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Angriff der Fruchtfliegen

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Angriff der Fruchtfliegen | Video verfügbar bis 13.08.2020 | Bild: ARD

2009 wurde sie in Spanien gesichtet, 2011 meldeten die ersten Obstbauern in Süddeutschland leichten Befall. Nur drei Jahre später sorgte sie in Bayern, Baden-Württemberg und Südhessen bereits für massive Ernteausfälle. Drosophila suzukii, so der wissenschaftlich korrekte Name der Kirschessigfliege, ist eine eingeschleppte Fremdart aus Asien. Sie befällt Früchte kurz vor der Ernte und legt ihre Eier ins Fruchtfleisch. Bereits am nächsten Tag schlüpfen die Larven und beginnen, die Frucht von innen aufzufressen. Das Obst wird löchrig, matschig und damit unverkäuflich. Auf dem Speiseplan des hungrigen Insekts stehen vor allem dunkle Früchte: Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Zwetschgen und Pflaumen, sowie diverse Traubenarten.

Bedingt abwehrbereit

Da die Kirschessigfliege aus Asien stammt, hat sie in Europa praktisch keine Fressfeinde. Gegen den Eindringling wirksame Insektizide sind auch (noch) nicht auf dem Markt. Deren Einsatz wäre bei Drosophila Suzukii ohnehin nur begrenzt möglich. Denn die Fliege befällt überwiegend sehr reifes Obst kurz vor der Ernte. Zu diesem Zeitpunkt dürfen die Bauern Insektizide in der Regel nicht mehr spritzen, denn die Verbraucher sollen das Insektengift nicht mitessen. Zudem befällt die Kirschessigfliege das Obst so massiv, dass die bisher getesteten Mittel nicht ausreichen. Sie zeigten zwar Wirkung, doch eine Reduzierung von beispielsweise 30 auf acht unliebsame Mitesser pro Frucht ist zwar ein statistisch gutes Ergebnis, das Obst bleibt dennoch unverkäuflich.

Die Landwirte sind hilflos. Kaum einer traut sich, öffentlich zuzugeben, dass er Drosophila-Suzukii-Befall in seinem Bestand hat – aus Angst, dass dann niemand mehr sein Obst kauft. Die Fliege hat bereits mehrere Bundesländer befallen und breitet sich unaufhaltsam nach Norden aus.

Networking

Derzeit laufen rund um den Bodensee internationale Monitoringverfahren. Die angrenzenden Länder haben das Problem erkannt und versuchen nun, möglichst viele Informationen über den neuen Feind zu sammeln. Zeitgleich werden neue Abwehrmaßnahmen erforscht. Eine von ihnen ist das Einhausen der Obstanlagen mit feinmaschigen Netzen.

Schutznetze gegen die Kirschessigfliege am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg.
Netze sollen vor der Kirschessigfliege schützen. | Bild: NDR

Am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg bei Karlsruhe werden derzeit verschiedene Netztypen auf ihre Praxistauglichkeit untersucht. Netze mit einer Maschenweite von 0,8 mm haben sich als sehr effektiv erwiesen. Allerdings sperren die Netze auch andere Insekten aus. So zum Beispiel Marienkäfer, die die Blattläuse in Schach halten. Auch ist noch unklar, ob sich das Mikroklima durch die Einhausung ändert und die Luftfeuchtigkeit innerhalb des Netzes möglicherweise höher ist. Vermehrte Schimmelpilzbildung könnte eine Folge sein.

Zudem ist der feinmaschige Schutz auch noch immens teuer. Zum Preis des Netzes kommen die Trägerkonstruktion, die Abspannung und die Verankerung hinzu. Der Landwirt muss pro Hektar Anbaufläche mit Kosten von 40.000 Euro rechnen. Geld, das durch Obstanbau erst einmal verdient werden muss.

Sterile Abfangjäger

Die Kirschessigfliege
Forscher suchen ein Mittel, wie sie die Vermehrung der Kirschessigfliege eindämmen können. | Bild: NDR

Am Fraunhoferinstitut für Insektenbiotechnologie wird an einer anderen Methode gearbeitet. Sterile Insektentechnik heißt das Prinzip. Die Forscher wollen die Kirschessigfliege mit einer Armee von gentechnisch unfruchtbar gemachten Fliegenmännchen bekämpfen. In großer Zahl werden sie in den betroffenen Gebieten ausgesetzt und konkurrieren mit den fruchtbaren Männchen der Wild-Population um die paarungsbereiten Weibchen. Durch ihre pure Überzahl – angestrebt ist ein Verhältnis von 1:100 – verdrängen die sterilen Männchen die Lokalmatadore vom Heiratsmarkt. Die Weibchen, die sich mit den "neuen" Männchen einlassen, legen nach der Begattung zwar Eier. Doch die entwickeln sich nicht weiter sondern sterben einfach ab. Der Trick, mit dem die Fraunhofer Forscher das erreichen ist elegant.

Das Zelltod-Gen

Jeder Organismus hat in seiner DNA einen "Todes-Code", der ungewollt mutierte Zellen absterben lässt. Ohne diesen Mechanismus würden wir Menschen bereits nach wenigen Lebensjahren an Krebs sterben. Für andere Lebewesen gilt das auch. Das passiert nur deshalb nicht, weil der Körper die mutierten Zellen meist frühzeitig erkennt und das Zelltod-Gen aktiviert, um den Organismus vor dem entarteten Zelltyp zu schützen. Diese Gensequenz haben die Fraunhofer Forscher bei der Kirschessigfliege isoliert und in frisch gelegte Fliegeneier injiziert. Durch Enzyme schmuggeln sie das "Todes-Gen" an die richtige Stelle in der Erbinformation. Dort wird es bei jeder Zellteilung mit vervielfältigt. Der Mechanismus lässt sich aber über die Gabe einer bestimmten Substanz "ausschalten". Fliegen die zum Beispiel das Antibiotikum Tetracyclin bekommen, vermehren sich normal. Sie und ihre Nachkommen tragen aber dennoch das Zelltod-Gen in sich. So lassen sie sich die Insekten in großem Maßstab züchten.

Eier der Kirschessigfliege unter einem Mikroskop.
In Kirschessigfliegen-Eier wird das Zelltodgen injiziert. | Bild: NDR

Die erste Generation der Kirschessigfliege, die dann kein Antibiotikum bekommt, produziert nur Eier, die sich nicht weiter entwickeln. Das sind die Fliegen, die dann in den befallenen Gebieten freigelassen werden. In ein bis zwei Jahren werden die Forscher ihre transgenen Kirschessigfliegen zur Einsatzreife entwickelt haben. Bis die Insekten als Abwehrmaßnahem zugelassen sind, werden aber noch viele Jahre vergehen. Denn vorher sind umfangreiche Tests und Studien nötig.

Wie viel Zeit bleibt?

Nachdem die Schäden durch Drosophila suzukii im vergangenen Jahr katastrophal waren, gingen die Fachleute in diesem Jahr von noch stärkerem Befall aus. Doch die Kirschessigfliege überraschte alle und hielt sich zurück. Warum das Insekt in diesem Jahr wieder seltener aufgetreten ist, weiß niemand. Möglicherweise liegt es daran, dass der Frühling und der Sommer sehr lange zu kalt und zu nass blieben. Die ersten heißen Sommertage waren dann gleichzeitig sehr trocken. Drosophila suzukii braucht aber gemäßigte Temperaturen und hohe Feuchtigkeit, um sich optimal zu verbreiten. Die Forscher wissen noch zu wenig über diesen neuen Schädling. Sie sammeln Daten, vergleichen die Werte des letzten Jahres mit den aktuellen Werten und rätseln.

Der Feind eines Feindes ist nicht unbedingt ein Freund

Im Frühjahr 2015 reist eine deutsche Delegation von Fachleuten nach China, um sich über Drosophila suzukii zu informieren. Nach Angaben der Chinesen verursacht das Insekt dort kaum Probleme. Das könnte daran liegen, dass die Kirschessigfliege in Asien heimisch ist und dort natürliche Feinde hat. So ist eine Wespenart bekannt, die sich fast ausschließlich von Kirschessigfliegen ernährt. Möglicherweise gibt es dort auch Viren, Bakterien oder Pilze, die die Population eindämmen. Doch das Einschleppen einer weiteren Fremdart zur Bekämpfung von Drosophila suzukii ist keine Lösung. Allzu oft hat man sich mit solchen Programmen noch größere Probleme eingehandelt.

Düsterer Ausblick

Zur Abwehr der Kirschessigfliegen-Invasion in Europa stehen bislang keine Mittel zur Verfügung, die kurzfristig einsatzbereit wären. Die Gefahr ist nicht vorüber, selbst wenn die Kirschessigfliege in diesem Jahr nur geringe Schäden anrichten sollte. Sie wird wieder zuschlagen. Wenn nicht (mehr) in diesem Jahr, dann eben im kommenden. Es ist ein Wettrennen Mensch gegen Insekt, bei dem die Forschung überraschend ein Jahr Aufschub bekommen hat. Favorit ist und bleibt die Kirschessigfliege: sie hat keinen Gegner der ihr Paroli bieten könnte.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 09.07.2019 04:10 Uhr