SENDETERMIN Sa, 19.08.17 | 16:00 Uhr | Das Erste

Der Regenwurm - Deutschlands wichtigster "Gärtner"

PlayBadischer Riesenregenwurm auf einem Waldboden
Der Regenwurm - Deutschlands wichtigster "Gärtner" | Video verfügbar bis 19.08.2022 | Bild: Otto Ehrmann

Er wird um die 50 Zentimeter lang, hat einen Durchmesser von bis zu 16 Millimetern, und wiegt circa 50 Gramm: der badische Riesenregenwurm (Lumbricus badensis). Unter den 49 bekannten Regenwurmarten in Deutschland ist er der Exot. Denn er ist nicht nur deutlich größer als seine Artgenossen, sondern auch deutlich wählerischer: Der badische Riese kommt nur in einer bestimmten Region des Hochschwarzwalds vor. Er versteckt sich dort tief in der Erde und zeigt sich ausschließlich nachts, nach feuchten Wetterperioden. Und dann auch nur, wenn man sehr vorsichtig ist: Denn er reagiert schon auf feinste Erschütterungen. Bei drohender Gefahr zieht er sich sofort in seine Gänge zurück.

Fressfeinde stehen Schlange

Der größte deutsche Regenwurm macht sich also rar. Und das ist wichtig. Der Bodenbiologe Dr. Otto Ehrmann erklärt den Grund für diese Überlebensstrategie: "Regenwürmer haben einfach eine tolle Zusammensetzung: keine lästigen Knochen, 66 Prozent Eiweiß. Und: Regenwürmer kommen in einer Dichte vor, wie sonst kaum andere Tiere. Da stehen die Fressfeinde natürlich Schlange. Gerade bei einem so großen Wurm."

Eine kleine Regenwurmart und der L. badensos im Größenvergleich
Der badische Riesenregenwurm im Vergleich zu einem Artgenossen "normaler" Größe. | Bild: Otto Ehrmann

Regenwürmer sind feinste Biomasse. Das hochgerechnete Gesamtgewicht aller in Baden-Württemberg lebender Regenwürmer – circa 2,3 Millionen Tonnen – entspricht fast dem Doppelten der Gewichtsmenge aller Menschen, Rinder und Schweine im "Ländle" zusammen. Es gibt sie also reichlich davon. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Bedeutung häufig unterschätzt wird.

Der Regenwurm - Deutschlands wichtigster Gärtner

Durch die Gänge, die der Regenwurm baut, verbessert er unsere Böden. Die millimetergroßen Röhren sorgen für eine natürliche Durchlüftung des Bodens. Und indem der Regenwurm Blätter und Pflanzenreste frisst, wandelt er Biomasse in fruchtbaren "Dünger". "Gerade im Wald verbessert der Regenwurm das Nährstoffrecycling", weiß Dr. Otto Ehrmann. "Die Blätter werden viel schneller abgebaut. Die Nährstoffe, die in den Blättern gebunden sind, stehen der Vegetation viel früher zur Verfügung. Die Bäume wachsen so besser, der Boden ist besser durchlüftet und nimmt dadurch mehr Wasser auf."

Bodenquerschnitt mit Regenwurmröhren
Regenwürmer durchziehen den Unterboden mit einem komplexen Röhrensystem. | Bild: Otto Ehrmann

Man kann den Regenwurm also getrost als Deutschlands wichtigsten "Gärtner" bezeichnen. Er arbeitet in großer Zahl – und kostenlos. Unter einer Wiesenfläche von einem Quadratmeter leben zwischen 100 bis 500 Regenwürmer. Unterhalb dieses Quadrameters bauen sie – unter guten Vorraussetzungen – Tunnel mit einer Gesamtlänge von bis zu einem Kilometer.

Regenwurm zunehmend unter Druck

Und doch steht der Regenwurm zunehmend unter Druck: Durch überschwere Maschinen wird sein Lebensraum buchstäblich zerdrückt, bei Monokulturen wie Silomais fehlt ihm die Nahrung, durch zu viel Gülle aus der Massentierhaltung wird er verätzt, zu intensive Bodenbearbeitung verletzt viele Regenwürmer, manche Pestizide können seine Vermehrungsrate vermindern und bei zu hoher Bodenerosion verschwindet langfristig sein Lebensraum.

Regenwurmpfad mit "badischem Riesen"

Und auch für den badischen Riesenregenwurm könnten die guten Zeiten bald vorbei sein. Aufgrund seines speziellen Lebensraums setzt ihm die Klimaerwärmung vermutlich zu. Sein Vorkommen beschränkt sich auf das atlantisch geprägte Klima in den mittleren und höheren Lagen des Südschwarzwalds. Dort hat er es sich im verhältnismäßigen sauren Boden gemütlich gemacht. Wird es wärmer und trockener, wird es ihm in den mittleren Lagen des Schwarzwaldes ungemütlich werden. "Da er die oberen Lagen des Schwarzwaldes aber schon besiedelt, kann man sich ausrechnen, dass sein Areal in einigen Jahrzehnten deutlich kleiner sein wird", warnt Dr. Otto Ehrmann.

Wer den badischen Riesen sehen will, sollte dennoch nicht auf eigene Faust suchen. Die Erfolgsaussichten sind ohne professionelle Begleitung gering. Am Belchen gibt es deshalb einen knapp zweieinhalb Kilometer langen Regenwurmpfad. An zwölf Stationen kann man sich dort in Sachen Lumbricus badensis informieren. Und im Haus der Natur am Feldberg lässt sich der Badische Riesenregenwurm in einer Dauerstellung sogar in Originalgröße bestaunen.

Autor: Fabian Wolf (WDR)

Stand: 18.08.2017 22:46 Uhr