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Die Katastrophe üben: Rettungseinsatz am Königssee

PlayFeuerwehr und Wasserwacht in einem Boot.
Die Katastrophe üben: Rettungseinsatz am Königssee | Video verfügbar bis 04.11.2022 | Bild: Jan Kerckhoff

"Daniel, wo bist du?", "Hilfe, meine Kinder!" – verzweifelte Rufe schallen durch den Bergwald. Zwischen Geröll und umgestürzten Bäumen liegen Verletzte mit blutenden Wunden und offenen Knochenbrüchen. Andere torkeln verwirrt umher – eine Szene wie aus einem Zombi-Film. Dichte Staubschwaden erschweren die Sicht. Ein Felssturz hat 33 Menschen verletzt. Es ist das katastrophale Ende eines Wanderausflugs am Eisbach, nahe dem berühmten Wallfahrtsort St. Bartholomä am Königssee im Berchtesgadener Land. In Sichtweite thront die eindrucksvolle Ostwand des Watzmann über dem Geschehen.

Aber es gibt dennoch keine Opfer. Denn das Ganze ist das Szenario einer großen Katastrophenschutzübung: 33 geschminkte Statisten mimen Verletzte. Zusätzlich wurden sieben Holzpuppen in besonders heikle Unfallsituationen gebracht, etwa unter schwere Felsbrocken oder umgeworfene Bäume gelegt. Und vier Nebelmaschinen simulieren Staubwolken, die der angenommene Felssturz aufgewirbelt hat.

Szenen aus Zombi- und Katastrophenfilm

Feuerwehr und Wasserwacht in einem Boot.
Feuerwehr und Wasserwacht auf dem Weg zum Unglücksort. | Bild: Jan Kerckhoff

Auf den ersten Blick wirkt das Szenario wie aus einem schlechten Katastrophenfilm. Aber es gibt genug Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, die es sinnvoll erscheinen lassen: "Schon einmal, 2011, gab es hier einen Felssturz", erklärt Georg Grabner, der als zuständiger Landrat den Katastrophenfall ausrufen muss. Und 2014 stürzten nachts um zwei Uhr 35.000 Kubikmeter Fels auf die Felbertauernstraße in Osttirol und erst kürzlich, im August 2017, ereignete sich der große Felssturz oberhalb von Bondo in der Schweiz mit acht Toten. Bei diesem Übungsszenario werden es später noch mehr sein.

Zurück zur Übung: Zwölf Minuten nach dem Notruf, in der maximal vom Rettungsdienstgesetz vorgeschriebene Zeit, treffen die ersten Retter – Feuerwehr und Wasserwacht am Königssee ein und besteigen das schnellste Boot. Das Problem: Wegen der Staubwolken können Hubschrauber nicht fliegen, also müssen die Erstretter, aber auch alle späteren Einsatzkräfte vom Nordufer bei Schönau zum südlichen Teil des Königssees nach St. Bartholomä, rund fünf Kilometer, per Boot zurücklegen. Das kostet wertvolle Zeit.

An Bord geht es etwas hektisch  zu: "Die ersten fünfzehn Minuten sind immer etwas chaotisch", weiß Christoph Golser von der Wasserwacht Berchtesgaden. "Wir fahren jetzt als Erste hin, schauen was los ist und alarmieren dann – wenn nötig – nach."

Gespieltes Chaos für 200 Retter

Rettungskraft bei einem Verletzten
Insgesamt 200 Retter sind im Einsatz. | Bild: Jan Kerckhoff

Und es ist nötig: Am Unglücksort sorgen die Statisten für gut inszeniertes Chaos und bringen den ersten Trupp Feuerwehrmänner gehörig ins Schwitzen. Schnell ist klar, dass Dutzende Verletzte und Tote im Bergwald weit verstreut sind. Insgesamt werden 200 Retter angefordert, von Feuerwehr, Rettungsdienst, Wasserwacht und Bergwacht. Auch Hundestaffel, Taucher der Feuerwehr sowie eine spezielle Technikgruppe der Bergwacht, die mit einer Drohne Vermisste suchen soll, sind schließlich vor Ort.

Aus Fehlern lernen

Die Ersthelfer müssen zunächst die leichter verletzten, herumirrenden Opfer einfangen und beruhigen und dann versuchen, einen Überblick zu gewinnen, um die Lage beurteilen zu können. Das klappt anfangs nicht fehlerfrei. Eine Statistin bringt mit ihrem Geschrei die ersten Feuerwehrmänner so aus dem Konzept, dass die von einem lebensgefährlich Verletzten ablassen und – wie von der Frau lautstark gefordert – erst einen leichter Verletzten versorgen. Aber das ist ja auch ein Zweck der Übung: aus solchen Fehlern zu lernen. Der Hauptzweck aber ist die Koordination der vielen verschiedenen Rettungskräfte und deren Zusammenspiel zu üben.

Suchhunde, Taucher und Drohne

Ein Rettungstaucher bereitet sich auf seinen Einsatz vor.
Rettungstaucher bergen zwei Tote. | Bild: Jan Kerckhoff

Schon nach etwa 30 Minuten sind die Hundeführer mit ihren Suchhunden unterwegs, um weitere Vermisste zu suchen. Da haben die Feuerwehrmänner bereits gut die Hälfte der Verletzten geborgen und zu den Rettungskräften an der Sammelstelle gebracht. Sie leisten die Erstversorgung und bringen die Verletzten zu den wartenden Booten der Wasserwacht.

Eine Stunde nach Eintreffen des Notrufs ist auch die Drohne der Bergwacht im Einsatz. Sie kann schneller weite Strecken als die Suchhunde zurücklegen und auch bei schlechter Sicht, wenn Hubschrauber nicht fliegen können, in der Luft sein: "Oft sieht man im Nebel doch noch 30, 40 Meter weit", sagt Drohnenpilot Alexander Beaury, "und das kann schon reichen, wenn man irgendeinen Graben oder Felsen vor sich absucht, zu dem nicht hinkommt oder nur sehr aufwendig. Das würde eine sehr lange Zeit dauern." Währenddessen sind auch Taucher der Feuerwehr aus Bad Reichenhall eingetroffen und bergen zwei Tote – dargestellt durch versenkte Plastikkanister.

Einzig zwei sehr spät, erst nach über einer Stunde, versorgte Schwerstverletzte trüben etwas das Bild der insgesamt gut verlaufenen Übung. Das Problem: weite Strecken im unwegsamen Gelände, keine Unterstützung durch Helikopter und ein langer Transportweg – all das kostet Zeit. "Und die Einsatzstelle war aus Sicherheitsgründen lange Zeit nicht für uns freigegeben", erklärt Bernhard Hanser vom Bayerischen Roten Kreuz. Für die Einsatzkräfte gilt: Eigensicherung geht vor. Sie mussten erst sichergehen, dass nicht weitere Felsmassen abgehen und sie selbst gefährden. Das Warten hat ebenfalls wertvolle Zeit gekostet. Aber selbst die beiden gespielten Schwerstverletzten werden laut Szenario das Unglück überleben. Bilanz: 33 zum Teil Schwerverletzte und neun Tote – denn bei den sieben Puppen und den zwei Plastikkanistern konnten die Retter nichts mehr erreichen, sie haben – kaum verwunderlich – das Unglück nicht überlebt.

Autor: Jan Kerckhoff (BR)

Erste Hilfe – so machen Sie es richtig!

Wenn eine Person bewusstlos zusammenbricht oder vor Ihnen liegt:
Zögern Sie nicht, helfen Sie sofort! Fachverbände, Notärzte und Intensivmediziner empfehlen in der Initiative „Ein Leben retten“ (www.einlebenretten.de) folgende drei Schritte:

PRÜFEN: Sprechen Sie die Person an, schütteln Sie sie an den Schultern, achten Sie auf die Atmung.

RUFEN: Rufen Sie die 112 an. Oder veranlassen Sie jemand anderen zum Notruf und beginnen selbst mit der Wiederbelebung.

DRÜCKEN: Machen Sie eine Herzdruckmassage. Machen Sie die Brust frei und drücken Sie das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten, und zwar in einer Frequenz von 100 bis 120 Mal pro Minute. Als Richtwert kann man sich den Bee-Gees-Hits "Staying Alive" in Erinnerung rufen, das sind 109 Beats pro Minute.

Nach 30 mal Drücken beatmen Sie zwei Mal Mund-zu-Mund. Nutzen Sie dafür eine Beatmungsmaske. Solche Masken – schlichte Folien, die man als Schlüsselanhänger für 1 bis 2 Euro kaufen und immer bei sichi haben kann – schützen Sie und den Patienten vor ansteckenden Krankheiten.

Hören Sie mit der Reanimation nicht auf, bis Hilfe eintrifft. Das ist meist nach 10 Minuten der Fall, auf dem Land kann es auch mal 15 Minuten dauern.

Stand: 31.07.2019 09:41 Uhr

Sendetermin

So., 05.11.17 | 03:55 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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