SENDETERMIN So, 03.08.14 | 17:00 Uhr | Das Erste

Sand für Sylt

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Sand für Sylt | Video verfügbar bis 02.08.2019 | Bild: WDR
Wattenmeer mit Sandbänken vor Sylt
Sand ist die Grundlage des Lebens in der Nordsee. | Bild: NDR

Nichts beeinflusst das Leben der Bewohner von Nordseeinseln so wie Sand. Er entscheidet darüber, ob Land wächst oder schrumpft. Er sorgt für die Sicherheit der Menschen, er kann aber auch ihre Lebensgrundlagen zerstören. Sand ist die Grundlage des Lebens in der Nordsee; wörtlich und im übertragenen Sinne. Die Ferieninsel Sylt wird immer kleiner. Würde der Mensch nicht eingreifen, dann verschwände das Eiland irgendwann in den Fluten. Deswegen gibt es jedes Jahr neuen Sand für Sylt. Auf Kosten des Steuerzahlers, denn diese Maßnahmen laufen unter Küstenschutz. Für den gleichnamigen Landesbetrieb Küstenschutz koordiniert der Geowissenschaftler Arfst Hinrichsen die jährlichen Sandvorspülungen an der Westküste vor Sylt. Sie dienen den Menschen als Maßnahme gegen den täglichen Landraub durch das Meer und den Wind. Im Jahr 2014 sollen rund 1,255 Millionen Kubikmeter Sand in neun Abschnitten aufgespült werden. In Gewicht sind das ungefähr zwei Millionen Tonnen Sand. Das ist ungefähr so viel wie in eine 100 Meter tiefe Grube mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes passen würde.

Der Sand ist ständig in Bewegung

Sand wird vom Meeresboden abgesaugt und auf den Strand gespült
"Schutzwall" Sand | Bild: NDR

Jedes Jahr saugen Baggerschiffe mehrere Monate lang Sand vom küstennahen Meeresgrund und pumpen gigantische Mengen auf und vor den Strand von Sylt. Es ist eine Sisyphusarbeit. Denn kaum ist der Schutzwall Strand vergrößert, tobt ab Herbst die Kraft des Meeres erneut gegen ihn an. Bei Sturmfluten wird besonders viel Sand aufgewühlt und vom Meer fortgeschafft. Immer wieder und aufs Neue. Für die Westküste von Sylt ist das schlecht, für den Norden und Süden der Insel bedeutet es Zuwachs. Denn am sogenannten Ellenbogen bei List ist inzwischen ein neuer Strand entstanden. Hier taucht ein Teil des Sandes wieder auf, der an der Westküste so mühsam aufgespült wurde. Einige Zeit hat er die Küste vor den Wellen geschützt, ehe er selbst von Wellen und Strömung abtransportiert wurde. Mit Glück bleibt er dann an der Süd- oder Nordspitze hängen.

Flugsand

Sand ist nicht gleich Sand. Die Unterschiede werden nach EN ISO 14688 Norm genau festgelegt. Im Meer vor Sylt liegt die Korngröße meist zwischen 0,002 Millimetern (Feinschluff) und 0,02 Millimetern (Grobschluff ). Je kleiner die Körner desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Strand durch Wasser oder Wind fortgeschafft werden. Je feiner der Sand desto schwieriger wird es für die Menschen also, ihn an seinem Platz zu halten. Das ist der Grund, warum auf Sylt und vielerorts an der Nordseeküste so viel Wert auf Dünenschutz Wert gelegt wird. Die Pflanzen darauf halten den Sand fest. Würden sie das nicht tun, hätte der Wind leichtes Spiel. Die Körner würden über die ganze Insel geblasen und lebensfeindliche Bedingungen schaffen. Dort wo sich Sand in größeren Mengen ablagert, ist kein Ackerbau möglich. Es kommt also sehr darauf an, dass der Sand am schmalen Küstensaum bleibt und dort seine wichtige Schutzfunktion erfüllt. Um das zu erreichen haben die Menschen im Laufe der Jahrhunderte so einiges versucht.

Die berühmten Buhnen von Sylt - nur noch Treffpunkte

Eine Buhne wird von der Brandung umspült.
Buhnen sollten helfen, die Sandabtragung zu verringern. | Bild: NDR

Die Westküsten der Inseln sind stets besonders gefährdet. Die Brandung prallt dort mit Wucht auf die Küste, wirbelt den Sand auf und transportiert ihn - auf Sylt - mit einer Seitwärtsströmung - ab. Früher wurde mit Buhnen, langen Pfahlreihen, die parallel zueinander ins Meer ragen gegen diese Sandverluste gekämpft. Doch seit 1968, als die letzte Buhne vor Westerland errichtet wurde, haben die Menschen eingesehen, dass die Natur sich auch damit nicht bändigen lässt. Touristen kennen die Buhnen nur noch als markante Treffpunkte an den Stränden. So wie Buhne 16, die für ihren FKK Strand berühmt geworden ist. Dass die Bauwerke, die sich tief ins Meer ziehen, früher gegen den Landraub des Meeres eingesetzt wurden, haben die meisten schon vergessen. Holzbuhnen wurden morsch, Stahlbuhnen rosteten und die Asphaltbuhnen wurden porös. Immer war das Meer stärker. Es holte sich den Strand gegen jede Maßnahme zurück. Aber der Sand ist damit nicht weg - er ist nur woanders.

Neue Inseln mitten im Meer

Eine neue Sandbank bei Sylt aus der Vogelperspektive
Eine neue Sandbank bei Sylt | Bild: NDR

Niemand kann ganz genau vorhersagen, wo im Wattenmeer welcher Sand auftaucht und woher er stammt. In der Nordsee entstehen jedenfalls immer wieder neue Sandinseln, die sich erstaunlich schnell entwickeln. In der Nähe von Föhr ist vor zehn Jahren die sogenannte Kormoraninsel entstanden. Anfangs nur eine Anhäufung von Sand, die auch bei Flut trocken blieb. Inzwischen kommen Seevögel und Robben hierher und im Windschatten hinter Müllresten entstehen gerade die ersten Ansätze von Dünen. Der Sand stammt vermutlich von Sylt und schafft hier neue Lebensräume: Bald könnten die ersten Pflanzen hier siedeln und ein neues Ökosystem begründen. Dazu muss sich zunächst der Strandhalm ansiedeln. Er ist die einzige Pflanze, die auf schierem Sand leben kann. Erst wenn er sich angesiedelt hat, besteht eine Chance auf variableres Pflanzenwachstum auf der Insel. Denn nach dem Strandhalm können Gräser wachsen. Und nach den Gräsern diverse andere Pflanzen.

Wie das dann aussieht, das lässt sich nördlich der Hallig Norderoog beobachten: Dort ist ebenfalls eine Sandinsel entstanden, älter als die Kormoraninsel. Hier ist die Natur schon weiter. Es gibt bereits quietschgrüne Zonen auf dem Neuland. Es wird nicht mehr lange dauern und sie könnte sich mit Hallig Norderoog verbinden. Sand schafft neues Land. Inzwischen ist hier ein bedeutendes Vogelschutzgebiet entstanden.

(K)ein Ende in Sicht

"Sylt wird immer länger und immer dünner", sagt Arfst Hinrichsen. "Wenn wir nicht mit dem Schiff ständig Sand nachgeschüttet hätten, gebe es vor Westerland überhaupt keinen Strand mehr." Außerdem wären die Steilküsten viel kleiner geworden.

Für die Westküste rings um die Hauptstadt Westerland bedeutet das: Soll es hier weiter Land geben, muss es die Sandvorspülungen wohl ewig geben. Zumindest so lange wie Menschen hier leben wollen. Doch der ganze steuerfinanzierte Aufwand wird nicht etwa nur für die Schönen und Reichen getrieben, darauf legen die Sylter wert: Ihr Eiland fungiere schließlich auch als Wellenbrecher für die Küste des schleswig-holsteinischen Festlands.

Autor: Tom Ockers

Stand: 03.08.2014 15:28 Uhr