SENDETERMIN Sa, 22.11.14 | 16:00 Uhr

Wie empfinden Tiere Schmerzen?

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Wie empfinden Tiere Schmerzen? | Video verfügbar bis 21.11.2019 | Bild: ARD

Ob es im Kopf schmerzt oder das Knie wehtut, jeder Mensch empfindet Schmerzen ein wenig anders. Und wie ist das bei Tieren? Sie können nicht sagen: Mir tut der Rücken weh oder es zwickt im Fuß. Sind sie trotzdem in der Lage, Schmerzen zu empfinden? Die Frage erscheint banal, ist aber durchaus berechtigt. In den USA wurde Veterinär-Studenten noch bis Ende der 80er-Jahre beigebracht, dass Tiere keinen Schmerz empfinden. Ein bequemes Argument, um Nutztiere als emotionsfreie Fleischmaschinen in Schlachtfabriken zu halten. Heute sieht die Wissenschaft das differenzierter und hat längst erkannt, dass die Wirbeltiere und vielleicht auch manche Wirbellose ein Schmerzempfinden haben.

Das Grundproblem aber bleibt: Niemand kann in die Gefühlswelt eines Schweins oder Regenwurms schlüpfen. Wie Tiere Schmerzen wahrnehmen, lässt sich nur schwer beurteilen.

Fakire der Tierwelt: Nacktmulle

Nacktmull in Großaufnahme in Hand des Forschers
"Dickes Fell": schmerzfreier Nacktmull  | Bild: BR

Forscher aus Berlin haben es trotzdem versucht - und zwar bei Tieren, die nicht nur durch ihr skurriles Äußeres hervorstechen, sondern auch sonst ziemlich schmerzfrei sind: Nacktmulle. Die bizarren Säugetiere wohnen unterirdisch in den afrikanischen Wüsten, sind quasi blind und wirken irgendwie hilfsbedürftig. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Nacktmulle gelten als weitgehend schmerzfrei, als Fakire der Tierwelt. Ihre schrumpelige Haut ist fast immun gegen alles, was weh tut. Doch woran liegt das?

Schmerzforscher mit Kollegin bei Verhaltensexperiment im Labor
Schmerzforscher Gary Lewin | Bild: BR

Diese Frage interessiert den britischen Schmerzforscher Gary Lewin. Natürlich nicht, weil er den Tieren gerne Schmerzen zufügt. Der Neurobiologe vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin möchte wissen, wie die Nacktmulle Schmerzsignale verarbeiten und wie Schmerzen prinzipiell entstehen. Wichtige Grundlagen, um auch das Schmerzverhalten beim Menschen besser zu verstehen und einmal wirksamere Medikamente zum Beispiel gegen Rheuma und Arthritis entwickeln zu können.

Anders verschaltet: Nacktmullgehirn

Grafik mit Nacktmull, Schmerzsignal kommt im Gehirn an
Schmerz wird nicht als Schmerz bewertet. | Bild: BR

Um herauszufinden wie die ungewöhnlichen Tiere die Schmerz-Signale verarbeiten, haben die Forscher die Haut der Nacktmulle mit kleinsten Mengen Capsaicin gereizt, der scharfen Substanz des Chili-Pfeffers. Der Stoff brennt wie Feuer, zumindest auf der Haut des Menschen. Bei den Nacktmullen dagegen passiert Folgendes: Trifft der Reiz des Chili-Wirkstoffs auf die Haut, aktiviert dieser spezielle Schmerzfühler, die sogenannten Nozizeptoren. Diese leiten den Schmerzimpuls ganz normal über eine Nervenfaser weiter zum Rückenmark. Von dort gelangt das Signal ins Gehirn. Die Botschaft müsste jetzt eigentlich lauten: "Achtung Schmerz, schnell reagieren!" Aber die Nacktmulle reagieren nicht.

Der Grund: Die Schmerzrezeptoren für das Capsaicin sprechen zwar an, aber sie aktivieren andere Regionen im Gehirn als bei normalen Säugetieren, die über die gleichen Sensoren verfügen. Die Forscher vermuten, dass die Information "Schmerz" im Gehirn der Nacktmulle nicht als Schmerz bewertet wird. Denn die Nozizeptoren, die eigentlich Schmerz hervorrufen, sind im Zentralnervensystem mit Neuronen verschaltet, die normalerweise mit dem Tastsinn zu tun haben. Es könnte also sein, dass die Tiere statt Schmerz ein angenehmes, taktisches Gefühl erleben. Wirklich beurteilen lässt sich das aber nicht.

Fragen der Tierphilosophie

Tatsächlich ist die Frage, ob und wie Tiere unter Schmerzen leiden, nicht leicht zu beantworten. Können sie überhaupt Leid erfahren, so wie wir uns das als Menschen vorstellen? Leid auf psychischer Ebene? Hirnforscher gehen davon aus, dass für die Fähigkeit zu leiden, Bewusstsein nötig ist. Das subjektive Bewusstsein ist im sogenannten Neocortex, dem evolutionär jüngsten Teil des Gehirns, verankert. Da dieser Gehirnabschnitt bei vielen Tieren nur gering ausgeprägt ist, liegt der Schluss nahe, dass sie nicht im psychischen Sinn leiden können. Doch diese Schlussfolgerung ist längst überholt - sagt der Schweizer Tierphilosoph Markus Wild. Er gilt als Mitbegründer der Tierphilosophie im deutschsprachigen Raum und hat sich intensiv mit dem Schmerzverhalten von Tieren beschäftigt. Seine Beobachtungen bestärken die Erfahrung von Haustierbesitzern: Tiere können durchaus leidvollen Schmerz erfahren. Die wichtigste Frage dabei ist: Reagiert das Tier nur reflexartig auf einen Reiz oder gibt es tatsächlich eine Verarbeitung des Reizes in höheren Gehirnarealen, die zu einer Verhaltensänderung beim Tier führt?

Gefühllos, tapfer, wehleidig?

Kopf eines Australian-Shepherd-Hundes in Großaufnahme
Hunde zeigen, wenn es weh tut. | Bild: BR

Da Tiere nicht mit uns über ihr Befinden sprechen können, ist die Beobachtung ihres Verhaltens die einzige Möglichkeit, das Ausmaß ihres Leids zu beurteilen. Doch weil Tiere unterschiedlich gebaut sind, zeigen sie auch unterschiedliche Verhaltensweisen, wenn ihnen etwas weh tut. Das temperamentvolle Pferd etwa tobt bei einer Magenkolik, das Schaf mit gebrochenem Bein frisst einfach weiter. Katzen wiederum sind eher ruhige Tiere und hart im Nehmen. Man muss sie sehr genau beobachten, um festzustellen, dass ihnen was fehlt. Der Hund hingegen ist mit uns sozialisiert, gibt deutliche Signale und "übertreibt auch gerne mal, wenn es ihm schlecht geht", weiß Markus Wild. Der Tierphilosoph kennt es aus eigener Beobachtung: Wenn sein Australian-Shepherd-Hund Titus eine Magenverstimmung hat, kauert er sich zusammen, legt sich in die Ecke und leidet an den Schmerzen - ganz offensichtlich.

Bei Insekten sieht das schon anders aus. Ein Käfer mit einem kaputten Bein läuft genauso wie vorher, ohne das Bein sichtbar zu schonen. Auch Heuschrecken fressen einfach weiter, während sie selbst von einer Gottesanbeterin verspeist werden. Solche Beobachtungen weisen darauf hin, dass vor allem Insekten Schmerzen, wie sie der Mensch kennt, nicht empfinden. Sie besitzen zwar Sinnesorgane, mit denen sie Schmerzreize wahrnehmen können. Doch vermutlich werden sich die meisten wirbellosen Tiere wegen ihrer einfachen Hirnstruktur keines Schmerzes bewusst - auch Regenwürmer und Insekten nicht. Der Wurm zappelt vermutlich wegen angeborener Reflexe, nicht vor Schmerz. Irrtum allerdings nicht ausgeschlossen.

Irrglaube: kalt wie ein Fisch

Grafik einer Regenbogenforelle, Schmerzsignale kommen im Gehirn an
Forellenschmerz: Auch Fische können leiden. | Bild: BR

Tatsächlich stoßen Forscher bei dem Versuch, den Schmerz von Tieren zu untersuchen, immer wieder an ihre Grenzen. So galten Fische lange Zeit als gefühlskalte, stoische Reflex-Automaten. Inzwischen weiß man: Fische sind intelligente Wesen und haben eine hohe Sozialkompetenz. Zwar unterscheiden sich ihre Gehirne deutlich von denen der Säugetiere. Sie sind weniger komplex und es fehlt der Neokortex, wo das Bewusstsein sitzt. Doch es könnte durchaus sein, dass die Schmerzsignale bei Fischen einfach in anderen Teilen ihres Gehirns bewertet werden.

Gemeinsam mit dem Berner Fischbiologen Helmut Segner hat Tierphilosoph Wild im Auftrag der schweizerischen Ethikkommission das Schmerzverhalten von Forellen untersucht. Während der Biologe die Hirnareale der Forellen erforschte, versuchte Markus Wild die philosophische Seite der Schmerzverarbeitung der Kaltblüter zu beleuchten. "Dass sie uns kalt vorkommen, hat auch damit zu tun, dass wir bei anderen Wesen vor allem darauf achten, was sie für Geräusche und Gesichtsausdrücke machen. Fische machen keine Gesichtsausdrücke, aber sie machen Geräusche - für uns nicht hörbar. Und in ihrem Verhalten zeigen Fische eben doch, dass sie Schmerzen empfinden können", so der Tierphilosoph.

Es gibt inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Hinweise aus der Tierbiologie, die diese These stützen. Doch nicht nur Fische sind in der Lage, Schmerzen zu spüren, sondern auch Oktopusse und sogar Krebse. Vermutlich empfinden viele Tiere ihre Schmerzen sehr viel anders, als wir uns das vorstellen. Trotzdem heißt das nicht, dass sie nicht wehtun. Höchste Zeit, unseren Umgang mit Tieren neu zu überdenken.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 24.11.2014 13:57 Uhr