SENDETERMIN Sa., 13.06.20 | 16:00 Uhr | Das Erste

Schluckauf: Tricks gegen den Hicks

PlayW wie Wissen
Schluckauf Wozu soll der gut sein? | Video verfügbar bis 13.06.2025 | Bild: SWR

Lustig, wenn man ihn nicht selber hat. Nervig, wenn er zu lange dauert. Aber in den meisten Fällen harmlos. Der Schluckauf geht meist so schnell wie er gekommen ist. Lediglich der Sinn dieses Phänomens dürfte vielen ein Rätsel sein. Es gibt allerdings auch Menschen, bei denen der Hicks nicht von alleine verschwindet und teils sogar mehrere Jahre dauert. Patienten mit einem solchem chronischen Schluckauf leiden extrem, bekommen Depressionen, magern ab und brauchen zum Teil Geräte zur Regulierung ihrer Atmung. Doch welchen biologischen Sinn hat der Schluckauf eigentlich? Und wie bekommt man ihn am schnellsten wieder weg?

Wenn das Zwerchfell krampft  

Animation eines männlichen Körpers, bei dem sich das Zwerchfell zusammenzieht.
Hicks, hicks - Zwerchfell im Krampfmodus. | Bild: BR

Die Ursache des Schluckaufs ist ein plötzlicher Krampf des Zwerchfells. Das ist ein Muskel, der den Ober- vom Unterbauch trennt. Jeder Ansatz zur normalen Atembewegung stellt dann einen Reiz zur Verkrampfung dieses Muskels dar. Ausgelöst wird der Krampf meist durch zu schnelles essen oder kohlensäurehaltige Getränke. Aber auch Aufregung kann einen Schluckauf auslösen. Der Krampf kommt so plötzlich, dass sich die sogenannte Stimmritze im Kehlkopf schlagartig verschließt und die eingeatmete Luft abprallen lässt - mit einem lauten Hicks.

Schon Babys im Bauch der Mutter haben Schluckauf. Für den Fötus ist er ein sinnvoller Reflex bei seinen ersten Atemübungen. Denn die geschlossene Stimmritze verhindert das Einfließen von Fruchtwasser. Aber auch nach der Geburt nützt der Reflex den Babys. Die Muskelarbeit beim Schluckauf ähnelt der von Säuglingen beim Trinken. Sie sorgt dafür, dass keine Milch in die Lunge gelangt. Babys hicksen deshalb noch 3.000 Mal häufiger als Erwachsene. Der Schluckauf hat also tatsächlich einen biologischen Sinn.

Ein Überbleibsel der Evolution?

Animation einer Kaulquappe mit Lungen- und Kiemenatmung.
Kaulquappen – Evolution mit Schluckauf. | Bild: BR

Forscher vermuten, dass der Hicks möglicherweise ein Überbleibsel der Evolution ist. Als das Leben noch vorwiegend im Wasser stattfand, betrieben viele Lebewesen sowohl Kiemen- als auch Lungenatmung. So wie heute noch die Kaulquappen. Sie pressen Wasser über ihre Kiemen, indem sie die Mundhöhle zusammendrücken. Dabei schließen sie ihre Stimmritze, damit kein Wasser in die Lunge kommt. Offenbar blieb der Gehirnteil, der diese Muskeln steuert, über Jahrmillionen erhalten – und kontrolliert bis heute die Stimmritze auch beim Menschen.

Chronischer Hicks

In extremen Fällen kann das Hicksen Menschen allerdings auch zur Verzweiflung bringen – wenn er nämlich nicht wie üblich nach wenigen Minuten verschwindet, sondern mehrere Tage dauert, Wochen oder gar Jahre. Am Uniklinikum Heidelberg behandelt der Schmerzmediziner Jens Keßler Patienten mit chronischem Schluckauf. Ihr Leidensdruck ist enorm, sie verlieren an Gewicht, müssen sich häufig übergeben, bekommen in Ausnahmefällen sogar Suizidgedanken. Mit Hilfe einer multimodalen Therapie und speziellen Atemübungen versuchen die Ärzte die Patienten von ihrem Leiden zu befreien. Darüber hinaus kann ein langanhaltender Schluckauf auch ein Indiz für eine schwere Erkrankung sein – wie etwa Magenkrebs. Deshalb sollte ein permanenter Schluckauf immer Anlass für eine gründliche Untersuchung beim Arzt sein. Der Mensch mit dem längsten Schluckauf war übrigens laut einem Zeitungsbericht Charles Osborne. Der Amerikaner litt 69 Jahre an dem Phänomen. Er musste alle eineinhalb Sekunden hicksen - und wurde trotzdem 93 Jahre alt. 

Handstand, Luftanhalten, in eine Zitrone beißen?

Junger Mann liegt auf zwei Stühlen und zieht die Beine zum Bauch.
Locker vom Hocker – Entspannung fürs Zwerchfell. | Bild: BR

Hickser, Hückop, Hädscher – Namen für den Schluckauf gibt es viele. Und noch mehr Tipps und Tricks aus dem Volksmund, um ihn wegzubekommen. Der Klassiker: Luft anhalten. Das führt dazu, dass sich der CO2-Gehalt im Blut erhöht. Dieser Anstieg wird dem Gehirn gemeldet - das Zwerchfell beruhigt sich. Ein weiterer Tipp: Am Rücken liegend die Beine zum Bauch ziehen. Sieht ein bisschen albern aus - entkrampft aber das Zwerchfell und führt zu einem Schluckauf-Stopp. Eine anderes Prinzip: den Kehlkopf mit Eiswürfeln bestreichen oder mit kaltem Wasser gurgeln. Beiden Tricks liegt ein Mechanismus zugrunde, der bei vielen Methoden gegen Schluckauf greift: Sowohl Kälte als auch Wasser reizen den so genannten Vagus-Nerv in der hinteren Rachenwand. Der längste Hirn-Nerv des Körpers verläuft vom Kopf bis zum Zwerchfell und kann gezielt stimuliert werden, um den Schluckauf-Reflex zu unterbrechen. Geht übrigens auch durch Erschrecken. Der Schreck beeinflusst ebenfalls die Hirnimpulse im Vagus-Nerv und kann den Schluckauf stoppen.

Junger Mann beißt in eine Zitrone und verzerrt das Gesicht.
Citrus-Schocks gegen den Hicks? | Bild: BR

Vielleicht eher was für Mutige: Beherzt in eine Zitrone beißen. Die Zitronensäure soll den Gaumen irritieren und so gegen das Hicksen wirken. Bewiesen ist das jedoch nicht. Viele der kuriosen Hausmittelchen aber helfen tatsächlich. Und oft sind es wohl schlicht Ablenkung, Beruhigung der Atmung und Zeit, die das Zwerchfell wieder zur Ruhe bringen und den nervigen Hicks verschwinden lassen – bis zum nächsten Mal.

Schluckauf-Ambulanz:
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Schmerztherapie und Palliativmedizin
Im Neuenheimer Feld 131
69120 Heidelberg
Internet: www.klinikum.uni-heidelberg.de/Schmerztherapie-und-Palliativmedizin.503.0.html

Beratungsstelle zum chronischen Singultus:
Tel. (06221) 56 5161
E-Mail: schmerzzentrum@med.uni-heidelberg.de

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 10.06.2020 22:09 Uhr

Sendetermin

Sa., 13.06.20 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste