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Der Schildkrötenflüsterer von Dominica

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Der Schildkrötenflüsterer von Dominica | Video verfügbar bis 01.06.2024 | Bild: dpa-Bildfunk / Brian Hutchinson

Lederschildkröten sind mit bis zu zweieinhalb Meter Länge die größten Schildkröten der Erde. Nur zur Eiablage verlassen die Weibchen einmal im Jahr für eine Nacht das Wasser und wuchten ihren bis zu 700 Kilogramm schweren Körper an Land.  Einige ihrer Niststrände liegen auf der Karibikinsel Dominica. Hierher kommen die Lederschildkröten seit Tausenden von Jahren – und das aus gutem Grund: Ihre Eier brauchen durchschnittlich 65 Tage konstant warme Temperaturen, um sich zu entwickeln. Der schwarze Vulkansand auf Dominica ist dafür perfekt geeignet. Die Buchten sind zudem von hohen Bergen geschützt, und es gibt weniger Nesträuber als auf dem mittelamerikanischen Festland.

Eine Schildkröte legt Eier am Strand
Ohne Umweltschützer Simon George (Mitte) wären die Lederschildkröten auf Dominica vielleicht schon ausgestorben. | Bild: BR

Doch den Tieren droht auf der Insel eine ganz andere Gefahr. Lange machten die Einheimischen aus Armut und Hunger Jagd auf die Giganten. Einmal an Land gekrochen, sind die Weibchen eine leichte Beute. Oft wurden mehrere Tiere in einer Nacht geschlachtet und ihre Eier aus den Nestern gesammelt. Ohne den Umweltschützer Simon George wären die Lederschildkröten auf Dominica vielleicht schon ausgestorben. Vor 20 Jahren kamen nur noch wenige Weibchen zur Eiablage an die Strände. Damals begann der heute 52-Jährige, die Tiere vor seinen eigenen Landsleuten zu schützen, indem er sie und ihre Nester mit einem Holzknüppel verteidigte. "Es war nicht sehr schlau“, erinnert er sich. "Aber es hat mir wirklich weh getan zu sehen, wie Dutzende von Tieren am Strand geschlachtet wurden. Damals in meinen Zwanzigern dachte ich mir, es muss etwas getan werden. Ich habe mein Leben riskiert, bin gegen mein eigenes Dorf vor - und bin bestimmt selber auch mal zu weit gegangen. Aber es hat viel verändert. Denn es ist etwas anderes, ob eine Schildkröte geschlachtet wird, oder man einen Mensch, der ihnen hilft, verprügelt."

Bedrohte Giganten

Simon bewundert die Sanftmut dieser Riesen und hat es dafür in Kauf genommen, von den anderen Dorfbewohnern jahrelang wie ein Feind behandelt zu werden.
Lederschildkröten sind stark bedroht, und man weiß noch viel zu wenig über sie. Die Tiere legen im Ozean weite Strecken zurück. Ein von Wissenschaftler besendertes Tier schwamm ganze 7.563 Kilometer. Die größten Gefahren auf ihren Wanderungen sind Stellnetze in Küstennähe und der Langleinenfang auf hoher See. Fischer legen dabei beköderte Leinen aus, die teilweise über 100 Kilometer lang sind. Verfangen sich Lederschildkröten in solchen Leinen, ersticken sie qualvoll.

Schaffen es die trächtigen Weibchen bis ans Land, drohen weitere Gefahren: die Jagd durch den Mensch, streunende Hunde oder andere Fressfeinde, die die Eier der Schildkröten ausgraben. Forscher schätzen, dass gerade einmal drei von 1.000 geschlüpften Tieren geschlechtsreif werden.

Kamf um die Lederschildkröten

Geschlüpfte Schildkröten
Nach rund eineinhalb Monaten schlüpfen die Jungtiere aus den Eiern und graben sich aus.  | Bild: BR

Jedes Jahr wacht Simon George deshalb von März bis August an der Ostküste Dominicas über seine Lederschildkröten. Seit er seine Landsleute jede Nacht vom Strand vertreibt, erholt sich der Bestand. Im letzten Jahr wurden über 160 Weibchen gesichtet, die jeweils bis zu 100 Eier legten. Für eine internationale Umweltschutzorganisation markiert Simon die bis zu eine Tonne schweren Tiere. Das ist möglich, ohne die Tiere zu stören, denn wenn die Weibchen Eier legen, nehmen sie ihre Umwelt kaum mehr wahr. Manche Weibchen hat Simon schon mehr als zehnmal bei der Eiablage beobachtet. Er vermisst ihren Panzer, um herauszufinden, wie schnell sie wachsen. So sammelt er wertvolle Daten über diese bedrohte Art.

Inzwischen hat sich vieles verändert: Simon ist heute ein Held für die Einheimischen, denn die Schildkröten sind eine Touristenattraktion, die Geld nach Dominica bringt. Gefährdete Eier sichert er in einer eigenen Farm am Ende des Strandes und brütet sie dort aus. Dabei hat er interessante Dinge entdeckt: "In einem Gelege sind die Größenunterschiede der Eier enorm", berichtet er. "Die Lederschildkröte ist die einzige Meeresschildkrötenart, die befruchtete und kleinere, unbefruchtete Eier zusammen ablegt. Die kleinen, schadhaften oben, die großen, befruchteten unten. Warum, weiß man nicht. Vielleicht ist es eine uralte Strategie, weil dann Räuber zuerst die unbefruchteten ausgraben und dann satt aufhören und die befruchteten Eier übersehen." Der Autodidakt, der nie eine Universität oder weiterführende Schule besucht hat, trug über die Jahre ein immenses Wissen zusammen. So weiß er auch, dass die Lederschildkröte die einzige Meeresschildkrötenart ist, die nicht nur am Strand ihrer Geburt, sondern an mehreren Orten Eier legt.

Das große Rennen

Junge Schildkröte auf Algen.
Entscheidung über Leben und Tod: Der Kampf mit den angespülten Algen.  | Bild: BR

Rund 65 Tage nach der Eiablage kommen zu Simons Nachtwachen auch noch Tagschichten. Denn alle Jungtiere schlüpfen zeitgleich aus einem Nest, meist im Morgengrauen. Simon kontrolliert das Gelege bis zu seinem Grund. So weiß er, wie viele Eier reif geworden sind. Und er gräbt Nachzügler aus, die es nicht aus dem Loch geschafft haben. Denn die Winzlinge haben es eilig. Steht die tropische Sonne zu hoch, trocknen sie auf dem Weg zum Wasser aus – ein qualvoller Tod.

Seit ein paar Jahren haben nicht nur die Nachzügler, sondern alle neugeschlüpften Schildkröten ein weiteres Problem: Angespülte Algen sind für die Winzlinge ein kräftezehrendes Hindernis. Vor Erschöpfung verlieren viele die Orientierung und kriechen bei ihren Ausweichversuchen weg vom Wasser. Veränderte Strömungen aufgrund der Klimaerwärmung sind wohl die Ursache dafür, dass immer mehr Algen an den Strand gespült werden. Simon ist jeden Morgen zur Stelle. Um seinen Schützlingen zu helfen, hat er sich bei einer Osteopathin schulen lassen. Mit einer sanften Massage will er den erschöpften Schildkröten neue Energie einflößen.

Mancher Biologe mag darüber den Kopf schütteln. Die kleinen Lederschildkröten aber sausen los, als hätten sie Superkräfte. Vielleicht setzt auch die spürbare Nähe des Wassers ihre letzten Kräfte frei. Die Männchen werden den Ozean nie mehr verlassen, die Weibchen nur einmal im Jahr für ein paar Stunden. Einige werden über 30 Mal an genau diesen Strand Dominicas zurückkehren – vorausgesetzt, sie überleben die ersten Lebensjahre.
Übergreifende Schutzgebiete quer durch den Atlantik würden die Chancen der Weitwanderer verbessern.

Autor: Florian Guthknecht (BR)

Stand: 31.05.2019 10:51 Uhr

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Sa, 01.06.19 | 16:00 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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