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Tauschen oder leihen – alte Handelsformen im Trend?

PlayEin Mann probiert auf einer Kleidertauschparty ein Sweatshirt an
Tauschen oder leihen – alte Handelsformen im Trend? | Video verfügbar bis 10.02.2023 | Bild: HR

Ein Geburtstagsgeschenk, neue Klamotten oder technische Geräte wie eine Bohrmaschine: Wer sowas braucht, kauft es normalerweise und muss dafür Geld ausgeben. Das muss aber nicht sein: Tauschen oder leihen ist eine Alternative – uralte Handelsformen, die zunehmend in Mode kommen. Denn eigentlich hat ja fast jeder von uns viele Dinge, die nur herumstehen und die sich ideal gegen anderes tauschen ließen.

»Konsumforscher Michael Kuhndt: Wenn alle auf der Welt so konsumieren würden wie wir in Deutschland, bräuchten wir vier Planeten.«

Tausch per App – schnell und unkompliziert

Eine Frau schaut sich eine Kamera an
Was gibt es wohl im Tausch gegen diese Kamera? | Bild: HR

Luisa zum Beispiel hat einen ganzen Karton voll Sachen, die sie nicht mehr braucht. Darunter eine kleine Videokamera. Dafür braucht sie aber ein Geburtstagsgeschenk für ihren Freund. Gut, dass es Tausch-Apps gibt. Ohne Geld auszugeben, kommt sie hier schnell ans Ziel. Luisa nutzt die "Swapper-App". Sie lädt Fotos und technische Daten der Videokamera, die sie nicht mehr haben will, in die App hoch. Sie schätzt den Wert der Kamera und gibt dann an, welche Produktgruppen sie zum Tauschen attraktiv findet, Fotozubehör zum Beispiel. Die App sucht dann für sie passende Angebote. Abgewickelt wird der Tauschhandel dann per Post, oder persönlich, je nachdem wie man es möchte.

Weg vom Konsumrausch – das ist für Tauschfans die Motivation. Das Konsumkarussell dreht sich immer schneller. Smartphones oder Fernseher etwa gelten nach einem Jahr schon fast als technisch veraltet, alle drei bis vier Monate bringen Hersteller ein neues Notebook auf den Markt. In der Modebranche geht es besonders rasant: Neben den Hauptkollektionen gibt es zahlreiche Zwischen- und Sonderkollektionen. Im Durchschnitt kauft jeder Deutsche 5 Kleidungsstücke im Monat, 60 im Jahr. Das Tempo nimmt stetig zu. Überall locken Angebote, tatsächliche oder vermeintlich niedrige Preise verführen zum Kaufen.

Geht es auch mit weniger Konsum?

Der Konsumforscher und Nachhaltigkeitsexperte Michael Kuhndt beobachtet unser Kaufverhalten und sieht darin archaische Strukturen. Denn bei Schnäppchen-Angeboten wird unser Jagdinstinkt geweckt. Wir fühlen uns danach erfolgreich und glücklich – auch wenn das Glücksgefühl nur kurz anhält. Kuhndt entwickelt mit seinen Mitarbeitern vom Collaborating Center on Sustainable Consumption and Production (CSCPE)  Modelle für nachhaltigen Konsum. Er möchte das Modell "Tauschen und teilen" auch für Unternehmen attraktiv machen. So könnten beispielsweise nicht nur Autos, sondern auch Werkzeuge, Kleidung oder zu viel eingekaufte Lebensmittel gegen ein geringes Entgelt getauscht oder geteilt werden. Supermärkte könnten sich durch dieses Zusatzangebot beispielsweise einen Vorteil gegenüber Onlineanbietern verschaffen. Einige Baumärkte bieten den Verleih von Werkzeugen schon an, eine große Handelskette verleiht inzwischen auch Kinderkleidung.
Im privaten Bereich empfiehlt Michael Kuhndt "Teilen und tauschen" einfach einmal auszuprobieren. Denn auch das kann uns ein Erfolgserlebnis und damit Glück bescheren.

Leihen im Leihladen – für Bohrmaschinen, Heckenscheren oder Raclette-Set

Eine Bohrmaschine in einem Regal
Bohrmaschine zum Leihen – und es kostet nichts. | Bild: HR

Und es ist praktisch, findet Matthias – ein weiterer Tausch- und Teilen-Überzeugter. Er will ein paar Kleiderhaken anbringen, um seine Baseballkappen ordentlich aufhängen zu können. Die trägt er das ganze Jahr. Das Problem: Er hat keine Bohrmaschine und er will auch keine kaufen. Stattdessen geht er in einen Leihladen, in seiner Heimatstadt Dörnigheim in Hessen. 120 Gegenstände zum Teilen gibt es hier – von Sektgläsern für große Feste über Heckenschere, Rasenmäher, Raclette-Set und Bohrmaschine. Wer mitmachen will, bringt eine Sachspende vorbei und kann dann das Angebot kostenfrei nutzen. Wer keine Sachspende hat, entrichtet eine kleine Gebühr. Der Laden wird ehrenamtlich betrieben, die Stadt stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Solche Leihläden gibt es auch in anderen Städten, etwa in Berlin, Köln, Leipzig und Heidelberg. Für Matthias ist der Leihladen ideal, schließlich möchte er keine Bohrmaschine haben, sondern nur zwei Löcher in der Wand.

Kleider tauschen auf Kleidertauschpartys

Ein Mann probiert auf einer Kleidertauschparty ein Sweatshirt an
Kleidertauschpartys gibt es in vielen Städten. | Bild: HR

Der Schrank quillt über und trotzdem wollen wir etwas anderes, "neues" zum Anziehen. Wer seinen Geldbeutel nicht belasten will, ist vielleicht auf einer Kleidertauschparty richtig. Die gibt es fast überall. Das Prinzip ist einfach: Jeder bringt Kleidungsstücke mit, die nicht mehr gefallen und sucht sich dafür andere aus. Die Veranstaltungen sind obendrein noch kommunikativ. Die Termine werden im Internet veröffentlicht.

Alte Handelsform, moderne Kommunikationstechnik

Michael Kuhndt mit seinem Team in einem Büro
Wie kann man Nachhaltigkeit attraktiv machen? | Bild: HR

Ausgerechnet das moderne Internet macht ein Comeback dieser uralten Handelsformen erst in größerem Umfang möglich. Teilen und tauschen geht hier ohne großen zeitlichen Aufwand, auf Online-Tauschbörsen, in Nachbarschaftsnetzwerken oder mit Apps. Befürchtungen, dass das Tauschen und Teilen mit unbekannten Menschen Nachteile bringen könnte, hält Michael Kuhndt für unbegründet. Denn auch bei anderen Geschäften im Internet lässt man eine gewisse Vorsicht walten. Er empfiehlt sich die Webseiten und die Bewertungen der Anbieter anzuschauen.

Ob Kleidung oder andere Gegenstände: Tauschen und teilen machen bisher nur wenige, doch die Gemeinde wächst und es gibt dafür auch gute Gründe. Wenn alle auf der Welt so konsumieren würden wie wir in Deutschland, sagt Michael Kuhndt,  bräuchten wir vier Planeten. Die haben wir nicht, also müssen wir schauen, wie wir mit dem einen Planeten auskommen. Tauschen und teilen kann dafür ein Weg sein: Auf nichts verzichten und trotzdem Ressourcen und Geld sparen. Eigentlich eine prima Sache!

Autor: (HR)

Stand: 01.08.2019 03:50 Uhr

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Mo., 12.02.18 | 04:15 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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