SENDETERMIN So, 26.05.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Der wilde Strom des Tagliamento

Blick auf einen breiten Fluss
Das breite Flussbett des Tagliamento aus der Vogelperspektive.  | Bild: WDR

Europas Flüsse wurden im Jahrhundert der Industrialisierung zurechtgestutzt, begradigt, umgeleitet und aufgestaut. Wie ein Fluss fließt, der nicht von Menschenhand bearbeitet wurde, wie breit er ist, welche Pflanzen und Tiere in ihm und an seinem Ufer leben, kann man in Europa nur noch an wenigen Flüssen studieren. Einer davon liegt im Norden Italiens. Im Friaul, nicht weit von der Stadt Udine, schlängelt sich der letzte große Wildfluss Mitteleuropas 170 Kilometer weit von den Alpen bis in die Adria: der Tagliamento. Diese Wildflusslandschaft ist ein Forschungseldorado für Ökologen und Biologen aus aller Welt.

Der letzte seiner Art

Grafik im Satellitenbild-Stil vom Mittellauf.
Stündlich schießt eine Kamera Fotos vom Fluss. | Bild: WDR

Manche nennen ihn den König der Alpenflüsse: Bis auf seinen kanalisierten Unterlauf fließt der Tagliamento noch so, wie ihn die Natur geschaffen hat. Kein Staudamm, kein Kraftwerk, kein künstliches Flussbett stört seine Wege. Während 90 Prozent aller Alpengewässer in den vergangenen Jahrhunderten hydrologisch verändert wurden und es nur noch eine Handvoll unverbauter Seitenbäche und Oberläufe gibt, blieb der Tagliamento bisher vom Griff der Zivilisation verschont. Sein Herzstück ist der bis zu zwei Kilometer breite und 150 Quadratkilometer große Mittellauf, ein riesiges Geflecht aus Haupt- und Nebenarmen, Inseln, Auwäldern, Tümpeln und Geröllfeldern. Vor 200 Jahren sahen noch die meisten Alpenflüsse aus wie der Tagliamento. Aber heute ist er der letzte seiner Art.

Die Serengeti Mitteleuropas

Mann untersucht Insekten
Seit zwei Jahrzehnten forscht Klement Tockner am Tagliamento. | Bild: WDR

Das in Europa einzigartige Ökosystem zieht seit den 1990er-Jahren Wissenschaftler aus der ganzen Welt an. Für sie ist der Fluss ein Glücksfall, ein riesiges Freiluftlabor, in dem die Dynamik einer weitgehend intakten Auenlandschaft noch im großen Maßstab studiert werden kann. Einer dieser Forscher ist Klement Tockner. Der Zoologe und Gewässer-Ökologe leitet in Berlin das Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Außerdem berät der gebürtige Österreicher die EU bei der Renaturierung europäischer Gewässer. Für ihn ist der Tagliamento die "Serengeti Mitteleuropas": Die Vielfalt an Pflanzen und Tieren liegt hier weit über dem europäischen Durchschnitt. Allein im Mittellauf leben 32 verschiedene Fischarten – fast doppelt so viele wie in vergleichbaren europäischen Gewässern. Ähnlich steht es um Amphibien und Insekten. Am Tagliamento findet man zum Beispiel noch die Gefleckte Schnarrheuschrecke – ein Tier, das weltweit vom Aussterben bedroht ist. Und knapp ein Drittel der 99 am Fluss heimischen Käferarten steht auf der roten Liste.

Stündlich ein Foto – seit fünf Jahren

 Foto zeigt den Fluss, der gerade viel schlammbraunes Wasser führt
Stündlich macht eine Kamera ein Foto vom Fluss. | Bild: WDR

Doch was ist das Geheimnis hinter dieser Vielfalt? Was hat ein naturbelassener Fluss, was andere Flüsse nicht haben? Erste Antworten auf diese Fragen liefert eine Kamera, die Klement Tockner zusammen mit seinem italienischen Kollegen Walter Bertoldi von der Universität Trento auf dem Gipfelgrat des 400 Meter hohen Monte Ragogna aufgestellt hat. Seit fünf Jahren schießt sie stündlich Fotos von einem bestimmten Flussabschnitt. Die Bilder machen die unglaubliche Dynamik des Flusses sichtbar: Mal ist der Tagliamento hier ein Rinnsal, mal ein reißender Strom. In weniger als einem Tag kann er von 30 Metern auf einen Kilometer Breite anschwellen. 90 Kubikmeter Wasser pro Sekunde führt der Tagliamento im Jahresmittel – bei Hochwasser ist es das Zehnfache. Was die Bilder außerdem zeigen: Jedes Hochwasser spült unzählige Baumstämme und Sträucher vom Oberlauf an, das sogenannte Totholz. Tockners Langzeitbeobachtungen konnten belegen, dass die meisten dieser Holzknäuel beim nächsten Hochwasser weiter den Flusslauf hinuntergetrieben werden. Manche bleiben allerdings jahrelang liegen und und werden zur "Keimzelle" neuen Lebens.

Totholz ist die "Keimzelle" neuen Lebens

Einige kleine grüne Zweige im Schotter
Totholz ist die "Keimzelle" neuen Lebens.  | Bild: WDR

Die angespülten Holzknäuel bieten Kleinlebewesen mitten im reißenden Strom Schutz vor Wind und Wellen. Laufkäfer retten sich bei Hochwasser auf die hölzernen Inseln. In den geschützten Tümpeln, die am Rand der Totholz-Inseln entstehen, laichen Frösche und Kröten. Zudem erwacht das Totholz im Laufe der Jahre selbst zu neuem Leben: Triebe sprießen aus den abgestorbenen Pappel- und Weidenstämmen, die Bäume schlagen neue Wurzeln. Nach und nach bildet sich so aus ursprünglich totem Holz eine kleine Insel als neuer Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Tockner unterscheidet drei Phasen der Inselentwicklung: Frische Totholzablagerungen, die das Material für die eigentliche Inselbildung liefern; Pionierinseln, die zwei bis fünf Jahre alt sind und eine dichte, artenreiche Vegetation aufweisen; und etablierte Inseln, die bis zu 20 Jahre alt werden und von meterhohen Bäumen besiedelt werden. 650 solcher ausgewachsenen Landzungen hat Tockner entlang des Flusslaufes gezählt.

Ständig neue Ökonischen

Die verschiedenen Inseltypen sind jeweils von unterschiedlichen Pflanzen und Tieren besiedelt: Viele der insgesamt 1.400 am Tagliamento heimischen Käferarten benötigen Totholzablagerungen und Pionierinseln als Lebensraum. Aus anfänglich nutzlosem Holz bildet der Fluss so ständig neue Ökonischen für Lebewesen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen – und das an ein und demselben Ort. Für Klement Tockner ein Kreislauf, den man bei der Renaturierung zerstörter Flusslandschaften unbedingt beachten sollte: In den allermeisten europäischen Flüssen ist so gut wie kein Totholz mehr zu finden. Nach Überschwemmungen werden die Baumstämme herausgefischt, aus Angst, sie könnten Brücken beschädigen und Abflüsse verstopfen. Laut Tockner sind solche Sicherheitsmaßnahmen in vielen Regionen nicht nötig oder technisch – zum Beispiel durch andere Brückenkonstruktionen – zu umgehen. Der Forscher wünscht sich mehr Mut bei der Renaturierung, mehr Dynamik in Europas Flüssen. Auch wenn nicht überall Platz für einen zweiten Tagliamento ist: Dem Vorbild aus Norditalien lässt sich seiner Meinung nach vielerorts noch ein gutes Stück näher kommen.

Autor: Max Lebsanft (WDR)

Stand: 07.04.2014 11:49 Uhr

Sendetermin

So, 26.05.13 | 17:00 Uhr
Das Erste