SENDETERMIN Sa, 02.04.16 | 16:00 Uhr | Das Erste

Schweiß – die nasse Wahrheit

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Schweiß die nasse Wahrheit | Video verfügbar bis 01.04.2021 | Bild: SWR

Schwitzen ist ein Segen, ein ausgeklügeltes System unseres Körpers, ohne dass wir nicht überleben könnten. Zugegeben: Wer gerade in einem Fahrstuhl eingeklemmt zwischen ungewaschenen, stinkenden Alphamännchen um Luft ringt, der mag es vielleicht kaum glauben, aber es ist die nasse Wahrheit: Das "Arschwasser" bei extremer körperlicher Anstrengung mag berüchtigt sein – aber es müffelt gar nicht.

Eingebaute Klimaanlage

Zwei bis vier Liter Flüssigkeit pro Stunde kann der menschliche Körper bei großer Hitze oder Anstrengung ausschwitzen. So verhindert er, dass die durch Stoffwechsel und Muskelarbeit anfallende Wärmeenergie die Körpertemperatur auf lebensgefährliche Werte klettern lässt. Die eingebaute Klimaanlage funktioniert so: Das Gehirn misst ständig die Körpertemperatur des Blutes. Steigt sie zu stark über den Sollwert von um die 37 Grad, dann befiehlt das Thermoregulationszentrum den zwei bis drei Millionen ekkrinen Schweißdrüsen in der Haut: Wasser marsch!

Die Flüssigkeit verdunstet und entzieht der Haut dabei Wärme. Mit dem Blut wird ständig neue Wärme aus dem Körperinneren an die Oberfläche transportiert und über den Verdunstungseffekt abgeführt. Dadurch sinkt die Körpertemperatur allmählich. Einst ein großer Vorteil bei der Jagd auf oder der Flucht vor Tieren: Die Fähigkeit zu schwitzen ermöglicht Dauerleistungen – etwa beim Laufen – die viele Tiere nicht erbringen können. Denn sie haben keine oder nur wenige Schweißdrüsen und müssen irgendwann anhalten um sich zum Beispiel durch Hecheln abzukühlen.

Richtig schwitzen

Schweißtropfen (Grafik)
Schweißtropfen: Coole Verschwendung. | Bild: NDR

Zuviel Schweiß ist allerdings Verschwendung: Wenn es erstmal (ab)tropft, kann die Flüssigkeit nicht mehr von der Hautoberfläche verdunsten und sie deshalb auch nicht mehr effektiv kühlen. Das "richtige" Schwitzen lässt sich aber trainieren. Leistungssportler zum Beispiel beginnen oft schon beim Anblick ihres Trainingsgeräts mit Schweiß "vorzukühlen". Auch ein längerer Aufenthalt in tropischem Klima hat Auswirkungen auf die Aktivität der Schweißdrüsen.

Kalter Angstschweiß

Apokrine und ekkrine Schweißdrüsen in der Haut (Grafik)
Apokrine und ekkrine Schweißdrüsen in der Haut. | Bild: NDR

Doch Kühlung ist nicht die einzige Funktion von Schweiß. Der Körper nutzt ihn auch als Mittel, um nonverbal mit seiner Umgebung zu kommunizieren. Dieser apokrine Schweiß kommt aus einem anderen Drüsentyp als thermischer, ekkriner Schweiß.

Die apokrinen Schweißdrüsen springen in besonders emotionalen Situationen zusätzlich zu den ekkrinen Drüsen an: Bei Angst und Stress, aber auch beim Sex. Schon wenige Milliliter des zähflüssigen und milchigen Sekrets der apokrinen Drüsen genügen, um die volle Wirkung zu entfalten. Es enthält Duftstoffe, die nicht bewusst wahrnehmbar sind, aber für Mitmenschen eine Signalwirkung haben.

Gefahren wittern

Professioneller Sniffer bei der Arbeit
Professioneller Sniffer erschnüffelt die Eignung neuer Deo-Wirkstoffe. | Bild: NDR

Beispiel: Nervosität lässt uns besonders an den Händen und Füßen in Schweiß ausbrechen. Evolutionär gesehen ein Vorteil: Der Körper bereitet sich auf die Flucht vor. Beim Rennen und Klettern haften feuchte Hände und Fußsohlen besser als trockene. Durch den "Signalgeruch", den der Angstschweiß verströmt, versucht der Körper seine Mitmenschen zu warnen. Der Clan unserer Vorfahren konnte herannahende Gefahren so buchstäblich wittern.


Es gibt Studien, die belegen, dass das trotz Deo und Körperhygiene theoretisch auch heute noch funktioniert: Mit Angstschweiß getränkte T-Shirts sollen so bei Testpersonen andere Reaktionen hervorgerufen haben als verschwitzte Sportkleidung.  Ebenso synchronisiert sich der Zyklus von zusammenlebenden Frauen über die nonverbale Kommunikation ihres Schweißes. Wie das allerdings genau funktioniert, darüber rätselt die Wissenschaft noch immer.

Mief in Lauerstellung

Bakterien setzen Duftstoffe frei.
Bakterien setzen Duftstoffe frei. | Bild: NDR

Ekkriner Schweiß selbst ist geruchlos – er besteht zu 99 Prozent aus Wasser. Der Rest sind Salze, Aminosäuren und Harnstoff. Die apokrinen Drüsen bilden sich erst in der Pubertät: Kinder schwitzen noch allein zur Kühlung und stinken deshalb auch nicht nach Schweiß. Apokriner Schweiß enthält zusätzlich Proteine, Lipide und die schon erwähnten Duftstoffe – aber auch die verströmen zunächst keinen strengen Geruch. Das typisch schweißige Aroma entsteht erst, wenn Bakterien sich über den apokrinen Schweiß her machen. Sie knabbern die Transportmoleküle an, an die die Duftstoffe gekoppelt sind. Dadurch werden diese aktiviert und erst dann fängt es an zu müffeln. Der ekkrine Schweiß hilft bei der optimalen Verteilung des Miefs.

Eber oder Ziege?

Jeder Mensch entfaltet ein eigenes Geruchsbouquet aus Duftstoffen, deshalb riecht jeder etwas anders. Im Schweiß von Männern sind tendenziell mehr Steroide enthalten. Das riecht nach Eber oder Moschus. Ein höherer Anteil kurzkettiger Fettsäuren im Frauenschweiß führt zu eher zwiebeligen Noten oder erinnert gar an Ziege. Mehr Glück haben Asiaten: Unter ihnen ist eine Genmutation verbreitet, die das Ausschwemmen der Duftmoleküle blockiert – deshalb stinken sie kaum. Die einzige bisher bekannte Nebenwirkung dieses Gendefekts ist allerdings auch nicht viel angenehmer als miefende Achseln: bröseliges Ohrenschmalz.

Autorinnen: Annette Schmaltz / Claudia Wohlsperger (NDR)

Stand: 02.04.2016 15:00 Uhr