisheit von Paracelsus: Allein die Dosis macht das Gift.

Falsche Heilversprechen in der Krebstherapie

Patient vor Inhalierschüssel, schaut auf seinen Laptop.
Im Internet ist die angebliche Wunderheilung oft nur einen Klick weit entfernt. | Bild: WDR

In aller Regel sind die Nebenwirkungen bei den meisten gängigen pflanzlichen Präparaten selten und eher harmlos. Alte Hausmittel können bei leichten Beschwerden genau das Richtige sein. Problematisch wird es allerdings, wenn Patienten bei ernsten Krankheiten - wie zum Beispiel Krebs - ganz auf die Naturheilkunde als Alternative zur klassischen Medizin setzen. Im Internet ist die Wunderheilung bei Krebs nur einen Klick weit entfernt. Doch leider handelt es sich dabei um falsche Heilversprechen: "Es gibt derzeit kein naturheilkundliches Verfahren, das Tumore heilen kann", sagt Petra Voiß, Ärztin für Naturheilkunde in den Kliniken Essen Mitte.

Patienten, die es dennoch versuchen, verlieren schlimmstenfalls wertvolle Zeit. Ein prominentes Beispiel ist Steve Jobs. Beim ersten Ausbruch seiner Krankheit hat der Apple-Milliardär neun Monate lang versucht, seinen Krebs mit speziellen Diäten zu bekämpfen – ohne Effekt. Als er den Fehler erkannte, war es für eine wirksame Therapie zu spät. Könnte er heute noch leben, wenn er rechtzeitig adäquat behandelt worden wäre? Onkologen halten das für wahrscheinlich.

Dennoch kann die Naturheilkunde auch bei Krebs helfen – nicht als Alternative, sondern komplementär, also zusätzlich zur konventionellen Therapie. "Wir können die Patienten stärken", sagt die Naturheilkundlerin Voiß, "ihre Lebensqualität verbessern und Nebenwirkungen der Behandlung lindern." Die positive Wirkung von Bewegung und Psychoonkologie zum Beispiel ist gut belegt.

Fazit

Ein Paar steht vor einer Waage, in der rechten Waagschale liegen Pillen, in der linken Waagschale Heilpflanzen.
Risiken und Nebenwirkungen gibt es auch in der Alternativmedizin.  | Bild: WDR

Für Naturheilkunde und alternative Verfahren gilt dasselbe wie für die klassische Medizin: Es kommt auf den konkreten Fall an. Und man sollte Nutzen und Risiko – Wirkung und Nebenwirkung – genau abwägen. Allerdings ist das hier schwieriger, denn sowohl Wirkung als auch Nebenwirkung werden nicht systematisch erfasst und untersucht. Und bei leichten Beschwerden gilt: Abwarten ist oft die beste Therapie.

Fachausdrücke, und Erklärungen:

Alternativmedizin
Hierunter versteht man Verfahren, die alternativ zu einer wissenschaftlich begründeten Behandlung angewandt werden, also alternativ zur sogenannten Schulmedizin.

Komplementärmedizin
Hierunter versteht man Verfahren, die zusätzlich und ergänzend zur wissenschaftlich begründeten Behandlung angewandt werden, zum Beispiel Entspannungsverfahren, Yoga, Psychotherapie oder Akupunktur.

Naturheilkunde
Naturheilkunde bezeichnet verschiedene therapeutische Verfahren, die ohne technische Hilfsmittel auskommen und vor allem die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren wollen. Traditionell setzt man dabei vor allem auf Sonne, Licht, Luft, Bewegung, Nahrung und Wasser, aber auch auf Heilpflanzen. In einem erweiterten Verständnis werden auch Methoden wie Homöopathie, Bach-Blütentherapie, Traditionelle Chinesische Medizin oder Aromatherapie dazu gezählt.

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Die Anfänge der TCM haben sich vor mehr als 2000 Jahren in China entwickelt. Dazu gehören Akupunktur, Arzneimittel, die aus verschiedenen Pflanzen und Tieren gewonnen werden, Massageanwendungen, Ernährung sowie Bewegungs- und Entspannungstherapien. Während sich China zunehmend der modernen westlichen Therapie zuwendet, boomt die TCM derzeit in Europa und den USA. Die Wirkung der allermeisten Verfahren ist wissenschaftlich nicht belegt.

Lesetipps

Gemeinsam gegen Krebs. Naturheilkunde und Onkologie – Zwei Ärzte für eine menschliche Medizin
Prof. Dr. med. Gustav Dobos, PD Dr. med. Sherko Kümmel
Verlag Zabert Sandmann, München 2011
ISBN-13: 978-3898832656
280 Seiten
24,95 Euro

Krebs ganzheitlich behandeln: Komplementäre Methoden – vom Experten bewertet
Prof. Dr. med. Josef Beuth
Trias Verlag, 4. Auflage 2014
ISBN-13: 978-3830481577
216 Seiten
24,99 Euro

Autorin: Claudia Ruby (WDR)

Stand: 13.07.2019 01:13 Uhr