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"Volkszählung" - Zählen von Vögeln

PlayGefangener Vogel
"Volkszählung" - Zählen von Vögeln | Video verfügbar bis 15.04.2021 | Bild: ARD

Ende der 1960er-Jahre mehrten sich Berichte über starke Bestandsrückgänge bei vielen europäischen Kleinvogelarten. Im Zuge dessen bauten Forscher und Vogelschützer wissenschaftliche Stationen in Deutschland auf, um diesem erschreckenden Phänomen auf den Grund zu gehen. Seitdem stehen die Vögel in Deutschland flächendeckend unter Beobachtung. Das Netz der Vogelstationen zieht sich von der Insel Helgoland bis in die Bodenseeregion. Eine dieser Stationen heißt "Die Reit" und liegt am Rande der Stadt Hamburg, gleich hinter dem Elbdeich.

Vogelfang im Auftrag der Wissenschaft

Heckenbraunelle in einem Fangnetz
Mit den feinen Netzen lassen sich die Vögel schonend fangen. | Bild: NDR

Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang müssen Anne Ostwald, Biologin und freiwillige Vogelberingerin, und ihre beiden Mitstreiterinnen jede Stunde raus in die "Fanggärten". Denn dort sollen die Vögel auf keinen Fall länger als nötig auf die ehrenamtlichen Vogelzähler warten. Bei schlechtem Wetter oder großer Hitze radeln die drei Frauen sogar noch häufiger zur Kontrolle. In den Fanggärten pulen sie ganz vorsichtig Vögel aus den langen Bahnen feiner Netze, die sich kreuz und quer durch das Naturschutzgebiet "Die Reit" ziehen.

"Für die Vögel ist das völlig ungefährlich", erklärt Jutta Tschierske, während sie vorsichtig eine Heckenbraunelle aus den Maschen befreit und in einen Stoffbeutel verfrachtet. "Und die Erfahrung der Untersuchung und Beringung, die wir gleich durchführen, kann auch nicht besonders traumatisch sein, denn viele Vögel fangen wir gleich mehrmals im Jahr, und die würden das Gebiet hier ja sonst meiden", zwinkert die Vogelschützerin.

Nach ihrer Runde durch die Fangnetze schwingt sich Jutta Tschierske mit ihrer Beute aufs Rad und düst zurück zur Forschungsstation. In den Beuteln an ihrem Lenker befinden sich die besagte Heckenbraunelle, eine Kohlmeise, eine Klappergrasmücke und ein Eisvogel.

Untersuchen, bestimmen, beringen

Biologin untersucht einen Vogel
Am ins Gefieder gepusteten Scheitel lassen sich die Fettpolster gut erkennen. | Bild: NDR

Die kleine Vogelschar wird von Anne Ostwald untersucht. Wie viel Fett sie eingelagert haben, erkennt die junge Frau beim Pusten in das Gefieder. "Da kann man das Fett gut als gelbe Hügel erkennen." Das Alter kann sie nur schätzen. "Wenn ein Vogel noch völlig intakte Flügel hat, kann man davon ausgehen, dass er in seinem ersten Jahr ist. Ältere Exemplare weisen schon Verschleiß an den Federn auf. Vor allem die Zugvögel." Dann misst sie noch die Flügelspanne und bestimmt die Art. Am Schluss der Untersuchung bekommt jeder Vogel einen Ring ans Bein, dann noch schnell auf die Waage und schon dürfen sie wieder hinaus in die Freiheit.

Ein Ring für die Forschung

Beringung eines Vogels
Beringungsstationen liefern wichtige Daten. | Bild: NDR

Seit 1973 werden im Naturschutzgebiet "Die Reit" Vögel untersucht und beringt. Jedes Jahr von Ende Februar bis in den November hinein. Die so erhobenen Daten helfen bei der Einschätzung der Lage der Zug- und Singvögel in Deutschland. Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage, bestätigt Christian Gerbich vom Nabu, der die Station mit betreut. "Auf die Entwicklungen der Vogelpopulationen wirken enorm viele Faktoren. Sich ständig verändernde landwirtschaftliche Methoden, Struktur- und Klimawandel sind die wichtigsten. Da helfen nur langfristig erhobene Daten, wie die aus der Reit und den restlichen Beringungstationen in Deutschland."

Gewinner und Verlierer der modernen Vogel-Welt

Klappergrasmücke
Die Klappergrasmücke fühlt sich auch im Garten wohl. | Bild: NDR

Anne Ostwald untersucht inzwischen die Klappergrasmücke. Sie steht ganz gut im Futter, doch für die lange Reise nach Afrika muss der winzige Vogel doch noch etwas zulegen. "Die fliegen ja Tausende von Kilometern. Durch Wind und Wetter und sogar über Wüsten. Da brauchen sie schon ein paar ordentliche Fettpolster um das zu überstehen. Aber sie hat ja auch noch ein paar Monate Zeit, bevor es losgeht."

Grasmücken, Meisen, Amseln, Finken und Rotkehlchen gehören zu der Gruppe von Vögeln, die ihre Lebensweise dem Wandel der Welt ganz gut angepasst haben. Sie können auch in der Stadt überleben, vorausgesetzt sie finden ausreichend Gärten und Parks. Ganz anders sieht das bei den Wiesenvögeln aus. "Kibitze, Rotschenkel, Brachvögel und Uferschnepfen sind zum Beispiel viel mehr bedroht. Sie brauchen naturbelassene, große Flächen und Feuchtgebiete, die wir auf dem Land immer seltener finden. Flächenversiegelung und 'modernes Wassermanagement'lassen die Lebensräume dieser Vögel immer weiter schwinden: Sie sind ganz klar die Verlierer des Strukturwandels in den ländlichen Gebieten und sie haben keine Ausweichmöglichkeiten", erklärt Ostwald.

Die Bestände vieler stadtnah lebender Vogelarten sind hingegen stabil. Aber auch hier gibt es Problemfälle: Der Sperling zum Beispiel, vielen eher als Spatz bekannt. In den meisten Bundesländern ging der Bestand in den letzten 25 Jahren um 20 bis 50 Prozent zurück. In Hamburg hat sich der Spatzenbestand sogar um 85 Prozent reduziert. Das liegt nicht daran, dass die Spatzen keine Nahrung finden, sondern daran, dass es ihnen an Nistraum mangelt. Ein Problem, unter dem auch Schwalben und Mauersegler leiden. Sie alle brüten gerne in und an Häusern. Allerdings brauchen sie dazu Nischen, Dachüberhänge oder Öffnungen in den Mauern. All das ist in den Häuserschluchten moderner Städte Mangelware. Und selbst wenn sie Nisträume finden, sind sie nicht überall willkommen.

Gefahr für Vielflieger

Rohrsänger
Rohrsänger überwintern in Afrika. | Bild: NDR

Doch auch vielen Singvogelarten, denen es in Deutschland noch gut geht, droht Gefahr. Es sind die Zugvögel unter ihnen. "Die lange Reise an sich ist natürlich schon eine Gefahr für jedes einzelne Individuum", erklärt Anne Ostwald, während sie einen Rohrsänger beringt. "Auf dem weiten Weg nach Afrika können die Tiere verhungern, auskühlen oder sich verletzen. Aber die schlimmste Gefahr sind die Vogelfänger."

Was bei uns streng verboten ist, hat in vielen Ländern im Mittelmeerraum noch Tradition: das Fangen und Essen von Singvögeln. Selbst in Italien werden die kleinen Vielflieger noch gejagt und verspeist, wenn auch illegal. In Ländern wie Ägypten werden sie hingegen ganz öffentlich und zu Tausenden in kilometerlangen Fangnetzen eingefangen und dann als Delikatesse verkauft. Das haben die Ägypter zwar schon zu Zeiten der Pharaonen getan, aber eben nie in so großem Maße und mit so ausgeklügelten Massen-Fanganlagen.

Schwindende Lebensräume, Zugrisiken und Vogeljagd tragen dazu bei, dass es immer wichtiger wird ein gutes Auge auf die Vogelbestände zu haben und möglichst viel für den Vogelschutz zu tun. Sonst kann es passieren, dass die ein oder andere Art in Deutschland ausstirbt.

Autorin: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 11.07.2019 15:24 Uhr