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Training: So stärken wir den 6. Sinn

PlayAlte Frau steht im Park auf einem Bein.
Training: So stärken wir den 6. Sinn  | Video verfügbar bis 28.11.2025 | Bild: WDR

Stehen wir auf einem Bein und schließen dabei die Augen, geraten wir schnell aus dem Gleichgewicht – ein Zeichen dafür, dass unser 6. Sinn, die Propriozeption, schon eingeschränkt ist: Ohne die Hilfe unserer Augen fällt es uns schwer, die Position unseres Körpers im Raum exakt zu halten. Eine Ursache dafür: unser bewegungsarmer Alltag. Dadurch verlernt der Körper, auf Änderungen der Position und Belastung eigenständig zu reagieren. Oft suchen wir uns im Alltag dann unbewusst Halt – etwa wenn wir uns während eines Gesprächs an der Wand anlehen oder beim Aufstehen auf der Sofalehne abstützen.

Ab Mitte 30 lässt der 6. Sinn nach

Nackte Füße im Sand
Ein Barfuß-Spaziergang am Strand ist ein gutes Training für den 6. Sinn. | Bild: WDR

Im Alter von 20 bis 30 Jahren funktioniert unser 6. Sinn am besten. Ab Mitte 30 lässt unsere Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung des Körpers nach. Dabei gilt: Je mehr wir unseren 6. Sinn in jungen Jahren fordern und fördern, desto länger zehren wir davon im Alter. Daher sollten wir mit dem Trainieren unseres 6. Sinns möglichst früh beginnen – zumal propriozeptives Training alles andere als kompliziert ist. Schon wenn wir barfuß am Strand spazieren gehen, trainieren wir – ganz nebenbei – unsere  Propriozeption. Denn im weichen, nachgebenden Untergrund muss der Körper viel Stabilitätsarbeit leisten.

Kleine Alltagübungen mit großem Effekt: Beim Zähneputzen auf einem Bein stehen oder in Zeitlupe die Treppe hinuntergehen. So lässt sich das Training ganz einfach in den Alltag einbinden. Wer noch mehr machen möchte und auch lieber in der Gruppe trainiert, findet ein entsprechendes Kursangebot: vom einfachen Koordinationstraining, über ein spezielles sensomotorisches Training oder Gleichgewichtstraining, bis zu einer Kombination mit Krafttraining. Oft kommen dann auch Hilfsmittel wie Therapiekreisel, Trampolins, Bälle oder weiche Matten zum Einsatz. Die so erzeugte Instabilität beansprucht die Rezeptoren noch stärker und intensiviert das Training.

Die Wissenschaft zeigt: Trainieren lohnt sich!

Wie sich unsere Propriozeption trainieren lässt, wird erst seit wenigen Jahren erforscht. Das Ziel einer Trainingsstudie des Arbeitsbereichs biologische Psychologie und Neuropsychologie der Universität Hamburg: herauszufinden, wie sich sensomotorisches Training auf die Gehirnareale auswirkt, in denen Propriozeption und Gleichgewichtssinn verortet sind.

Die Menschen, die bei dieser Studie als Probanden mitmachen, sind blind. Sie haben über zwölf Wochen auf verschiedenen "Oberflächen" trainiert, etwa Therapiekreisel oder Wackelbretter, oder sie standen einfach nur auf einem Bein. Beim Training mussten sie ihre Haltung also dauerhaft wieder und wieder stabilisieren. Das Ergebnis: Die dynamische, statische und funktionale Gleichgewichtsleistung der blinden Menschen hat sich signifikant verbessert. Dies wird auch durch Daten aus der Magnetresonanztomographie gestützt: Die graue Substanz hat sich im vestibulären, propriozeptiven Areal des Gehirns verändert.

Propriozeptionstraining verringert das Sturzrisiko

Junge Frau putzt Zähne, auf einem Bein stehend.
Der 6.Sinn lässt sich auch beim Zähneputzen trainieren: einfach mal auf einem Bein stehen! | Bild: WDR

Spätestens ab Mitte 50 lassen alle unsere Sinne nach: Wir hören und sehen nicht mehr so gut, können das Gleichgewicht schlechter halten und unser Gang wird unsicher. All das erhöht die Sturzgefahr. Auch wenn es dann nicht immer gleich zu Brüchen an Oberschenkel oder Hüftgelenk kommt: Nach einem Sturzerlebnis neigen viele, aus Angst vor einem weiteren Sturz, zu Vermeidungshaltungen und Immobilität – oft der Anfang einer Abwärtsspirale: 20 Prozent der im Alter Gestürzten sind danach in ihrer Lebensqualität erheblich eingeschränkt, bis hin zu Bettlägerigkeit.

Doch die gute Nachricht ist: Auch im Alter lässt sich der 6. Sinn noch trainieren. Das verringert die Sturzgefahr – und verhindert nach einem Sturzerlebnis Vermeidungshaltungen und Immobilität. Für junge wie für alte Menschen gilt: Wer trainiert und sich fordert, kann immer wieder das Gehirn dazu anregen, neue Informationen aus dem Bewegungsapparat zu sammeln und zu verarbeiten. Das stärkt die Propriozeption. Eine wichtige Rolle spielen dabei übrigens die Füße. Denn über sie nehmen wir Informationen über den Untergrund auf, die dann weitergeleitet werden. Regelmäßiges Fußtraining ist daher ein gute Möglichkeit, um die Propriozeption wieder zu stimulieren.

Autorin: Jasmin Steigler (WDR)

Stand: 27.11.2020 12:55 Uhr

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