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Warum Spitzmäuse im Winter schrumpfen

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Warum Spitzmäuse im Winter schrumpfen | Video verfügbar bis 24.03.2023 | Bild: NDR

Spitzmäuse haben eine höchst erstaunliche Technik entwickelt, um im Winter mit wenig Futter auszukommen: Sie schlafen nicht, sie schrumpfen. Dafür wird Knochensubstanz in Schädel und Skelett der Tiere teilweise aufgelöst. Dieser Knochenschwund ähnelt einer Osteoporose beim Menschen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Wenn der Frühling kommt, kann die Spitzmaus den Knochenabbau nicht nur stoppen, sondern rückgängig machen und wieder wachsen. Wissenschaftler erhoffen sich von dieser Entdeckung wichtige Hinweise für die Osteoporose-Forschung. Denn beim Menschen ist der Verlust der Knochendichte bisher nicht heilbar.

Der Spitzmausfänger von Radolfzell

Ihr Name ist Etikettenschwindel: Spitzmäuse sind gar keine Mäuse. Nicht einmal Nagetiere. Sie gehören zur Familie der Insektenfresser und sind näher verwandt mit dem Maulwurf. Sie sind fast überall in Deutschland heimisch, aber so klein und flink, dass man sie selten zu Gesicht bekommt. Für Javier Lazaro vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell sind Spitzmäuse das ideale Studienobjekt: "Sie sind niedlich, sie sind ein bisschen exotisch und für die Forschung hochinteressant", erklärt der Biologe. In der Wildnis gleich neben dem Institut in Radolfzell leben viele Spitzmäuse. Um zu untersuchen, wie sich der Knochenbau der Tiere verändert, muss Javier Lazaro dieselben Individuen immer wieder fangen und untersuchen. Hunderte Röntgenaufnahmen zeigen, wie groß die Unterschiede zwischen Winter- und Sommertieren sind.

Schrumpfen im Winter, wachsen im Sommer

Wissenscaftler schauen auf einen Computerbildschirm
Knochenforscher wollen von der Spitzmaus lernen | Bild: NDR

Im Winter schrumpft der Schädel einer Spitzmaus um bis zu 20 Prozent. Auch innere Organe und das Gehirn verlieren an Größe. Die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut vermuten darin eine Energiesparmaßnahme. Spitzmäuse haben einen so schnellen Stoffwechsel, dass sie schon nach wenigen Stunden ohne Nahrung verhungern. Im Winter sind Spinnen und Larven knapp. Vermutlich reagiert die Spitzmaus auf dieses geringe Nahrungsangebot – ein kleinerer Körper hat einen geringeren Energiebedarf.

Der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist am deutlichsten in den Bandscheiben und im hinteren Teil des Schädels zu erkennen. Hier wird Knochensubstanz abgebaut und im Sommer wieder eingelagert. Das Erstaunlichste für alle Wissenschaftler: Der Prozess ist umkehrbar. Wenn der Frühling kommt und die Bedingungen für die Spitzmäuse wieder besser werden, wachsen die kleinen Tiere wieder.

Ein Therapieansatz für Osteoporose?

Spitzmaus
Spitzmäuse durchleben im Winter eine Art Osteoporose | Bild: NDR

Um den Auf- und Abbau der Knochen genauer zu untersuchen, haben sich die Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut mit den Knochenspezialisten der Universitätsmedizin Göttingen zusammengetan. Die Forscher versuchen nun herauszufinden, wie die Prozesse im Knochen gesteuert werden und erhoffen sich davon auch Hinweise für die Osteoporose-Forschung beim Menschen. "Im Grunde genommen durchlaufen Spitzmäuse in den Wintermonaten eine Art reversiblen osteoporotischen Prozess", erklärt Dr. Hans Rolf. Verursacher des Knochenauf- und abbaus bei der Spitzmaus sind Zellen im Knochen: die Osteocyten. Wenn der Winter kommt, können diese Knochenzellen Minerale aus dem Knochen herauslösen. Im Sommer bauen die gleichen Zellen sie an den gleichen Stellen wieder ein. "Wenn man herauskriegt, wie das alles gesteuert wird, und man mit der Hilfe von Substanzen möglicherweise in diese Prozesse eingreifen kann, das wäre doch fantastisch", sagt Hans Rolf zum Ziel der "Schrumpfmausforschung".

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 02.08.2019 00:05 Uhr