SENDETERMIN Sa, 13.12.14 | 16:00 Uhr | Das Erste

Das Comeback der Heilpilze

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Das Comeback der Heilpilze | Video verfügbar bis 12.12.2019 | Bild: WDR

Eine Pilzart hat Millionen Menschen das Leben gerettet - der Schimmelpilz. Der Londoner Forscher Alexander Fleming entdeckte 1928, dass Pilze der Gattung Penicilium Bakterien abtöten können. Als Penicillin machte das Medikament einen Siegeszug rund um die Welt. Doch Fleming war nicht der erste, der Pilze zum Heilen einsetzte. Schon Jahrhunderte vor ihm gab es Heiler, die Pilze zum Kurieren von Krankheiten verwendeten.

Die "Hausapotheke" des Gletschermannes

Birkenporling
Heilpilz mit langer Tradition: der Birkenporling | Bild: BR

Als Gletschermann Ötzi vor 5.000 Jahren in den Alpen unterwegs war, hatte er auch eine Notfallapotheke dabei: Pilze. Genauer gesagt: Birkenporlinge. Die Pharmazeutin Prof. Ulrike Lindequist von der Universität Greifswald vermutet, dass er sie als Heilmittel gegen Entzündungen bei sich trug. Fest steht: Von der Steinzeit bis ins Mittelalter sammelten die Menschen im Wald "Heilpilze": Judasohren, Birkenporlinge oder Hollunderschwämme. Zur Wundheilung, gegen Magenschmerzen und Fieber. So heißt es etwa im Kräuterbuch des Apothekers Adamus Lonicerus aus dem 16. Jahrhundert: "Hollunderschwämme löschen und trucken nieder allerlei Hiz und Geschwulst." Die moderne deutsche Schulmedizin hat sich für dieses überlieferte Wissen nicht mehr interessiert. Zu Unrecht? Fest steht: "Heilpilze" erleben in den letzten Jahren ein Comeback.

Pilze haben großes medizinisches Potenzial

Ein Mann hält eine Petrischale mit einem Pilz
Der Pappelritterling hilft gegen Heuschnupfen | Bild: BR

Professorin Ulrike Lindequist hat mit ihrem Team überlieferte Heilpilze auf ihr medizinisches Potenzial hin untersucht - und ist fündig geworden. Ötzis Birkenporling enthält als Wirkstoffe sogenannte Triterpene, die Entzündungen hemmen. Auch der Zunderschwamm wirkt antibiotisch. Neu entdeckt haben die Forscher die Heilkräfte des Pappelritterlings, der gegen Heuschnupfen und Hauterkrankungen hilft. Die Forschung der Greifswalder Pharmazeuten ist eine große Ausnahme - ansonsten wird das Potenzial von Pilzen hierzulande kaum erforscht oder genutzt. Es gibt zwar Pilzpulver und hoch dosierte Extrakte in Reformhäusern oder im Internet, aber die gelten als Nahrungsergänzungsmittel. Als Medikament sind Pilzextrakte in Europa nicht zugelassen. Ganz anders in Asien: Hier sind Pilzmedikamente sehr verbreitet. Ein aktuelles Beispiel: Wirkstoffe aus dem Speisepilz Shiitake gehören in Japan zur Standard-Begleittherapie bei Tumorbehandlungen.

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Ärzte und Heilpraktiker, die Pilze in der Therapie einsetzen. Der Wackersdorfer Allgemeinmediziner Andreas Kappl bietet seit langem Pilzextrakte im Rahmen von Naturheilverfahren an. Je nach Krankheitsbild empfiehlt er bestimmte Pilzmischungen als Ergänzung zur Schulmedizin. Bei Wechseljahres-Beschwerden beispielsweise verschreibt er Wirkstoffe aus den asiatischen Sorten Cordiceps und Ling Zhi. Auch bei Krebsbehandlungen empfiehlt er oft Pilze zur Stärkung des Immunsystems.

Pilze sind kein Wundermittel

Drei Forscher stehen im Labor
Professorin Ulrike Lindequist erforscht die Heilkraft von Pilzen | Bild: BR

Können Pilze also tatsächlich Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern? Prinzipiell ist das möglich, meint die Pharmazeutin Ulrike Lindequist. Pilze haben ein riesiges Potenzial. Aber sie sind kein Wundermittel. Die Forscherin warnt vor zweifelhaften Werbebotschaften und Angeboten im Internet. Noch gibt es nur wenige aussagekräftige Studien zur Heilkraft von Pilzen und bislang keine einzige in Europa anerkannte klinische Untersuchung. Von Selbstmedikation mit Pilzextrakten rät sie daher dringend ab: Untersuchungen der Uni Greifswald haben ergeben, dass die Qualität der angebotenen Präparate sehr unterschiedlich ist. Einige hatten gar keine medizinischen Wirkstoffe. Ulrike Lindequist fordert daher feste Standards für Pilzpräparate.

Keine Frage: In vielen Pilzen steckt ein medizinischer Schatz. Das wussten bereits die Heiler des Mittealters. Doch bis dieser Schatz von der modernen Forschung gehoben ist, wird es wohl noch einige Jahre dauern. Nichts einzuwenden ist allerdings gegen einen schmackhaften Pilzsalat, mit gesunden Shiitake-Pilzen zum Beispiel - kalorienarm, reich an Vitamin D und Ballaststoffen.

Autor: Andreas Kegel (BR)

Literatur-Tipp

Dr. med. Andreas Kappl
"Gesund mit Medizinalpilzen"
Verlag Gesund+Vital, 2007
In diesem Buch informiert der Allgemeinmediziner über die bekanntesten Heilpilze und gibt Beispiele aus seiner Praxis über den Einsatz von Pilzpräparaten.

Ulrike Lindequist:
"Shiitakepilze – mehr als eine Delikatessse?"
Artikel aus der Zeitschrift für Phytotherapie, 2013/34
Dieser Artikel gibt einen Einblick zum Forschungstand beim Shiitake-Pilz.

Stand: 15.12.2014 09:35 Uhr