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Pilzschwund im Wald

PlayPilz am Waldboden
Pilzschwund im Wald | Video verfügbar bis 21.10.2022 | Bild: hr

Claus Bässler hat eine Mission: Er will das Schattendasein der Pilze beenden. Denn die meisten der über 6.000 Großpilzarten in Deutschland leben weitgehend unbeachtet in unseren Wäldern. Bekannt sind zumeist nur die Speisepilze – wie Steinpilze, Maronen oder Pfifferlinge. Doch die machen nur einen Bruchteil der Pilzwelt aus. Viele Pilze leben an und in Bäumen, sind sehr klein oder ganz und gar unscheinbar. Wahrscheinlich fällt vielen Menschen deshalb nicht auf, dass es immer weniger Pilze gibt: Unsere einheimischen Pilze sind in Gefahr. Dabei sind sie enorm wichtig für unsere Wälder. Laub und Totholz würde sich in den Wäldern türmen, erläutert der Mykologe Dr. Claus Bässler, zuständig für die Pilzforschung im Nationalpark Bayerischer Wald. Außerdem könnten Bäume nicht so groß werden, wenn sie nicht Pilze als Partner hätten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie maximal halb so groß werden würden. Bäume gehen mit den sogenannten Mykorrhiza-Pilzen symbiotische Lebensgemeinschaften ein, von denen beide profitieren.

Verborgenes Leben der Pilze

Mycel
Mycel: Ein feines Gespinnst wirkt Wunder. | Bild: hr

Pilze führen hauptsächlich ein Leben im Untergrund, also im Boden oder auch in Baumstämmen. Was wir sehen und umgangssprachlich als Pilze bezeichnen, sind nur die Fruchtkörper. Im Boden besteht der Pilz aus einem extrem feinen Geflecht, dem Mycel. Das Mycel der Mykorrhiza-Pilze umfasst und durchdringt die Wurzeln von Bäumen und anderen Pflanzen und liefert ihnen Nährstoffe. Das Pilzgeflecht kann sich über weite Flächen ausbreiten. Es speichert Wasser und Bodennährstoffe – etwa Stickstoff und Phosphor – und gibt Wasser und Nährstoffe an die Bäume weiter. Als Gegenleistung bekommen die Pilze von den Bäumen Zuckerverbindungen. Die können sie nicht selbst herstellen, brauchen sie aber zum Wachsen. Pilze und Bäume versorgen sich aber nicht nur mit lebensnotwendigen Nährstoffen, das Pilzmycel übernimmt auch die Kommunikation zwischen den Bäumen. Nach neueren Erkenntnissen transportiert es auch Stoffe, die vor Fraßinsekten warnen. Außerdem verbindet das Pilzgeflecht  Bäume einer Art miteinander – also junge und alte Bäume, Bäume auf verschiedenen Standorten. Das Pilzmycel sorgt somit für einen ausgleichenden Nährstoffaustausch und stabilisiert so das ganze Ökosystem Wald.

Ursachen für Pilzschwund – Überdüngung und moderne Forstwirtschaft

Wald
Dieser Wald bietet wenig Platz für Pilze. | Bild: hr

Trotz dieser Leistungen haben Pilze keine Lobby. Ein riesiges Problem ist die moderne Landwirtschaft. Durch den weitverbreiteten Düngereinsatz gelangt viel Stickstoff auch in die Wälder, dadurch gedeihen sie schlechter. Denn viele Pilze brauchen nährstoffarme Böden. Das zweite Problem: In den meisten deutschen Wäldern geht es vor allem ums Geldverdienen. Die Bäume stehen eng, sie sollen gerade nach oben wachsen und möglichst früh geerntet werden. Selbst wenn nach der Ernte Bäume nachgepflanzt werden, entstehen dadurch noch keine natürlichen Wälder. Im klassischen Wirtschaftswald erreicht kaum ein Baum sein natürliches Alter. Und in einem natürlichen, vom Menschen unbeeinflussten Wald, sterben alte Bäume langsam ab und das ist wiederum wichtig für die Pilze.

Claus Bässler zeigt uns im Nationalpark Bayerischer Wald einen Urwaldrest, in dem nie Forstwirtschaft betrieben wurde. Hier leben und sterben Bäume ungestört. Und dabei bieten sie zahllosen Pilzen eine Lebensgrundlage. Dazu kommt, dass auch viele andere Pflanzen und Tiere von toten Bäumen profitieren. Insekten entwickeln sich zum Beispiel im morschen Holz, Spechte gehen hier auf Nahrungssuche, Fledermäuse, Steinkauz, Marder und Wildkatze finden in den Baumhöhlen Unterschlupf.

Baumfällen für den Pilzschutz

Gefällte Bäume
Gefällte Bäume helfen dem Ökosystem Wald. | Bild: hr

Der Mykologe Claus Bässler versucht, die Erkenntnisse aus dem intakten Ökosystem Urwald in den normalen Wirtschaftswald zu übertragen. Er erforscht, welche Maßnahmen im Wirtschaftswald den Pilzen helfen. Dazu hat er Experimentierzonen eingerichtet, die auf den ersten Blick ungewöhnlich aussehen. Er hat Bäume fällen und Baumkronen kappen lassen, um mehr Totholz in den Wald zu bekommen. Auf einigen Experimentierflächen gibt es nur liegendes Totholz einer Baumart, auf anderen Totholz von mehreren Baumarten, es gibt stehendes und liegendes Totholz, besonnte und schattige Flächen. Noch sind die Experimente nicht vollständig abgeschlossen, aber schon jetzt ist klar, dass eine Kombination von mehreren Baumarten und von liegendem und stehendem Totholz besonders günstig für die Pilzvielfalt ist. Außerdem brauchen Pilze Licht – kleine oder größere Waldlücken, die der Sonne erlauben, bis zum Boden vorzudringen.

Wie gefährdet sind unsere Pilze?

Pilzkundlerin Hermine Lotz-Winter
Pilze bestimmen mit allen Sinnen. Die ehrenamtliche Pilzkundlerin Hermine Lotz-Winter bei der Arbeit. | Bild: hr

Wie schlecht es um die Pilzvielfalt in unseren Wäldern bestellt ist, zeigt die Rote Liste der Pilze in Deutschland. 2016 erschien eine Neuauflage. Die meisten Daten für die Liste werden von ehrenamtlichen Pilzkundlern und Pilzfreunden ermittelt. Mehr als drei Millionen Pilze haben die Ehrenamtlichen in Deutschland für die aktuelle Liste begutachtet und bestimmt. Richtig viel Arbeit – zumal die meisten der über 6.000 Großpilzarten nicht vor Ort bestimmt werden können. Die Ehrenamtlichen müssen sie mit nach Hause nehmen und mithilfe von Büchern oder gar mikroskopisch bestimmen. Das Ergebnis ihrer Bestandsaufnahme ist besorgniserregend: Mindestens ein Viertel der heimischen Pilze ist gefährdet. Wahrscheinlich sind es sogar mehr. Denn für viele Pilzarten kann der Gefährdungsgrad nicht bewertet werden, da über sie nicht genügend Daten vorliegen.

Rettung für besonders seltene Pilze?

Dr. Claus Bässler bei der Probenentnahme.
Hat sich der "Duftende Feuerschwamm" ansiedeln lassen? Dr. Claus Bässler bei der Probenentnahme.  | Bild: hr

Claus Bässler möchte möglichst viele der gefährdeten Pilze retten, den "Duftenden Feuerschwamm" zum Beispiel. Er wächst in Deutschland nur noch an einer toten Tanne im Nationalpark Bayerischer Wald. Seine Idee ist es, den Pilz wieder zu verbreiten. Um zu überprüfen, ob das funktioniert,  hat er vor zwei Jahren kleine Teile des Duftenden Feuerschwamms entnommen, kultiviert und auf Holzdübel übertragen. Diese Holzdübel hat er in eine andere Tanne eingebracht. Er hofft nun, dass der Pilz die Totholztanne besiedelt hat. Um das zu überprüfen, nimmt er Proben, bohrt kleine Späne aus dem Stamm. Die schickt er in ein Labor und lässt sie dort untersuchen. In einigen Monaten wird er es genau wissen, so lange dauert es noch bis die Ergebnisse vorliegen.

Doch egal, wie das Ergebnis ausfällt. Er wird weiter kämpfen für den Pilzschutz und damit auch für das Fortbestehen unserer Wälder. Und er hat erste Erfolge: Einige Förster und Waldbesitzer konnte er überzeugen, seine Empfehlungen umzusetzen.

Autorin: Anja Galonska (hr)

Stand: 31.07.2019 08:08 Uhr