SENDETERMIN So, 22.01.17 | 04:25 Uhr | Das Erste

Wie LED-Scheinwerfer Autofahrer gefährlich blenden

Ein Autofahrer wird von einem entgegenkommenden Fahrzeug geblendet.
Viele Autofahrer fühlen sich von zu hellem Licht im Gegenverkehr geblendet. | Bild: NDR

Immer heller, immer weiter: Moderne Autoscheinwerfer machen die Nacht zum Tag, doch viele Menschen fühlen sich von ihnen geblendet. Die Hersteller berufen sich auf die Einhaltung gültiger Gesetzesnormen, doch die halten führende Wissenschaftler für überholt.

Neben dem bereits seit längerem eingeführten Xenonlicht werden Scheinwerfer in LED-Technologie immer beliebter. Sie sind wartungsärmer als Xenonleuchten und zugleich doppelt so hell wie die alten Halogenlampen. Doch zu viel Leuchtkraft kann im Straßenverkehr ganz schnell zum Problem werden.

Blindflug durch LED-Licht

Nasse Fahrbahnen, unebene Straßen, Schlaglöcher: In vielen Situationen leuchten selbst korrekt eingestellte Scheinwerfer höher und weiter als gewollt – und blenden so den Gegenverkehr. Das menschliche Auge kann mit einer nächtlichen Blendung nur schlecht umgehen. Wer auf der dunklen Landstraße von einem entgegenkommenden Fahrzeug geblendet wird, kann für bis zu 30 Sekunden schlecht sehen, berichtet der Augenforscher Prof. Olaf Strauß von der Charité in Berlin.

So arbeiten die Augen in der Dunkelheit

Nahaufnahme Auge
Das helle LED-Licht überfordert das Auge in der Dunkelheit. | Bild: Das Erste

In der Dunkelheit arbeitet das Auge im Nachtmodus: Die Iris ist weit geöffnet und die Stoffwechselprozesse in der Netzhaut, dort wo die Sehrezeptoren sitzen, laufen langsam ab. Denn wenn nur wenig Licht ins Auge fällt, bedeutet das weniger Arbeit und damit auch weniger "Nachschub" für die Rezeptoren. Kommt jetzt aber plötzlich ein helles Licht, überfordert das die Rezeptoren in der Netzhaut. Sie brauchen dringend mehr Vitamin A, um schnell nach einem Lichtimpuls für den nächsten wieder reaktiv zu sein. Bis aber die Stoffwechselprozesse wieder schnell genug ablaufen, um das Vitamin A ausreichend bereitzustellen, dauert es bis zu 30 Sekunden.

LEDs blenden mehr als herkömmliche Halogenleuchten

Prof. Khanh testet einen Autoscheinwerfer im Lichtlabor der TU-Darmstadt.
Auf dem Prüfstand ist alles okay – im Straßenverkehr aber nicht mehr, bemängelt Prof. Khanh. | Bild: NDR

Die Hersteller sind sich keiner Schuld bewusst, sie befolgen die gesetzlichen Normen. Doch diese sind teilweise mehr als 40 Jahre alt, kritisiert der Lichtexperte Prof. Tran Quoc Khanh von der TU Darmstadt. Ihm zufolge blenden moderne LEDs mehr als herkömmliche Halogenleuchten, vor allem weil sie kleiner sind: auf einer geringeren Fläche erzeugen sie genau so viel oder mehr Licht: Die Leuchtdichte ist höher. Für uns Menschen fühlt sich das so an, als wenn unser Auge von den LED gepiekt wird – wie Stecknadeln, erklärt der Professor.

Der Gesetzgeber müsse hier endlich die Gesetze an die moderne Technologie anpassen. Tatsächlich ist den Vorschriften der Helligkeit von Frontscheinwerfern keine Grenze gesetzt. Solange der Lichtkegel des Abblendlichts in einem bestimmten Winkel nach unten gerichtet ist, darf das Licht so hell leuchten, wie es technisch möglich ist. Aber wehe, es scheint auf eine nasse Fahrbahn oder die Straße hat Unebenheiten. Für Rückscheinwerfer resp. Bremslicht gibt es dagegen kurioserweise ein oberer Grenzwert für die Leuchtstärke.

Das Geschäft mit dem hellen Licht läuft blendend

Rücklichter eines Taxis in der Nacht
Oft sind wir durch falsches Licht irritiert. | Bild: BR

Die Autohersteller verdienen blendend an dem Trend zum LED-Scheinwerfer, denn die sind in der Regel aufpreispflichtig. Zwischen 1.500 und 3.500 Euro kostet das helle Extra. Mehrere Hersteller, darunter Mercedes-Benz, VW, BMW und Hyundai, bestätigen auf Anfrage der ARD, dass ihre Kunden das helle Licht stark nachfragen. Was viele beim Kauf wohl nicht bedenken ist, wie stark das moderne Licht den Gegenverkehr blenden kann.

Adaptives Licht eine Alternative?

Viele Hersteller werben mit adaptiven Licht, dass den Gegenverkehr nicht blenden soll. Dabei handelt es sich aber ausschließlich um eine besondere Form des Fernlichts. Dieses passt sich in Sekundenbruchteilen dem Verkehr an und spart entgegenkommende Fahrzeuge aus um eine direkte Blendung zu verhindern. Im Abblendlicht ist diese Technik hingegen nicht aktiv. Deswegen verhindert adaptives Licht auch keine Blendung durch Abblendlicht, weder im Stadtverkehr oder auf der Landstraße. Und: Die Technik kostet zusätzlichen Aufpreis. Die Frage ist also, wer bereit ist, Kosten in dieser Höhe „für die Sicherheit anderer“ auf sich zu nehmen – statt sich ein weiteres lukratives Ausstattungspaket zu sichern. Wenn mit der LED-Bestellung der Etat nicht ohnehin schon ausgereizt wurde.

Autor: Niels Walker (NDR)

Adressen:
Olaf Strauß,Professor für experimentelle Augenheilkunde
Charité Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin

Tran Quoc Khanh, Professor für Lichttechnik
TU Darmstadt
Hochschulstraße 4a
64289 Darmstadt

Stand: 13.07.2019 18:10 Uhr