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Mythos Team - das Tauzieh-Experiment

Mythos Team - das Tauzieh-Experiment | Video verfügbar bis 17.10.2019 | Bild: WDR

Der Gruppen-Test

Reporter Burkhardt Weiß lädt Passanten zum Tauziehen im Park ein. Es ist jedoch kein Kräftemessen im klassischen Sinn, denn hinter dem Tauziehen verbirgt sich ein sozialpsychologisches Experiment zur Teamarbeit. Für die erste Runde braucht Burkhardt vier "Testzieher". Alle vier müssen sowohl alleine als auch gemeinsam am Tau ziehen. Ein Messgerät misst die Zugkraft in Newton. Die Ergebnisse der Einzelleistungen und der Gruppenleistung werden notiert, aber nicht kommentiert und erst am Ende eines Durchgangs genannt. Das überraschende Ergebnis: Vergleicht man die Gruppenleistung mit der rechnerischen Summe der Einzelleistungen, dann ist die Gruppenleistung immer schwächer.

Woran kann das liegen? Zwei Begründungen sind denkbar:
1. Vielleicht haben die Personen am Tau nicht alle gleichzeitig mit ihrer maximalen Kraft und auch nicht in die genau gleiche Richtung gezogen. Durch dieses "Koordinations-Problem" hätte sich die theoretisch maximale Leistung der Gruppe reduziert.

2. Vielleicht sinkt aber auch bewusst oder unbewusst die Motivation, in der Gruppe genauso viel Leistung aufzubringen wie alleine.

Der vermeintliche Gruppen-Test

Ein Passant zieht mit drei eingeweihten Teilnehmern am Tau.
Die Tauzieher an Position eins glauben, sie ziehen zu viert am Tau. | Bild: WDR

Deswegen verändert Burkhardt das Experiment: Er sucht im Park einzelne Passanten und verweist auf drei Personen, die schon am Tau auf den Vierten warten. Wieder findet der gleiche Ablauf statt: Alle Personen am Tau ziehen alleine und zusammen in der Gruppe. Doch die drei Mitzieher sind eingeweihte Probanden. Sie geben nur vor, am Tau zu ziehen. Damit der eigentliche Testkandidat das nicht merkt, wird er scheinbar willkürlich an die Position eins am Tau platziert. Das heißt, in beiden Durchgängen - beim alleinigen Ziehen am Seil und beim vermeintlichen Gruppenziehen - wird nur die Zugkraft von einer Person gemessen. So lassen sich die Ergebnisse direkt vergleichen.

Auch hier bestätigt sich das Resultat aus der ersten Runde: Unsere Probanden ziehen weniger stark, wenn sie glauben, sie ziehen in der Gruppe. Mit diesem zweiten Durchgang kann Burkhardt beweisen, dass der Verlust an Leistung nicht mit einem Mangel an Koordination erklärt werden kann.

Historische Referenzstudie

Dr. Jeannine Ohlert vom Psychologischen Institut der DSHS in Köln
Dr. Jeannine Ohlert erforscht das "Soziale Faulenzen". | Bild: WDR

Burkhardts Tauzieh-Experiment wäre für sich allein nicht wissenschaftlich und repräsentativ. Aber die Ergebnisse decken sich mit einer psychologischen Studie von Alan Ingham und seinen Kollegen aus dem Jahr 1974. Ingham wiederum bezog sich auf Erkenntnisse des französischen Agraringenieurs Maximilian Ringelmann am Ende des 19. Jahrhunderts. Der fand heraus, dass die Leistung einer Gruppe beim Ziehen von Lasten nicht linear steigt.

Die Forscher um Ingham bauten eine Holzapparatur mit sechs "Zugstationen", in der sie ein Tau einspannten und an einem Ende ein Zugkraftmessgerät anbrachten. 102 männliche Studenten zogen jeweils in Gruppen zu sechst, zu fünft, zu viert, zu dritt, zu zweit und alleine. Das Ergebnis: Bei der Gruppengröße von zwei sank die Durchschnittsleistung jedes Einzelnen um neun Prozent, bei drei Tauziehern um 18 Prozent. Danach sank die Produktivität des Einzelnen aber nur noch geringfügig: In einer Gruppe von sechs zog jeder um 22 Prozent weniger als in der Einzelleistung.

Wie Burkhardt im [W] wie Wissen-Experiment wiederholten Ingham und Kollegen ihre Studie mit Pseudo-Tauziehern, damit der Faktor Koordination ausgeschlossen werden konnte. Auch wenn die Teilnehmer nur dachten, sie zögen in der Gruppe, reduzierten sie ihre Leistung.

Soziales Faulenzen

Vier Personen ziehen kraftvoll am Tau.
Diese vier Tauzieher wollen eine zweite Chance. | Bild: WDR

Das Tauzieh-Experiment zeigt einen Effekt, den man als "Soziales Faulenzen" bezeichnet und der seitdem in mehr als 80 anderen Studien bestätigt wurde. Es handelt sich um ein sozialpsychologisches Phänomen, das in Gruppen auftreten kann und bezeichnet die Abnahme individueller Anstrengungen bei der Arbeit in Gruppen. Die Ursachen für die geringere Teameffizienz und den Motivationsabfall sahen Ingham und Kollegen vor allem in der Bedeutungslosigkeit der Einzelleistung, da die Tauzieher keine Rückmeldungüber ihre Ergebnisse bekamen und sie keinen Effekt bei besonderer Anstrengung spürten. Bewusst oder unbewusst hatten die Teilnehmer ihre Kraft in der Gruppe reduziert, weil sie sich für die Gesamtleistung weniger verantwortlich fühlten.

Im [W] wie Wissen-Experiment gab es eine Gruppe, die wollte nach der Aufklärung des Versuchsaufbaus nochmal ans Tau. Sie wollte die rechnerische Summe ihrer Einzelleistung - das waren 3250 Newton - auch in der Gruppe erreichen. Und tatsächlich schafften sie hochmotiviert und im Wissen, dass sie sich nicht auf die Leistung der anderen verlassen durften: 3239 Newton. Eine tolle Teamleistung.

Autorin: Pia Huneke (WDR)

Stand: 13.11.2014 13:03 Uhr