SENDETERMIN So, 29.09.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Lebende Denkmäler

Vom Samen bis zum Tausendjährigen: Deutschlands älteste Bäume

Ein knorriger Baumstamm
Über Jahrhunderte gewachsen - Deutschlands älteste Bäume | Bild: SWR

Der Baum steht als Symbol für Leben und für Beständigkeit. Und tatsächlich, Bäume können uralt werden. Die ältesten Exemplare Deutschlands sind angeblich Tausende Jahre alt. Als lebende Denkmäler stehen sie fest verwurzelt am selben Ort - egal, wie der sich verändert. Im Laufe der Zeit haben Deutschlands älteste Bäume so manche Strategie entwickelt, um auch unter den widrigsten Umständen weiter zu wachsen. Ihr Gedächtnis reicht weit in die Vergangenheit zurück - festgehalten in Jahresringen. Im Volksmund kennt man viele sogenannte tausendjährige Bäume. Um sie ranken sich viele Mythen. Weiden und andere Bäume hingegen, die vor allem an Gewässern und in Sumpfgegenden anzutreffen sind, hatten früher kein gutes Ansehen. Man warnte die Kinder davor unter einer Weide zu spielen oder gar zu schlafen. Man glaubte, dass in den Bäumen heimtückische Hexen wohnten, die versuchten, sich mit knochigen Fingern ein Opfer zu holen.

Überlebenstrick der Kiefer die Kronentraufe

Auf einer Mauer steht eine KIefer
Ein Überlebenskünstler auf der Burgmauer: die Auerbacher Kiefer | Bild: SWR

Als Überlebenskünstler unter unseren heimischen Bäumen gilt zum Beispiel die Kiefer. Selbst auf den trockensten und magersten Böden kommt sie noch zurecht. Auch auf Sandboden wachsen Kiefern zu stattlichen Bäumen heran. Unter günstigen Bedingungen kann die Waldkiefer bis zu 50 Meter hoch werden - aber nur die Höhe allein sagt noch nichts über das Alter aus. Die mit 280 Jahren älteste Waldkiefer Deutschlands beispielsweise ist nur knapp sieben Meter hoch. Sie wächst auf den Burgmauern des Auerbacher Schlosses, das auf einer Bergkuppe, etwa 50 Kilometer südlich von Frankfurt am Main liegt. Seinen Besuchern bietet es mit der ältesten Waldkiefer Deutschlands ein kleines Naturwunder. Die Wurzeln der Kiefer haben sich Jahrhunderte lang nur von der wenigen Erde zwischen den Burgmauern ernährt. Damit der Baum dafür genug Wasser bekommt, hat er einen Trick entwickelt: Die Kronentraufe. Mit ihren langen, spitzen Nadeln fängt die Kiefer feinste Wassertröpfchen aus der Luft und die fallen schließlich dicht am Stamm als Regen zu Boden. So konnte und kann die Kiefer ein stolzes Alter erreichen. Damit ist die Waldkiefer vom Auerbacher Schloss aber noch lange nicht Deutschlands ältester Baum.

Millionen von Samen - ein einziger Nachkomme

Ein Baumsamen keimt.
Aus Millionen von Samen entstehen nur selten Nachkommen | Bild: SWR

Der mit Abstand dickste und zugleich älteste Bergahorn Deutschlands steht bei Wamberg unweit der Zugspitze. Sein Stammumfang beträgt stolze neun Meter. Baumkundlern zufolge ist er zwischen 450 und 600 Jahre alt. Der Bergahorn prägte einst überall das Bild der Almwiesen im Bayerischen Wald oder in den Alpen. Die Bauern hatten früher das Recht, ihr Vieh während der Sommermonate in die Bergwälder zur Weide zu schicken. So lichteten sich im Laufe der Zeit die Wälder und schließlich entstanden baumbestandene Bergwiesen. Wie seit Jahrhunderten dienen die alten Bäume dem Vieh auch heute noch als Schattenspender. Im Herbst wird das Laub zusammengesammelt und als Einstreu für den Stall genutzt. Jeder Baum produziert im Laufe seines Lebens Millionen von Samen, nur damit er eines Tages von einem einzigen "Nachkommen" ersetzt wird. Denn wie bei allen Bäumen landen auch die meisten Samen vom Ahorn in den Vorratskammern der Waldtiere. Den ganzen Winter über ernähren sich beispielsweise Waldmäuse von ihnen.

Die "Großen Drei": Eiche, Eibe und Linde

Ein alter knorriger Baum mit einer Höhle im Stamm
Verformt, verwachsen, uralt. Blitzeichen waren Schauplätze für Opfergaben, Gerichtsverfahren und Hinrichtungen. | Bild: SWR

Zum Club der Superalten gehört erwartungsgemäß die Eiche. Für die Tierwelt ist sie der Baum der Bäume. Kein anderer bietet so vielen Lebewesen Unterkunft und Nahrung. In Mastjahren stehen die Wildschweine förmlich im Futter. Früher trieb man die Hausschweine sogar zur Eichelmast in den Wald. Und kein anderer Baum ist außerdem so sehr von Mythen umgeben. Eichen, in die der Blitz gefahren war, hatten für die Menschen früher große Bedeutung. Man hielt sie für den Sitz des Gottes Donar, der heute noch im Wochentag "Donnerstag" weiterlebt. Unter den vom Blitz gezeichneten Eichen brachten die Germanen Speisen als Opfergaben dar. Kelten, Germanen und Slawen hielten im Schatten heiliger Eichen Gericht. Noch heute stehen einige dieser historischen Gerichts- und Galgeneichen in der Landschaft.

Mit 800 Jahren sind die ältesten unter ihnen immer noch ein ganzes Jahrhundert jünger als die älteste Eibe Deutschlands. Sie sind heute nur noch selten in den Wäldern zu finden. Zur Waffenherstellung trieb man im Mittelalter Raubbau an den Beständen der Eibe. So verschwand der Baum mit dem zähen, elastischen Holz allmählich aus den Wäldern. Eiben wachsen extrem langsam. Viele Jahrhunderte vergehen, bis aus dem winzigen Sämling ein so großer Baum geworden ist wie die Eibe von Balderschwang. Ihr Alter wird von Dendrologen, den Baumforschern, auf mindestens 900 Jahre geschätzt. Sie keimte schon, bevor Kaiser Friedrich Barbarossa oder der mongolische Eroberer Dschingis Khan geboren wurden. Doch Deutschlands ältester Baum ist auch keine Eibe.

Deutschlands ältester Baum - eine Tanzlinde

Ein alter Baum mit viergeteiltem Stamm
Die Tanzlinde von Schenklengsfeld ist über 1.000 Jahre alt. | Bild: SWR

Einst war die Linde der Göttin Freya geweiht. Mit der Christianisierung nahm nach und nach die Mutter Gottes den Platz der Liebesgöttin Freya ein. So wurden Freya-Linden zu Marien-Linden. Und das "Lignum Sacrum", das heilige Holz, aus dem man noch heute Madonnenfiguren schnitzt, ist Lindenholz. Bonifatius, der gegen die heiligen Eichen einen gnadenlosen Vernichtungsfeldzug geführt hatte, riet sogar dazu, auf den alten heiligen Plätzen Marienlinden zu pflanzen. So wurde aus einem Feldzug gegen Bäume eine regelrechte Baum-Pflanzkampagne.

Der Name der Linde leitet sich von dem uralten Wort "lentos" ab, was "biegsam" oder "weich" bedeutet. Linden tragen zwar viele Früchte, aber sie haben eine schlechte Keimrate. Oft treibt gerade einmal ein Viertel der Samen aus. Doch aus einem Lindensamen wuchs Deutschlands ältester Baum. Er steht in Schenklengsfeld in Hessen. Das kleine Dorf mit den hübschen Fachwerkhäusern beherbergt eine uralte Tanzlinde. Baumkundler vom Deutschen Baumarchiv beziffern ihr Alter auf 1.120 Jahre. Sie keimte noch während der Blütezeit der Maya-Kultur, sie war 350 Jahre alt, als man mit dem Bau des Kölner Domes begann und sie war schon ein Baumveteran, als Kolumbus Amerika entdeckte oder der Dreißigjährige Krieg tobte. Ein lebendes Denkmal, scheinbar unsterblich. Wie sehr sie auch verwundet wird, ein Sturm ihre Krone zerreißt oder Naturgewalten ihren Stamm aufspalten und Menschenhände ihn stutzen - die Linde überlebt und treibt immer wieder aus. Aus der Schenklengsfelder Linde wurde so ein regelrechter "Lindwurm". Früher hatte sie einen riesigen, geschlossenen Stamm. Dann schlug der Legende nach ein Blitz ein und teilte ihn in vier Stämmlinge. Zusammengenommen messen die einen Stammumfang von knapp 18 Metern. 1.120 Jahre - Deutschlands ältester Baum. In Zeitlupe gewachsen - scheinbar für die Ewigkeit.

Autorin: Sophie Wenkel (SWR)

Lesetipps
Bildband "Deutschlands Älteste Bäume – Sagenhafte Baumgestalten zwischen Küste und Alpen"
Stefan Kühn, Uwe Kühn
Bernd Ullrich
Blv Buchverlag; München, 6. Auflage, September 2010
ISBN 3835407406
191 Seiten, 29,95 Euro

Stand: 05.11.2013 17:02 Uhr