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Wie gefährlich sind Pedelecs?

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Wie gefährlich sind Pedelecs? | Video verfügbar bis 10.06.2022 | Bild: SWR

Anfang des Jahres veröffentlicht das Statistische Bundesamt beunruhigende Zahlen: 2016 gab es 39 Prozent mehr Tote bei Pedelec-Unfällen als im Jahr zuvor. Nur eine von vielen weiteren Horror-Zahlen. Allein in Baden-Württemberg gab es 2016 sieben Mal so viele Unfälle als noch 2012, die Unfallstatistiken vieler anderer Bundesländer sehen ähnlich aus. Natürlich: Der Anteil an Pedelecs steigt ebenso jedes Jahr, und je mehr davon auf den Straßen unterwegs sind, desto mehr tauchen auch in den Unfallstatistiken auf. Fragt man Experten, hätten alle angesichts der boomenden Verkaufszahlen sogar noch mit viel mehr Unfällen gerechnet. Dazu kommt, dass gerade Pedelecs – dem unterstützenden Antrieb sei Dank – besonders viele Kilometer zurücklegen. Mehr als normale Fahrräder. Und mit jedem Kilometer unterwegs steigt das statistische Unfallrisiko. So weit, so die nackten Zahlen. Fakt ist aber auch, dass Unfälle mit Pedelecs oft schlimmere Folgen haben. Liegt das an der Geschwindigkeit? Immerhin sind bis zu 25 Stundenkilometer möglich. Das kann, gerade innerorts, das Unfallpotenzial steigern. Allerdings belegen Umfragen auch, dass die meisten Pedelecfahrer die Höchstgeschwindigkeit gar nicht ausnutzen, sondern nur etwa drei bis vier Stundenkilometer schneller fahren als gewöhnliche Räder – etwa 15 Stundenkilometer also. Woran liegt es dann also, wenn es mit dem Pedelec kracht?

Senioren: Nach langer Pause zurück aufs Rad

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Was sollte man vor dem Kauf eines Pedelecs wissen, und wer sollte lieber keines fahren? | Bild: SWR

Wir werden immer älter und wollen auch im Alter noch mobil sein. Das betrifft Pkw genauso wie das Fahrrad. Gerade ältere Menschen sind vom normalen Fahrrad aber längst abgestiegen, zu anstrengend ist manche Steigung, das Antreten gegen den Wind, die Strecken zu lang. Doch dank der Unterstützung durch E-Bike oder Pedelec sattelt doch so manch einer wieder um. Das ist gut – aber manchmal auch gefährlich. Denn, so beschreibt es beispielsweise ADFC-Trainer Peter Beckmann, vielen fehlen inzwischen Grundfertigkeiten zum Radfahren wie etwa der Gleichgewichtssinn oder das Reaktionsvermögen. Beckmann gibt spezielle Pedelec-Kurse, bei denen er die technischen Besonderheiten der Räder erklärt. Aber zu jedem Kurs gehört auch ein Fahrtraining, bei dem Lenken, Bremsen und enge Kurven Fahren geübt werden. "In der Regel sind Pedelecs mit einer sehr guten Technik ausgestattet, das heißt, ich habe teilweise auch beste Bremsen verbaut. Und wenn Sie von einem älteren normalen Fahrrad mit einer ganz einfachen Seilzugbremse auf eine Scheibenbremsen wechseln, dann haben Sie auf einmal eine ganz andere Bremswirkung. Das führt dazu, dass ich einen Überschlag machen kann, dass ich auch zur Seite wegrutschen kann, weil ich einfach überbremse", erklärt Beckmann. Das ist nur eine der Eigenheiten von Pedelecs. Auch sollten Anfänger, so sein Rat, erst einmal mit wenig elektrischem Antrieb anfangen und sich so langsam an die Beschleunigung gewöhnen.

Kollision oder Alleinsturz?

Pedelec-Fahrerin wird von einem Pkw überholt
Außerorts fehlen häufig Radwege. | Bild: SWR

Was passiert, wenn jemand nicht mit den Besonderheiten seines Pedelecs zurechtkommt, sind oft sogenannte Alleinstürze. Das sind Unfälle, bei denen kein anderer Verkehrsteilnehmer beteiligt ist. Experten der Unfallforschung Deutscher Versicherer haben beispielsweise in einer Studie ermittelt, dass 50 Prozent aller Radunfälle "Alleinstürze" waren und nur 27 Prozent Kollisionen von Radfahrern mit Autos. Auch das Argument, Autofahrer könnten die höhere Geschwindigkeit von Fahrrädern mit Motor-Unterstützung im Verkehr unterschätzen, macht also kaum den Haupt-Gefahrenfaktor für Pedelecs im Straßenverkehr aus. Weil "Alleinstürze" außerdem oft mit eher geringen Folgen ablaufen und deshalb von den betroffenen Radfahrern gar nicht erst der Polizei gemeldet werden, schätzen Experten die Dunkelziffer dementsprechend hoch ein. Viele der Pedelec-Unfälle aus den zunächst besorgniserregend klingenden Statistiken dürften sich also aus den steigenden Verkaufszahlen und der Hauptkundschaft –durchschnittlich ältere Menschen mit erhöhtem Verletzungsrisiko und wenig Fahrpraxis – erklären lassen.

Was bleibt, sind praktische Fragen, ob die Anschaffung eines Pedelecs lohnt. Denn gerade wer auch außerorts, etwa als Pendler zur Arbeit und zurück, fahren will, hat es oft schwer. Zwar reichen Akku und damit die Reichweite aktueller Pedelec Modelle meist aus, was fehlt, ist aber der sicher ausgebaute Radweg. Zwar richten deutsche Großstädte Fahrradstraßen und Radwege nach und nach ein, doch gerade im ländlichen Raum finden sich Radfahrer dann doch oft am Rand einer vielbefahrenen Landstraße wieder, auf der die Autos nur so an ihnen vorbeizischen. Ob er das geld, durchschnittlich 2.000 bis 3.000 Euro für ein neues Pedelec ausgeben möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mehr Unfallpotenzial als normale Räder haben sie aber nicht.

Autorin: Sophie König (SWR)

Stand: 10.06.2017 16:08 Uhr

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Sa., 10.06.17 | 16:00 Uhr
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