SENDETERMIN Sa., 27.06.20 | 16:00 Uhr | Das Erste

[W] wie Wissen-Spezial: Pandemien – Angriff der Viren

PlayAn der Spanischen Grippe starben 1918/19 mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg.
[W] wie Wissen-Spezial: Pandemien – Angriff der Viren | Video verfügbar bis 27.06.2025 | Bild: picture alliance/akg-images

"Mutter der modernen Pandemien" wird die Spanische Grippe genannt. Sie forderte 1918/19 mehr Tote als der Erste Weltkrieg. Damals wussten die Menschen nur sehr wenig über die Grippe. Jahrzehnte waren Forscher dem Erreger dieser Krankheit auf der Spur. Der schwedische Pathologe Johan Hultin machte sich dazu auf den Weg nach Alaska, in der Hoffnung in den sterblichen Überresten von Grippetoten das Virus dingfest machen zu können. Nach vielen Rückschlägen fand er den Virus dann schließlich – konserviert in der vereisten Lunge einer Inuit-Frau. Im Jahr 2005 gelang es dann einer Forschergruppe endgültig, den genetischen Code der Spanischen Grippe zu entschlüsseln.

Viele Pandemien – unterschiedliche Maßnahmen

In der Geschichte hat es immer wieder Pandemien gegeben. Der Umgang mit ihnen war sehr unterschiedlich. Bei der spanische Grippe 1918/19 etwa: In einigen Ländern gab es Schulschließungen, die U-Bahnen fuhren nicht mehr, Kirchen waren geschlossen – ein Shutdown, soweit dies damals möglich war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg raffte eine Grippewelle tausende Menschen in Ost- und Westdeutschland dahin – die Asiatische-Grippe. Doch 1957 ist Wirtschaftswunderzeit – und nach den Schrecken des Krieges zählten Grippetote nicht so viel. Das schien auch 1968 noch so zu sein, als fast 100.000 Menschen an der Hongkong-Grippe starben. Zwar schlossen auch damals viele Schulen, aber nicht vorsorglich, sondern weil einfach zu viele Lehrer erkrankt waren.

Im Jahr 2002 löste dann SARS den ersten Alarm der WHO seit der Jahrtausendwende wegen der Gefahr einer weltweiten Seuche aus. Der bis dahin unbekannte Erreger tauchte zuerst in Südchina auf. Er löste atypische schwere Lungenentzündungen aus, die oft tödlich verliefen. Im Juni 2003 hatte die bis dahin unbekannte Infektionskrankheit 30 Länder auf 6 Kontinenten erreicht. Niederländische Wissenschaftler vermuteten damals schon, dass ein Virus von Tieren auf den Menschen übergegangen war. Die Entschlüsselung zeigte: Es war ein Virus aus der Corona-Familie. Den Namen SARS kennt heute fast jedes Kind – in Verbindung mit CoV-2.

Schweinegrippe konnte eingedämmt werden

Im Jahr 2009 ging dann von Mexiko aus eine neue Grippewelle um die Welt. Man nannte sie "Schweinegrippe" – denn der Erreger H1N1 wies Teile des Erbgutes von menschlichen Grippeviren, aber auch von Viren aus Schweinen und Vögeln auf. Auch damals gingen in Deutschland täglich die Fallzahlen hoch, zumeist verlief die Grippe mild, aber es gab auch hier weltweit Todesfälle. Relativ schnell stand ein Impfstoff zur Verfügung, der hierzulande Diskussionen auslöste wegen möglicher Nebenwirkungen der verwendeten Impfverstärker. Diese Debatten erscheinen aus heutiger Sicht eher wie ein Luxusproblem – die Schweinegrippe konnte eingedämmt werden, das Leben ging weiter wie gewohnt.

Schweine
Die sogenannte "Schweinegrippe" ging 2009 um, konnte aber recht schnell in den Griff bekommen werden. | Bild: picture alliance/dpa / Carsten Rehder

Die Gefahr, dass Erreger mutieren und vom Tier auf den Menschen überspringen, ist größer geworden. Weltweit werden immer mehr Wälder gerodet, um Rohstoffe oder neue Flächen für die Nutztierhaltung oder Siedlungen zu gewinnen. So kommen Nutztiere und Menschen mit Viren von Wildtieren in Kontakt. Durch den Austausch von Viren können neue Erreger entstehen, auf die unser Immunsystem nicht vorbereitet ist.

Sars-CoV-2 verändert die Welt

Innerhalb weniger Tage kann heute ein Erreger in fast jeden Winkel der Erde gelangen. Gerade China, wo der Ursprung des neuen Corona-Virus vermutet wird, hat eines der modernsten Transportsysteme der Welt: mit Schnellzügen, Autobahnen und Flügen zwischen immer mehr Mega-Städten. Von dort kann sich ein Virus rasend schnell verbreiten. Besonders gefährlich bei Sars-CoV-2: das Virus hat eine Inkubationszeit von ein bis zwei Wochen, das heißt wenn erste Infizierte entdeckt werden, kann das Virus schon in vielen Regionen der Welt angekommen sein.

Anders als jemals zuvor legte Sars-CoV-2 weite Teile der Welt nahezu lahm. In vielen Ländern gibt es Kontaktverbote, Ausgangsperren, Grenzkontrollen, Flugzeuge bleiben am Boden und die Wirtschaft wird zurückgefahren.  Die Maßnahmen scheinen Erfolg zu haben. In Europa hat sich die Lage entspannt. Aber noch ist die Pandemie nicht besiegt. Niemand weiß, ob Sars-CoV-2 in einer zweiten Welle erneut zuschlägt.

Aber eins steht schon heute fest: Neue Viren werden uns immer wieder herausfordern. Aus der Krise, die das Virus Corona-Sars-CoV 2 ausgelöst hat, können wir für die Zukunft lernen: Investitionen in Schutzausrüstung, technische Geräte, Intensivbetten, ausreichende Testmöglichkeiten zahlen sich aus. Im Frühjahr 2020 zeigte sich, wie wichtig gerade zu Beginn einer Pandemie Massentests sind. Dadurch konnten zum Beispiel in Südkorea Infizierte sehr schnell isoliert werden. Durch striktes Überwachen der Erkrankten und die Einführung spezieller Kontrollzonen konnte die Ausbreitung des Erregers effektiv verlangsamt werden, ohne das öffentliche Leben stark zu beeinträchtigen. Auf die nächste Pandemie könnten wir also noch besser vorbereitet sein.

Ein Film von Simone Jung und Dorothee Kaden

Sendetermin

Sa., 27.06.20 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste