SENDETERMIN Sa, 01.08.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Bienen machen die besten Erdbeeren

Bäckermeister Jens Hildebrand aus Göttingen ist stolz auf seinen Erdbeerkuchen. Er weiß: "Wenn wir Erdbeeren haben, die nicht nach Erdbeeren schmecken, können wir auch den Erdbeerkuchen vergessen." Fünf-Sterne-Bäcker Hildebrand setzt deshalb ganz auf Qualität. Und die holt er sich direkt vom Hof der Erdbeerbauern-Familie Mecke in Göttingen.

Unerklärliche Qualitätsprobleme

Nicht voll ausgebildete und deformierte Erdbeeren
Manchmal wachsen Erdbeeren nicht richtig. | Bild: hr

Doch es gab Zeiten, da hatten die Meckes große Qualitätsprobleme mit ihren Erdbeeren. Kay Mecke erinnert sich: "Wir hatten viele Früchte, die nicht richtig ausgebildet waren, also förmlich deformiert waren. Wir konnten uns dieses Phänomen nicht erklären." Durch Zufall trafen die Meckes damals auf den Agrarökologen Björn Klatt. Der Göttinger Wissenschaftler suchte Forschungsflächen für die Untersuchung verschiedener Bestäubungs-Arten im Obstanbau. Klatt hatte sofort einen Verdacht: Die Probleme der Meckes könnten mit der Bestäubung auf ihren Erdbeerfeldern zu tun gehabt haben.

Vergleich der Bestäubungsarten

Erdbeerblüten, mit Netzen bedeckt
Netze verhindern die Bestäubung durch Insekten. | Bild: hr

Klatt weiß, dass Erdbeerpflanzen auf drei unterschiedliche Arten bestäubt werden können: Bei der ersten Möglichkeit fällt der Pollen von den Blüten herab auf andere Blüten und deren Blütenstängel. Aber auch der Wind weht Pollen von Pflanze zu Pflanze und bestäubt sie. Und dann ist da noch die dritte Möglichkeit: durch Insekten. Das Wissenschaftlerteam will die drei Bestäubungsarten vergleichen. Bei einem Teil der Pflanzen packen sie jede einzelne Blüte in Plastikfolie ein. Dadurch können sich die Pflanzen nur selbst bestäuben. Bei anderen Pflanzen sorgen Netze dafür, dass nur Windbestäubung möglich ist. Beim Rest der Erdbeeren können Insekten zum Zug kommen – vor allem Bienen und Wildbienen. Zu den Wildbienen zählt man übrigens alle Bienen außer der Honigbiene. Also auch die Hummeln, sowie andere sogenannte solitäre Wildbienen-Arten. Etwa 570 Wildbienen-Arten sind in Deutschland bekannt. Die Wildbienen will Klatt gezielt anlocken. Zusammen mit Kay Mecke stellt er deshalb Nisthilfen am Feldrand auf. Die Wildbienen nutzen die neue Brutbehausung umgehend, denn ringsum fehlen solche Nistmöglichkeiten.

'Big Brother' auf dem Erdbeerfeld

Biene bestäubt Erdbeerblüte
Die Bienen werden genau beobachtet. | Bild: hr

Ab jetzt wird jeder Bienenanflug unter die Lupe genommen. Unter anderem mit Kameras. Aber die Forscher beobachten die Bienen auch selbst und registrieren ihre Bewegungen. Big Brother auf dem Erdbeerfeld. Die Bestäubungsleistungen der Wildbienen sind enorm, erzählt Dr. Björn Klatt: "Natürlich machen die Honigbienen die große Masse der Bestäuber aus. Aber Wildbienen können bei viel niedrigeren Temperaturen fliegen. Außerdem fliegen sie viel länger am Tag, bewegen sich effektiver auf der Blüte und können auch viel, viel mehr Blüten in einer kürzeren Zeiteinheit bestäuben."

Große Qualitätsunterschiede

Eine deformierte, windbestäubte und eine perfekte, insektenbestäubte Erdbeere
Großer Unterschied zwischen Wind- und Insektenbestäubung | Bild: hr

Aber sind die bienenbestäubten Erdbeeren auch die besseren Erdbeeren? Die Auswertung ergibt: Die selbst- und windbestäubten Früchte erscheinen im Vergleich zu den von Insekten bestäubten Früchten geradezu verkümmert. Björn Klatt erklärt das so: "Insekten sind deutlich effektiver als die Windbestäubung, da sie viel mehr Pollen mitbringen als der Wind. Und sie bewegen sich auch auf der Blüte und verteilen dadurch den Pollen viel besser." Er zeigt uns eine sehr wohlgeratene Frucht aus dem Forschungsfeld: "Hier haben wir eine sehr schöne Erdbeere, sehr schön geformt, so stellt man sich das im Allgemeinen vor." Dann zeigt uns der Wissenschaftler eine mickrige, verkümmerte und stark gefurchte Erdbeere: "Das genaue Gegenteil: Diese Frucht ist nicht gut bestäubt worden. Wir sehen starke Riefen in der Frucht, sie ist stark deformiert und viel, viel kleiner als die andere Frucht."

Die besten Beeren gibt es durch Insektenbestäubung

Biene in einem mit Pestiziden besprühten Feld
Bienen leiden unter Pestiziden. | Bild: hr

Die Erdbeerbauern brauchen also die Bienen. Aber die Tiere sind bedroht, etwa durch Pestizide. Zwar verzichten immer mehr deutsche Erdbeerbauern auf Pflanzenschutzmittel, aber in der modernen Landwirtschaft, vor allem in Monokulturen wie Raps, Mais und Getreide werden sie häufig eingesetzt. Kommen Bienen dort mit Pestiziden in Kontakt, können sie vergiftet werden. Aber am schlimmsten ist, dass vor allem die Wildbienen immer weniger Nahrung finden. Denn die Blumenwiesen und Böschungen von früher wurden geopfert, um noch mehr Ackerfläche zu gewinnen. Die Ergebnisse des Forscherteams enthüllen den unschätzbaren Wert der Bienen. Die von ihnen bestäubten Erdbeeren sind fester und haben eine rötere Farbe. Ihr Geschmack ist ausgewogener. Und Insekten-bestäubte Früchte bleiben länger frisch.

Satter Mehrgewinn durch Insektenbestäubung

Jens Hildebrand und Familie Mecke beim Erdbeerkuchenessen
Nur mit guten Erdbeeren schmeckt der Erdbeerkuchen. | Bild: hr

Björn Klatt hat errechnet, dass Europas Erdbeerbauern mit Insektenbestäubung einen Mehrgewinn von jährlich 235 Millionen Euro erwirtschaften könnten. Schon während der laufenden Versuche ist Erdbeerbauer Kay Mecke von den Forschungsergebnissen überzeugt: "Gleich nach der ersten Ernte haben wir eine deutliche Verbesserung feststellen können. Wir haben danach noch weitere, eigene Nistkästen aufgestellt, um hier möglichst viele Wildbienen und Insekten anzulocken. Wir können jetzt endlich unseren Kunden wieder die Qualität bieten, die sie gewohnt sind." Genau die Qualität, die Bäcker Jens Hildebrand für seinen Erdbeerkuchen braucht: "Super aromatische, große Früchte. Ich habe wenig Ausschuss und die Kuchen lassen sich mit den Erdbeeren einfach toll belegen." Die Rückbesinnung auf die Wildbienen zahlt sich also in jeder Hinsicht aus. Für Produzenten, Händler und auch für die Kunden. Denn sie wünschen sich beim Erdbeerkuchen vor allem eines: Dass er lecker schmeckt.

Stand: 09.07.2019 00:54 Uhr