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Orthorexie – Wenn gesund essen krank macht

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Orthorexie – Wenn gesund essen krank macht | Video verfügbar bis 08.09.2023 | Bild: WDR

Viel Gemüse, wenig Fette, kaum Zucker. Eine gesunde Ernährung nimmt für viele Menschen heute einen hohen Stellenwert im Leben ein. Normalerweise ist dagegen auch nichts einzuwenden. Wenn aber die Fixierung auf gesunde Ernährung extreme Ausmaße annimmt, kann dies schnell zu einer Essstörung führen: der Orthorexie. Dieses relativ neue Phänomen, wurde erstmals 1997 vom US-Amerikaner Steven Bratman formuliert.

In der Lüneburger Heide versucht die MediClin Seepark-Klinik in Bad Bodenteich Menschen mit Essstörungen und anderen psychosomatischen Erkrankungen zu helfen. Seit einigen Jahren heißt die Diagnose immer häufiger: Orthorexie – besonders Jugendliche wie zum Bespiel die 19-jährige Sophia K. sind betroffen.

Nahrung ist nicht mehr Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt

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Orthorexie und Magersucht sind nicht weit voneinander entfernt. | Bild: WDR

Die Orthorexie ist tückisch und fängt schleichend an. Betroffene klammern sich dabei an eine vermeintlich gesunde Ernährung, die sich zu einer Essstörung entwickelt. Auch Sophia hielt ihren Lebensstil für gesund. Sie machte viel Sport und achtete auf ihre Ernährung. Doch zu ihrer persönlichen Liste der verbotenen Lebensmittel kamen immer neue hinzu. Waren es anfangs noch Zucker und Fett, machten ihr schnell auch Konservierungsstoffe Angst. Später wirkte sich die Orthorexie selbst auf Alltagsgegenstände aus: Pfannen durften nicht beschichtet sein und sie trug keine Schminke mehr. Sie aß immer weniger und verlor dramatisch an Gewicht. Irgendwann hatte sie dann Angst wieder zuzunehmen. Als sie nur noch 36 Kilo gewogen hat, kam sie in die Klinik in Bad Bodenteich.

Keine einheitlichen Diagnosekriterien vorhanden

Orthorexie wird anfangs oft mit der Anorexie (Magersucht) verwechselt und daher häufig fehldiagnostiziert. Sie ist bisher nicht als eigene Essstörung anerkannt. Orthorexie wird noch der Anorexie zugeordnet, obwohl sich ihr Krankheitsbild erheblich unterscheidet und eine andere Therapieform notwendig ist. Während es bei der Anorexie um die Quantität des Essens geht, der Kalorienanzahl, ist es bei der Orthorexie die Qualität der Lebensmittel.

Was bisher fehlt, sind einheitliche Diagnosekriterien. In der Vergangenheit wurden Diagnoseverfahren entwickelt, die jedoch Lücken aufweisen und Symptome nicht spezifisch genug erfassen. So entwickelte Bratman 1997 den "Orthorexie Self-Test", der aus zehn Fragen besteht. Als Orthorektiker gilt somit derjenige, der mindestens vier davon mit "ja" beantwortet. Dies würde allerdings bei 30 bis 80 Prozent aller Befragten zutreffen. Zahlen gibt es nur wenige. Man geht von einer großen Dunkelziffer aus. In einer Stichprobe der Universität Düsseldorf mit 1.340 Probanden zeigten drei Prozent der Befragten ein orthorektisches Essverhalten.

Gesunde Ernährung als Gesellschaftsphänomen

Lebensmittelskandale, Krankheitswellen, Selbstoptimierung und Beiträge über Massentierhaltung: Durch die Medien verbreiten sich solche Nachrichten wie ein Lauffeuer, sind omnipräsent und so ein häufiger Auslöser für die Orthorexie. Als Reaktion darauf versuchen Betroffene potentielle Krankmacher aus ihrer Ernährung auszuschließen und so den Krankheiten entgegenzuwirken.

Aber auch soziale Medien wie Instagram können ein Auslöser sein. Influencer propagieren und zelebrieren ihren gesunden Lebensstil im extremen Maße und leben anderen Nutzern vor, wie eine gesunde Ernährung auszusehen hat. Viele lassen sich von der "Healthy-Lifestyle-Propaganda" anstecken und hören auf die selbsternannten Ernährungsprofis. Eine Studie des University College in London ergab, dass Menschen, die oft Instagram nutzen, häufiger Symptome einer Orthorexie aufweisen. Gefährdet sind aber vor allem auch Menschen, die sich beruflich viel mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen, wie zum Beispiel Ernährungsberater oder Fitnesstrainer.  

Essen ohne Genuss

In der MediClin Seepark-Klinik in Bad Bodenteich sollen die Patienten nach und nach wieder an ein normales Verhältnis zum Essen herangeführt werden, überwiegend in Einzel- und Gruppentherapien oder im Kochunterricht. In der Lehrküche werden gemeinsam mit Ernährungsberatern Rezepte gekocht, die vollwertig und gesund sind. Für die Patienten ist es trotzdem sehr schwer zu akzeptieren, dass sowohl Fette, als auch Zucker in Maßen gesund sind. Deshalb gibt es auch beim Essen klare Regeln: Jeder hat eine halbe Stunde Zeit zu essen, dann muss der Teller leer sein. Auch würzen ist verboten, denn die Patienten versuchen oft ihr Essen zu versalzen, damit es ungenießbar ist. Um das Einhalten dieser Regeln sicherzustellen, überwachen Ernährungsberater die Mahlzeiten.

Nachhaltig problematisch ist bei Orthorektikern der Verlust am Genuss am Essen generell. Diesen müssen sie erst wieder Schritt für Schritt lernen. Einzig und allein die Einteilung in richtig und falsch der Lebensmittel, ist für sie noch von Bedeutung.

Autorin: Lena Gräf (WDR)

Stand: 07.09.2018 10:01 Uhr

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