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Ritalin: Neues Diagnoseverfahren

PlayEin Tablette Ritalin liegt auf einem Tisch.
Ritalin: Neues Diagnoseverfahren | Video verfügbar bis 16.03.2023 | Bild: BR

Seit 2018 darf in Deutschland der Wirkstoff Methylphenidad, bekannt unter dem Medikamentennamen Ritalin, schneller und einfacher verschrieben werden.  Er wirkt bei ADHS, landläufig Zappelphilipp-Syndrom genannt. Betroffene Kinder können sich nicht konzentrieren und leiden meist sehr unter ihrer Unruhe. ADHS ist allerdings nicht immer leicht zu diagnostizieren. Häufige Fehldiagnosen führen dazu, dass Ritalin oft falsch verordnet wird. Ein neues Diagnoseverfahren aus der Schweiz könnte das in Zukunft verhindern.

Kein Kind in der Klasse wollte mit Armando spielen. Im Unterricht konnte er weder stillsitzen noch sich konzentrieren. Und wenn er von der Schule heimkam, weinte er. Seine Mutter suchte Rat beim Kinderarzt. Der kam zu dem Schluss: Armando hat ADHS, eine sogenannte Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Er verschrieb ihm Ritalin. Damit ging es Armando besser. Doch mit dem Beginn der Pubertät wirkte das Medikament auf einmal nicht mehr.

Rasanter Anstieg der Ritalin-Verschreibungen

Junge schaut traurig
Bei Armando half Ritalin eines Tages nicht mehr. | Bild: BR

Fälle wie den von Armando kennt Andreas Müller, der Leiter des Schweizer ADHD-Kompetenzzentrums in Chur, viele. Mit Sorge beobachtete er den rasanten Anstieg der Ritalin-Verschreibungen, die sich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz zwischen 2006 und 2011 mehr als verdoppelt haben und seither auf hohem Niveau stagnieren. Ritalin ist zwar meist gut verträglich und für viele Kinder eine Hilfe, aber es kann auch schlimme Nebenwirkungen haben, wie zum Beispiel Wachstums- und Essstörungen oder sogar Depressionen. Studien legen außerdem nahe, dass etwa jede dritte ADHS-Diagnose falsch sein könnte.

Neues ADHS-Diagnoseverfahren

Hirnstrommessung bei einem Jungen.
Eine Hirnstrommessung hilft bei der Diagnose von ADHS. | Bild: BR

Deshalb hat der Psychologe Dr. Andreas Müller bereits Ende der 1990er-Jahre damit begonnen, ein neues Diagnoseverfahren für ADHS zu erforschen. Es basiert auf der Messung der Gehirnströme, dem sogenannten EEG. Mithilfe der Messungen hat er nach Markern für jene Dysfunktion im Frontalhirn gesucht, die für ADHS verantwortlich ist. Im Rahmen einer internationalen Studie, an der auch die Universität Harvard beteiligt war, analysierte sein Team zwischen 2013 und 2017 die Hirnströme von 500 ADHS-Patienten und verglich sie mit denen von gesunden Menschen. Dadurch gelang es den Forschern, Subtypen der Störung aufzuspüren, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Ritalin hilft den Erkenntnissen zufolge nur bei 60 Prozent aller ADHS-Erkrankungen. Bei den restlichen 40 Prozent sind andere Therapieformen oder Medikamente erforderlich.

Messung der Hirnströme

So ist es auch bei Armando. Die Messung seiner Hirnströme ergab, dass er seit seiner Pubertät einem Subtyp angehört, der sich durch Antriebslosigkeit und fehlende Selbstkontrolle auszeichnet – und dem Ritalin nichts bringt. Er braucht deshalb zusätzlich zur Psychotherapie ein anderes Medikament, um im Alltag zurechtzukommen. Wie gut die Therapie wirkt, lässt sich auch im EEG überprüfen. Das hat den Vorteil, dass die Medikamente gezielter und nur noch so lange wie unbedingt nötig verordnet werden können.

Die Ergebnisse der Schweizer ADHS-Studie müssen noch weiter validiert werden. Bislang wird die EEG-basierte Diagnose nur in den USA, im Iran und in der Schweiz als zusätzlicher Mosaikstein zur Diagnose und Behandlung von ADHS angewendet.

Bei Armando hat die neue Therapie so gut angeschlagen, dass er wohl bald ganz auf Medikamente verzichten kann.

Autorin Sabine Frühbuss (BR)

Adressen:

ADHD Kompetenzzentrum Ostschweiz
Poststraße 22
7000 Chur, Schweiz
0043-81250 7611
info@adhdzentrum.ch
www.adhd-zentrum.ch

Brain Assessment Research Center Zürich BARC
Enzianweg 4
8048 Zürich
0043-43 321 8535
Brainarc-zuerich@hin.ch
www.barc-zuerich.ch

Stand: 14.03.2019 19:54 Uhr

Sendetermin

Sa, 16.03.19 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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