SENDETERMIN So, 01.06.14 | 17:00 Uhr

Müll-Archäologie

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Video vorab: Müll-Archäologie (zur Sendung am 01.06., 17:00 Uhr) | Video verfügbar bis 01.06.2019 | Bild: NDR
Dr. Eva Becker, Müll-Archäologin
Dr. Eva Becker, Müll-Archäologin | Bild: SWR

Archäologen sortieren und beschreiben die Hinterlassenschaften vergangener Generationen. Sie versuchen dabei Muster zu erkennen, um Aussagen über Existenzbedingungen und Lebensweise einer Kultur zu machen. Die wenigsten Archäologen buddeln dabei sagenumwobene Tempel aus oder fördern unermessliche Goldschätze zu Tage. Der Archäologenalltag findet meist ganz profan in den Latrinen und Abfallplätzen längst verlassener Siedlungen statt. Hier kann man sehen, wovon sich die Bewohner ernährt haben, was für sie wertlos war und welche Materialien und Techniken sie zur Verfügung hatten.

Archäologie ist zunächst einmal eine Methode. Und die kann man nicht nur auf Vor-Urzeiten-Weggeworfenes, sondern auch auf Gerade-erst-Entsorgtes anwenden. Das genau macht die Siedlungsarchäologin Dr. Eva Becker auf ihren Streifzügen durch die Großstadt. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich eigentlich mit Siedlungen im Mittelalter, doch vor ein paar Jahren hörte sie durch Zufall den Begriff "garbology", den der amerikanische Archäologe William Rathje in den 70er-Jahren prägte - ein Kunstwort aus "garbage" (Müll) und "archaeology". Der Professor wanderte mit seinen Studenten über die damals noch zahlreichen offenen Müllkippen im Wüstenstaat Arizona und katalogisierte was seine Zeitgenossen für unwert befanden. Dabei stellte er auch Widersprüchliches fest, zum Beispiel, dass die Menschen in Krisenzeiten mehr wegschmeißen.

Die Coffee-To-Go Gesellschaft

Pappbecher am Wegesrand
Können wir uns "leisten": Geschirr zum einmaligen Gebrauch | Bild: SWR

Eva Becker war fasziniert und zog los: In Ihrem Blog Müll-Archäologie schreibt sie seither über ihre Wanderungen "Die Spannung, die sich häufig zu Beginn einer archäologischen Grabung mit der Frage 'Was werden wir finden?' aufbaut, erlebe ich heute, wenn ich mit meiner kleinen Digitalkamera durch die Stadt laufe und mich überraschen lasse, was denn so alles am Wegesrand liegt." Besonders häufige Fundstücke sind Trinkgefäße aus Pappe zum einmaligen Gebrauch. "Coffee To Go. Ich liebe sie. Ich habe mittlerweile so viele Becher fotografiert. Ich weiß einfach keine Gesellschaft, die es sich erlauben konnte, einen Rohstoff oder ein Geschirr nur ein einziges Mal zu benutzen."

Edelmetalle im Müll

Ein Mann legt etwas in einen Container voller Elektroschrott.
Wir produzieren viel Elektroschrott. | Bild: SWR

Die Deutschen schmeißen pro Kopf und Jahr knapp 500 Kilogramm Material einfach weg. Beispiel Elektroschrott: Jeden Tag werden allein auf einem Wertstoffhof in Berlin mehrere Container mit alten Bildschirmen entsorgt, die vielleicht maximal zehn Jahre in Betrieb waren. Frühere Zivilisationen haben ihre Botschaften technisch auf Tontafeln, Birkenrinde oder Papyrus ausgetauscht und konserviert. Gerade die Papyrusherstellung ist sehr aufwändig, kaum jemand hat sich das geleistet. Wohingegen wir heute nur einen Bruchteil unseres Einkommens für einen TV- oder Computer-Bildschirm ausgeben müssen. Andererseits hat der alte Bildschirm einen sehr hohen Wert, der aber noch nicht oder nur ansatzweise erfasst wird, nämlich durch die "Seltenen Erden" oder kleinste Mengen an Edelmetallen, die er enthält. Deswegen werden in anderen Kontinenten Kriege geführt oder lassen Menschen in Bergwerken ihr Leben. Hier landen sie auf dem Schrott. Solche Widersprüche fallen Eva Becker auf.

Wir leben in der Plastikzeit

Archäologen nennen eine Zeit gerne nach dem Material, das sie vorwiegend vorfinden, also zum Beispiel Steinwerkzeuge in der Steinzeit, Bronzeschmuck in der Bronzezeit oder Eisen in der Eisenzeit. Und wie ist es in unserer Zeit? Eva Becker kann sich nicht ganz entscheiden: Vielleicht werden die Archäologen im dritten Jahrtausend unsere Zeit einfach Papier-Plastik-Zeit taufen. Die Müll-Archäologie bietet uns eine objektive Perspektive auf unsere Zeit und Kultur. Hilfreich könnte das auch für Stadtplaner oder Marktforscher sein. Wenn man etwas über die Leute in einem Stadtteil wissen will, dann erfährt man durch ihren Müll möglicherweise mehr als zum Beispiel über Fragebögen.

Zeig' mir deinen Müll und ich sage dir wer du bist.

Eva Becker steht vor einem Tisch mit Hausmüll
Was verrät der Müll über die Menschen? | Bild: SWR

Wir haben Abfall aus drei verschiedenen Haushalten gesammelt und der Müll-Archäologin vorgelegt. Sie weiß nichts über die Herkunft. Der erste Beutel enthält Kompostierfähiges, Kunststoffe und andere Sachen - ungetrennter Müll also. Die Verpackungen deuten auf zwei widersprüchliche Essgewohnheiten: Dosenfutter aus dem Discounter versus selbstgekochtes Gemüse und Bio-Käse. "Es könnte wirklich sein, dass das eine WG ist, wo sich einer versucht, sich relativ ernährungsbewusst zu ernähren, der andere eher auf Fast Food oder Fertigessen steht." Alles richtig. Es handelt sich um eine Zweier-WG mit unterschiedlichen Ernährungskonzepten.

Beim Mülltest kommt die Wahrheit ans Licht

Im nächsten Beutel befindet sich der Müll eines Pärchens, das gern Essen geht. Was fällt Eva Becker als erstes auf? "Es geht nicht nur darum, was ist da, sondern was fehlt? Und hier ist es ganz eindeutig: Hier fehlt das Essen!" Bingo!

Die letzte Tüte stammt von einer vierköpfigen Familie aus der Vorstadt. In der Befragung gab die Familie an, sehr bewusst zu trennen und vorwiegend regionale Produkte zu kaufen. Und, stimmt das? Eva Becker ist entrüstet beim Anblick der Verpackungen. "Wenn die Familie selber sagt, sie schätzt regionale Sachen, dann gibt es ihr Müll nicht wieder. Dem würde ich absolut widersprechen - diese Familie lebt nicht nach der 100-Kilometer-Diät."

Zwischen Selbstwahrnehmung und Realität klafft eben doch manchmal eine Lücke. Marktforschung nur mit Fragebogen, das wäre hier sozusagen für die Tonne gewesen. - Oder ein wenig poetischer: Die Antwort liegt ganz allein im Müll.

Autor: André Rehse (SWR)

Stand: 01.06.2014 17:49 Uhr