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nebenan.de: Online-Netzwerk für Nachbarschaftshilfe

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nebenan.de: Online-Netzwerk für Nachbarschaftshilfe | Video verfügbar bis 13.10.2023 | Bild: SWR

Mit Ende 20 hatte Christian Vollmann alle seine Träume erfüllt. Er verdiente Millionen mit Internetplattformen und lebte mit seiner Familie in einem großen Haus in Berlin. Doch ihm fehlte etwas im Leben. Er fühlte sich in seinem eigenen Heim nicht zu Hause, denn er kannte niemand in seinem Wohngebiet. Aufgrund der vielen Geschäftsreisen hatte er keine Ahnung wer direkt nebenan lebte. Das wollte er ändern. Nachdem er auf das amerikanische Nachbarschaftsnetzwerk namens nextdoor.com gestoßen war, beschloss er diese Idee auch in Deutschland umsetzen. Die Frage war nur, ob sich die Deutschen für so eine Plattform interessieren. Das fand er mit einem kleinen Feldversuch bei den Nachbarn heraus. Er klingelte an 20 Haustüren, um zu fragen, ob sie sich bei einem Nachbarschaftsnetzwerk anmelden würden. "Als ich vor der ersten Klingel stand, war mein Puls auf 190. Ich war selten in meinem Leben so aufgeregt und da habe ich gemerkt:  Wahnsinn diese Hürde ist so hoch", erzählt Vollmann. Die Angst war umsonst, denn fast alle Nachbarn waren bereit mitzumachen. Der Grundstein war gelegt für sein Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de.

Der erste Kontakt ist online leichter

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Die Plattform "nebenan.de" zählt 2018 bundesweit 800.000 Mitglieder.  | Bild: SWR

Mit dem Netzwerk möchte Christian Vollmann und seine Mitgründer vor allem die Hürde nehmen, den ersten Kontakt herzustellen. Die Plattform zählt 2018 schon eine Million Mitglieder in ganz Deutschland. Jeder kann nachschauen, ob bereits eine eigene Nachbarschaft besteht. Gibt es noch keine, druckt man über die Plattform Einladungszettel aus und schmeißt sie bei den Nachbarn in den Briefkasten. So wird der Nachbar darauf aufmerksam und kann sich ebenfalls anmelden. Sind insgesamt zehn registriert, wird das Online-Nachbarschafts-Viertel eröffnet. Jetzt kann der rege Austausch beginnen. Es wird zum gemeinsamen Essen eingeladen, ein Fahrrad verkauft oder ein Babysitter gesucht. Keiner ist verpflichtet, aktiv zu werden oder zu antworten. Das ist auch Christian Vollmann wichtig. Denn er weiß: Es ist schwer abzusagen, wenn einer direkt vor der Tür steht. Online kommt es überhaupt erst nicht zu dieser Situation.

Wenn aus Nachbarn Freunde werden

Daniel Meier
Daniel Meier ist seit 2016 beim Netzwerk Mitglied. | Bild: SWR

Bei nebenan.de vernetzt man sich mit Menschen die man noch nicht kennt. Das Gegenmodell zu Facebook. Für Daniela Meier, die seit 1986 Mannheim Neckarstadt wohnt, ist das kein Widerspruch. Sie hat sich genau aus diesem Grund nicht bei Facebook, sondern bei nebenan.de angemeldet. Freunde in aller Welt braucht sie nicht, sondern in der Nachbarschaft. "Ich hätte nie gedacht, dass bei mir um die Ecke so viele nette Menschen leben", sagt Daniela. Seit sie 2016 einen Einladungszettel im Briefkasten fand und sich anmeldete, ist sie der Dreh- und Angelpunkt für die Nachbarschaft. Bei ihr finden Spielenachtmittage statt, sie lädt zu Wohnzimmerkonzerten ein und hat sogar schon Weihnachten mit Nachbarn gefeiert. Aber es bleibt nicht nur bei losen Bekanntschaften. Für die junge Sarah ist sie sogar schon wie eine Mutter, die sie immer um Rat fragen kann. Das sich aus dem Online Kontakt eine tiefe Freundschaft entwickelt, hätte Sarah nie gedacht: "Ich weiß, dass sie immer für mich da ist, wenn ich heulend vor der Haustüre stehe." Das Internet: Die moderne Form Freundschaften zu knüpfen, auch ohne Vereins- oder Kirchenmitgliedschaft.

Das Lebensziel: Die Gesellschaft verbessern

Noch finanziert sich die Plattform über Investorengelder. Aber schon bald will Christian Vollmann einen freiwilligen monatlichen Beitrag einführen. Mit dem bisherigen Verlauf ist er zufrieden. Er hat sein Thema fürs Leben gefunden. Die Menschen zusammenzubringen und aus der Einsamkeit zu holen. Er ist überzeugt davon, dass nicht die Politiker die Gesellschaft zusammenhalten, sondern der generations- und schichtübergreifende Dialog. "Zu sehen wie es funkt, bereitet mir ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit."

Autorin: Sonja Legisa

Stand: 18.05.2019 09:42 Uhr

Sendetermin

Sa, 20.10.18 | 04:25 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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