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Japan: Automatische Helfer im Alltag

PlayJapans Roboterhelfer
Japan: Automatische Helfer im Alltag | Video verfügbar bis 25.02.2021 | Bild: BR

Als Minori Kuji vor vier Jahren einen Schlaganfall erleidet, scheint sein Schicksal besiegelt. Er ist rechts halbseitig gelähmt, Sehen, Sprechen, Essen – alles ist beeinträchtigt. Nicht mal aufs Klo schafft er es damals allein. Ein Fall fürs Pflegeheim – vermutlich für immer. Doch der 67 Jahre alte Japaner gibt sich nicht auf: Er will unbedingt wieder auf die Beine kommen, möchte eines Tages noch einen Berg besteigen.

Und tatsächlich: Im Senioren- und Reha-Zentrum "Hohoemi", kommt Kuji allmählich wieder in Gang – im wahrsten Wortsinne: Der "Walking Assist" ein computergesteuertes Exoskelett, setzt Impulse und verbessert so schrittweise die Gehfähigkeit von Minori Kuji. Bis heute geht er in sein "Trainingslager", zweimal die Woche. Akkira Nekko, Kujis Physiotherapeut kann kaum glauben, welche enormen Fortschritte die neue Hardware bei der Rekonvaleszenz ermöglicht hat.

Japan setzt die Trends bei "sozialen Robotern"

Mann vor einem Roboter
Komm in meine Arme: Roboter zwischen Kumpel und Krankenpfleger. | Bild: NDR

Kaum ein Land tüftelt mehr an Robotern und anderen intelligenten Technik-Systemen wie Japan. Der Grund: Die Bevölkerung altert noch dramatischer als die Deutschland. Weniger Kinder gleich weniger Beschäftigte in der Wirtschaft – aber eben auch in der Altenpflege. Immer weniger junge Menschen müssen immer mehr alte versorgen und gegebenenfalls pflegen. Doch viele der Alten wollen anderen, insbesondere Familienangehörigen nicht zur Last fallen. Nur wer soll sich dann um all die Senioren, die Behinderten, die Gebrechlichen kümmern? Japans Antwort: Roboter! Besonders Krankenhäuser und Pflegeheime gelten als der attraktivste Markt für die hilfreichen Maschinen der Zukunft.

Das Eldorado für alternde Technikfreaks

Kommunikationsroboter
Kommunikationsroboter: Ersatz für menschliches Miteinander? | Bild: NDR

Hohoemi, das Reha-Zentrum von Patient Kuji, gilt als das mutigste in ganz Japan - mit seinem richtungsweisenden Arsenal aus hybriden, unterstützenden Gliedmaßen, Geh- und Aufsteh-Assistenten, artifiziellen Kuschelrobben und futuristischen Power-Handschuhen. Das Heim hat eine Menge in seine Maschinen investiert. Die anfängliche Skepsis bei Patienten wie Physiotherapeuten ist verflogen. Die Pfleger spüren die Entlastung, die Senioren Therapieerfolge: Jeder fünfte konnte mithilfe der Maschinen seine Pflegestufe verbessern. Jetzt muss Leiter Suwanai überall Vorträge halten. Er wirbt für die technische Aufrüstung der Altenpflege, warnt aber auch vor überzogenen Erwartungen. Denn gerade bei der Krankenpflege sei es wichtig, dass sich Roboter selbstständig bewegen und mit Menschen physisch Kontakt aufnehmen können.

Roboter auf dem Weg in den Alltag

Pfleger mit einer "Hebehilfe" lagert einen Patienten um.
Ein Pfleger mit einer "Hebehilfe" lagert einen Patienten um. | Bild: NDR

Ganz soweit sind die Systeme allerdings nicht. Wirklich ausreichend einfühlsame, kommunikative Roboter befinden sich noch in der Testphase oder im Labor. Doch Hebehilfen und Exoskelette sind schon im Einsatz, nicht nur in Alten- und Pflegeheimen. Wegen der schrumpfenden Bevölkerung Japans werden viele Menschen länger arbeiten müssen – auch körperlich: Dabei unterstützen sie Hebehilfen wie das Modell Libero. Beim Heben und Stapeln einer Kiste ermöglicht er eine Kraftersparnis von circa 30 Prozent.

Bei der "Hardware" für Japans alternde Gesellschaft wird an vielen Fronten getüftelt - an Pflege-, Hilfs- und Kommunikationsrobotern. Wobei der Begriff "Roboter" für verschiedene Geräte und Automaten steht. Längst arbeitet man an intelligenten Systemen jenseits mechanischer Robotik – zum Wohle von Pflegern und Senioren. Denn wer oder was sorgt für Unterhaltung im Heim oder passt auf – nachts, wenn alles schläft? Die Antwort eines Pflegers auf diese Frage lässt wenig Zweifel: "Ich hoffe auf mehr Roboter. Es kommen mehr und mehr Alte auf immer weniger Pfleger. Ich schätze menschliche Wärme, aber es wäre auch gut, wenn wir aktiv mehr Maschinen einsetzen könnten."

Zukunftsmarkt Service-Roboter

In einem Seniorenheim in Yokohama erforschen Wissenschaftler der Universität Shibaura und Mitarbeiter der Firma "Vector", worauf wir uns künftig freuen können: Roboter, die einen auf Schritt und Tritt begleiten, Roboter, die Notfälle erkennen, niedliche Computer, die sprechen, informieren, einem die Zeit vertreiben. Der Heimbewohner der Zukunft, er trifft auf mehr Computer, mehr Sensoren, mehr Automation. Der Roboter als Aufpasser und Helfer. Schwindelanfall beim Toilettengang, prekärer Sturz um Mitternacht? Das künstliche Auge registriert die Gefahrensituation und alarmiert selbsttätig die Retter.

Diese Sparte der Robotik wird als Sicherheitsgewinn fast einhellig begrüßt. Etwas anders sieht das schon bei Kommunikations-Robotern aus. Es fing in japanischen Heimen schon vor Jahren mit Kuschelrobben an, mittlerweile verbessert sich die Dialogfähigkeit der Automaten rasant. Die Japaner haben traditionell weniger Berührungsängste gegenüber Robotern. Der demografische Druck befeuert den Vormarsch der maschinellen Zuwendung in die Praxis.  Für Hisae Koyama von der Firma Vector ist daher auch ganz klar wohin die Reise geht: „Ob es den Menschen gefällt oder nicht: Sie werden sich daran gewöhnen müssen, mit Robotern zusammenzuleben.“ Und das gilt mit ziemlicher Sicherheit nicht nur für alternde Japaner.

Autor: Uwe Schwering (NDR)

Stand: 11.07.2019 06:31 Uhr

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