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Frei verkäufliche Schmerzmittel: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

PlayVeraschiedene Verpackungen von Schmerzmitteln
Frei verkäufliche Schmerzmittel: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung | Video verfügbar bis 14.03.2024 | Bild: NDR

Schmerzen möchte jeder so schnell wie möglich loswerden. Bei Kopf-, Zahn- oder Gelenkschmerzen greifen viele Menschen zu einem der diversen frei verkäuflichen Mittel aus der Apotheke, den sogenannten Over-The-Counter-Medikamenten (OTC). Doch dass sie rezeptfrei sind, heißt nicht, dass sie auch frei von Nebenwirkungen sind. Als "tägliche Pille" gegen lang anhaltende oder gar chronische Schmerzen sind sie deshalb nicht geeignet.  

Die bekanntesten Wirkstoffe der frei verkäuflichen Schmerzmittel sind Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (der Wirkstoff des Aspirins), Paracetamol und Diclofenac. Neben ihrer schmerzstillenden Wirkung haben diese sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (kurz NSAR) auch Nebenwirkungen, die erwünscht sind: Sie können zum Beispiel Fieber senken und Entzündungen hemmen. Leider haben sie auch Nebenwirkungen, die unerwünscht sind und zur Gefahr werden können.

So wirken rezeptfreie Schmerzmittel

Tabletten auf einem Tisch.
Was hilft wirklich gegen den Schmerz? | Bild: NDR

Die nichtsteroidalen Antirheumatika verdanken ihren komplizierten Namen der Tatsache, dass sie nicht zur Stoffgruppe der Steroid-Abkömmlinge zählen und aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung auch zur Rheumatherapie eingesetzt werden. Ihre Wirkung entfalten die NSAR nicht direkt im Gehirn, wie viele fälschlicherweise annehmen, sondern zunächst auf der Zellebene.

Mit Schmerzen, Schwellung, Fieber und/oder Rötung – den Kardinalsymptomen der Entzündung - reagiert unser Körper, wenn Gewebe beschädigt wird. Die betroffenen Zellmembranen setzen dann bestimmte Fettsäuren frei, die von den Cox-Enzymen zu Prostaglandinen umgewandelt werden. Einige dieser Prostaglandine sind Schmerzbotenstoffe. Sie docken an den Rezeptoren der umliegenden Nervenenden an, und diese Nerven senden dann das Signal "Schmerz" in das zentrale Nervensystem. Die Wirkstoffe der frei verkäuflichen Schmerzmittel greifen in diesen Ablauf ein. Sie hemmen die Aktivität der Cox-Enzyme. Diese bilden also weniger Prostaglandine, der Schmerz lässt nach.

NSAR: Risiken und Nebenwirkungen

Botenstoffe im Körper in einer Grafik dargestellt.
Prostaglandine docken an Nervenenden an. | Bild: NDR

Prostaglandine sind aber längst nicht nur Schmerzbotenstoffe. Sie sind Stoffwechselmediatoren, die eine Vielzahl von Prozessen im Körper regeln. Unter anderem die Entstehung von Entzündungen, aber auch den Aufbau der Magenschleimhaut, die Blutgerinnung, die Durchblutung von Organen wie Leber und Niere und das Herz-Kreislauf-System.

Die übermäßige Einnahme von NSAR reguliert deshalb nicht nur die Schmerzwahrnehmung, sondern kann sich auch auf die Organe auswirken. Die wohl bekannteste Nebenwirkung der NSAR ist das Auftreten von Problemen mit dem Magen. Sie reichen von Magenschmerzen über Magengeschwüre bis hin zu Magenblutungen. Diese Beschwerden entstehen aber nicht, wie oftmals angenommen, durch die Übersäuerung des Magens durch die Tablette selbst. Sie entstehen vielmehr dadurch, dass die gehemmten Cox-Enzyme nicht mehr ausreichend Prostaglandine bilden, die für die laufende Regeneration der Magenschleimhaut verantwortlich sind. Je nach Medikament kann es durch die Hemmung der Cox-Enzyme aber auch zu Leberversagen, Nierenversagen oder dramatischen Herz-Kreislauf-Problemen kommen.

Packungsbeilage lesen

Grafik mit Leber, Niere und Ader.
NSAR beeinflussen mehr als nur das Schmerzempfinden | Bild: NDR

Die unerwünschten Nebenwirkungen der NSAR werden vor allem dann zum Risiko, wenn man entweder zu viel davon einnimmt, oder der Körper bereits vorbelastet ist. Mediziner raten daher dringend dazu, sich die Beipackzettel frei verkäuflicher Schmerzmittel gründlich durchzulesen und ernst zu nehmen. Denn die Selbstmedikation mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln nimmt zu, und viele Menschen sind sich der Gefahr gar nicht bewusst. Die Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS) beklagt schon lange, dass rezeptfreie Schmerzmittel in Deutschland sehr häufig und oft zu lange eingenommen werden. Hinzu kommt, dass Schmerzen, die länger als ein paar Tage anhalten, immer auch ein Warnsignal des Körpers sind. In solchen Fällen sollte ein Arzt den Grund für die Schmerzen aufspüren und behandeln.

Wenn der Schmerz unerträglich wird

Manchmal sind Schmerzen so stark, dass sie selbst mit hoch dosierten NSAR nicht zu ertragen sind. In solchen Fällen können Ärzte die stärksten Schmerzmittel verordnen, die wir kennen: Opioid-Analgetika. Unter diesem Namen werden alle Schmerzmittel zusammengefasst, die ihre Wirkung an den Opioidrezeptoren entfalten. Der bekannteste Vertreter ist das Morphin, das schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts in der Medizin zur Schmerztherapie eingesetzt wird. Neben diesem natürlichen Pflanzenwirkstoff gibt es heute noch eine ganze Reihe halbsynthetischer und synthetischer Opioide.

Opioide - Segen und Fluch zugleich

Menschliches Gehirn als Grafik
Opioide: Achtung Suchtgefahr.

Der getrocknete Saft aus den Kapseln des Schlafmohns enthält schmerzstillende und beruhigende Substanzen wie Morphin und Codein. Die betäubende und rauschauslösende Wirkung des Schlafmohn-Saftes wird schon seit Jahrtausenden von Menschen genutzt, als segensreiches Medikament gegen starke Schmerzen. Doch auch die unerwünschten Nebenwirkungen dieser Drogen sind der Menschheit schon lange bekannt. Sie können nicht nur Rauschzustände auslösen oder apathisch machen, sie machen auch süchtig.

Hinzu kommt, dass eine immer höhere Dosierung erforderlich wird, um die Schmerzen zu stillen, denn der Körper "gewöhnt" sich an Opioide. Bei manchen Patienten geht das soweit, dass selbst eine hohe Dosis irgendwann keinen Effekt mehr erzielt. Auch das Absetzen dieser Wirkstoffe kann zu schweren Belastungen sowohl der Psyche als auch des Körpers führen und muss schrittweise und unter ärztlicher Aufsicht geschehen.

In den USA führte die massenhafte Verschreibung dieser Schmerzmittel in den letzten Jahren zu einer regelrechten Opioid-Krise. Tausende sind durch vom Arzt verschriebene opioidhaltige Medikamente in die Sucht abgerutscht.

Körpereigene Opioide

Im Lauf der Evolution haben die Körper aller Wirbeltiere eine Strategie entwickelt, in großen Stressmomenten Schmerz aushalten zu können. Das ist wichtig, um handlungsfähig zu bleiben und das Überleben zu sichern. Zum Beispiel wenn es darum geht, trotz einer großen Bisswunde vor dem angreifenden Tier weglaufen zu können und sich in Sicherheit zu bringen. In solchen Fällen schüttet der Körper Endorphine aus. Die lagern sich an bestimmten Rezeptoren vor allem im Rückenmark und im Gehirn an und unterbinden dort vorübergehend Angstgefühle und Schmerzweiterleitung.

So wirken Opioide

Synaptischer Spalt grafisch dargestellt.
Die Weiterleitung der Schmerzsignale wird im synaptischen Spalt blockiert. | Bild: NDR

Von außen zugeführte Opioide wirken an den gleichen Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Dort wird das Schmerzsignal von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet. Der Kontaktpunkt zwischen den Nervenzellen ist der synaptische Spalt. Um ihn zu überwinden, schütten die Nervenzellen Neurotransmitter aus, die das Schmerzsignal über den synaptischen Spalt hinweg von einer Nervenzelle an die andere übertragen. Die Opioide lagern sich an den Nervenzellen an und hemmen dort die Ausschüttung dieser Neurotransmitter. Die Weiterleitung des Schmerzsignals wird unterbrochen. So entfalten Opioide – anders als die NSAR – ihren schmerzlindernden Effekt in erster Linie im zentralen Nervensystem. Allerdings hat die Wissenschaft inzwischen zeigen können, dass es entgegen früherer Annahmen auch in der Körperperipherie Opioidrezeptoren gibt.

Wenn der Schmerz nicht aufhört

Bei Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten, spricht man von chronischen Schmerzen. Chronisch werden Schmerzen besonders häufig bei Patienten mit Erkrankungen des Bewegungsapparates und mit Kopfschmerzen. Ein großes Problem stellt dabei auch das Schmerzgedächtnis dar, denn ein Mensch kann weiterhin Schmerzen spüren, obwohl deren Ursache längst behoben ist.

Weder Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR noch Opioide sind bei chronischen Schmerzen besonders hilfreich, denn sie unterdrücken zwar den Schmerzimpuls, beheben aber nicht die Ursache der Schmerzen.

Therapien gegen den Schmerz

Therapie-Team der Schmerzklinik in Bad Bramstedt sitzt im Kreis.
Das Therapie-Team der Schmerzklinik in Bad Bramstedt | Bild: NDR

Um Patienten mit chronischen Schmerzen zu helfen, bieten immer mehr Praxen und Kliniken multimodale Schmerztherapien an. Sie bestehen aus einer Vielzahl von Therapieprogrammen, die individuell auf den Patienten angepasst werden. Dazu gehören unter anderem Medikamente, manuelle Therapien, Physiotherapie und Psychotherapie.

In der Klinik für konservative Orthopädie und interventionelle Schmerztherapie am Klinikum Bad Bramstedt wurde zum Beispiel für Patienten mit chronischen Schmerzen, Beteiligung des Bewegungsapparates und einer hohen psychosomatischen Komponente ein spezielles Therapieprogramm entwickelt. Neben der orthopädischen Behandlung werden dort auch physiotherapeutische Behandlungen sowie verhaltenstherapeutische Verfahren genutzt. Viele der Patienten dort haben über lange Zeiträume versucht, den Schmerz allein mit Schmerzmitteln loszuwerden. Einige von ihnen litten dabei fast genauso sehr unter den Nebenwirkungen wie unter den Schmerzen selbst. In der Schmerzklinik lernen sie, dass sie selbst mitwirken müssen an ihrer Genesung. Um die Ursache für Rücken- oder Gelenkschmerzen in den Griff zu bekommen, ist zum Beispiel Bewegungs- und Physiotherapie oft unverzichtbar.

Die tägliche Pille gegen den Schmerz gibt es (noch) nicht

Röntgenbild einer Wirbelsäule
Die tägliche Pille gegen den Schmerz muss noch erfunden werden.

Weder NSAR noch Opioide sind als tägliche Pille gegen lang anhaltende Schmerzen geeignet. Derzeit forschen Wissenschaftler an verschiedenen Medikamenten, die den Schmerz ausschalten, ohne dabei andere Körperfunktionen zu beeinträchtigen. In erster Linie ist Schmerz jedoch ein Warnsignal des Körpers, das man nicht einfach abschalten sollte. Es gilt, die Ursache der Schmerzen zu finden und zu behandeln. Nur wenn das nicht möglich ist, zum Beispiel bei Tumorpatienten oder Patienten, die zunächst wieder mobilisiert werden müssen, um eine Therapie zu beginnen, sind Schmerzmittel die richtige Wahl. Welches Mittel wann und wie lange eingesetzt wird, sollte aber in jedem Fall ein Arzt abklären.

Um den Umgang mit rezeptfreien Schmerzmitteln sicherer zu machen, sollen sie in Zukunft einen Warnhinweis auf der Verpackung tragen. Der soll die Verbraucher mahnen, das Arzneimittel nicht länger ohne ärztlichen Rat einzunehmen als in der Packungsbeilage vorgeschrieben.

Autorin: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 14.03.2019 15:04 Uhr

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