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Vorsicht, Papierfischchen!

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Vorsicht, Papierfischchen!  | Video verfügbar bis 28.09.2024 | Bild: hr

Sie lieben Papier, Karton und Stärkereste in Textilien: Papierfischchen. Dokumente, Fotos, alte Bücher, Tapeten, selbst wertvolle Gemälde können ihnen zum Opfer fallen. Alles, was Zellulose enthält, nagen sie an. Bis vor wenigen Jahren waren die Insekten in Deutschland noch kaum bekannt, nun werden sie immer mehr zum Problem. Inzwischen sind die etwa einen Zentimeter großen Krabbeltiere in Museen, Archiven, aber auch in Wohngebäuden zu finden.

Nachtaktive Tiere

Papierfischchen sehen dem Silberfischchen zum Verwechseln ähnlich. Selbst Experten können beide Arten nur unter dem Mikroskop unterscheiden. Doch im Gegensatz zum Silberfischchen sind Papierfischchen echte Schädlinge. Oft bemerkt man sie erst, wenn es zu spät ist. Denn die lichtscheuen Insekten sind nachtaktiv und nur schwer zu entdecken. Sie lieben dunkle Ecken und Ritzen, nur zum Fressen und zur Vermehrung kommen sie daraus hervor. Bei Erschütterung oder plötzlichem Lichteinfall ziehen sie sich zurück, verstecken sich hinter Sockelleisten oder Möbeln.

Gelangen sie in Bücherregale oder Archive, können sie innerhalb weniger Jahre Bücher oder Dokumente zerstören. Selbst ganz junge Papierfischchen, die noch durchsichtigen Nymphen, können großen Schaden anrichten. Sie sind so klein, dass sie durch die Spalten von Bilderrahmen passen. Hinter dem Bilderrücken versteckt, schaben sie dann das Papier Schicht für Schicht ab.

Papierfischchen – großer Schrecken für Museen und Archive

Ein Zeitschrift mit zerlöcherten Seiten
Die Schrift ist kaum noch zu lesen. | Bild: hr

Wenn es warm und trocken ist, können sich Papierfischchen schnell vermehren. Am wohlsten fühlen sie sich bei Temperaturen über 20 Grad Celsius. Und diese finden sie in fast allen modernen Gebäuden: Büros, Wohnräumen, aber auch in den Depots von Museen. Dort ist die Ausbreitung der Papierfischchen besonders heikel, denn die Schäden, die sie in Museumsbeständen anrichten können, sind immens. Im schlimmsten Fall sind einmalige Kunstwerke oder historische Schriftstücke für immer verloren.

Um das zu verhindern, untersucht in den staatlichen Museen zu Berlin Museumsbiologe Bill Landsberger die Objekte regelmäßig auf Papierfischchenbefall. Mit einer Taschenlampe sucht er die Passepartout-Ränder der Zeichnungen ab und fährt Objekte mit einer Lupe ab, um nach Hinterlassenschaften zu suchen. So kann er schon frühzeitig Schäden entdecken und verhindern. Papierfischchen mögen aber nicht nur Papier, auch farbige Pigmente haben es ihnen angetan. Rot zieht sie besonders an. Warum das so ist, ist bislang noch nicht erforscht.

Papierfischchen auf dem Vormarsch 

Woher Papierfischchen ursprünglich kommen, ist nicht geklärt. Untersuchungen deuten darauf hin, dass es die Tiere schon seit mehr als 350 Millionen Jahren gibt. Erstmals beschrieben wurden sie in der afrikanischen Region Nieder-Guinea. Wahrscheinlich gelangten sie mit dem Warenverkehr nach Europa. Und hier breiten sie sich immer weiter aus. In den Niederlanden hat man sie bereits seit rund 20 Jahren im Blick, sie sind inzwischen fast überall zu finden.

Das Kompetenzzentrum für Schädlinge und Wildtiere in Wageningen (KAD) erforscht die Ausbreitung der Insekten. In Supermärkten, Privathäusern, Lagern, und Büros haben sie die Fischchen schon entdeckt. Wie verbreitet Papierfischchen in Deutschland sind, können die niederländischen Experten bislang nur mutmaßen. Nach einem Aufruf in der Presse bekamen sie auch Exemplare aus Deutschland zur Bestimmung zugeschickt – besonders viele aus der deutsch-niederländischen Grenzregion. Vielleicht sind sie aber viel weiter verbreitet, als wir wissen.

Die Papierfischchen reisen gerne in Kartonagen mit: Verpackungen von Lebensmitteln, Waren, Umzugskartons oder Archivboxen. Sie sitzen in den Rillen der Wellpappe oder verstecken sich unter den Faltklappen. Mit dem zunehmenden Versandhandel kommen sie unbemerkt in die Häuser.

Wie wird man Papierfischchen wieder los?

Um einen Befall zu verhindern, sollten Bücher regelmäßig untersucht werden. Wertvolle Briefmarken oder Dokumente verstaut man am besten in Plastikboxen. Die Insekten können an glatten Oberflächen nicht emporkrabbeln. Hat man Papierfischchen einmal im Haus, wird man sie nur schwer wieder los. Professionelle Schädlingsbekämpfer sind dann gefragt. Sie müssen jedes Möbelstück zur Seite schieben, festmontierte Schränke von der Wand abschrauben, Bücher aus den Regalen holen und ausschütteln. Dann besprühen die Fachleute jede Ritze mit Pestiziden. Wegen der giftigen Dämpfe müssen die Bewohner für mehrere Stunden das Haus verlassen. Eine Garantie, dass die Plagegeister dann für immer weg sind, gibt es aber nicht. Denn die Fischchen können durch Mauerritzen auch zu den Nachbarn flüchten und später wiederkommen.

Papierfischen-Bekämpfung – Museen brauchen sanftere Methoden

Museumsbiologe Bill Landsberger
Museumsbiologe Bill Landsberger untersucht ein Objekt auf Papierfischchenbefall. | Bild: hr

Gift versprühen können Museen nicht, weil das die Objekte beschädigen würde. Museumsbiologe Bill Landsberger wendet eine Kombination verschiedener Methoden an. In den Depots stellt er Fallen auf, um zu kontrollieren, ob seine Maßnahmen wirken. Ein Weg, um das Eindringen der Insekten ins Depot zu verhindern, sind bodennahe Abdichtungen an den Türen. Damit sie nicht über Ritzen in die Mauerfugen schlüpfen können, verstreut Landsberger dort Diatomeenerde, ein natürliches Insektizid aus Kieselalgen. Da Diatomeenerde stark reizend ist, setzt der Biologe sie nur dort ein, wo sie nicht aufgewirbelt werden kann und wo kein Publikum hinkommt.

Eine andere Methode, um die Ausbreitung der Schädlinge zu stoppen, ist Kälte. Temperaturen von minus 30 Grad töten die Fischchen und auch ihre Eier ab. Leihobjekte anderer Museen kommen deshalb für einige Tage in die Kühlkammer. Für den gesamten Bestand ist das Gefrierfach aber keine Lösung.

Noch viel Forschung nötig

Obwohl es Papierfischchen schon seit Urzeiten gibt, wissen wir noch erstaunlich wenig über sie. Aus Europa verschwinden werden sie sicherlich nicht mehr. Um zumindest zu verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten, ist aber noch viel Forschung nötig. Etwa um herauszufinden, was sie noch lieber fressen als Papier oder ob es Inhaltsstoffe gibt, die sie gar nicht mögen. Diese könnten dann künftig Verpackungen und Kartons beigemischt werden, um so die Verbreitung der gefräßigen Tierchen einzudämmen.

Autorin: Aleksandra van de Pol (hr)

Stand: 03.10.2019 19:40 Uhr

Sendetermin

Sa, 28.09.19 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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