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Königsdisziplin Thunfischzucht

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Königsdisziplin Thunfischzucht | Video verfügbar bis 07.10.2021 | Bild: SWR

Die Japaner nennen ihn König der Fische: den Blauflossenthun. Sie vertilgen jährlich rund 40.000 Tonnen davon – vier Fünftel der weltweiten Fangmenge. Doch für den König ist seine große Beliebtheit beim Gourmetvolk längst lebensgefährlich geworden. Nach der Studie eines internationalen Expertengremiums ist sein Bestand im Vergleich zu den 1960er-Jahren, also in nur rund fünfzig Jahren, um 97 Prozent eingebrochen. Obwohl die Japaner diese Zahlen anzweifeln, sind sie zu gewissen Schutzmaßnahmen bereit: Die Fangquoten für junge Thuns im nördlichen Pazifik wurden halbiert. Dennoch werden die verbliebenen "Restbestände" nach wie vor stark überfischt denn die Jagd auf den Blauflossenthun ganz einstellen, das können die Japaner sich absolut nicht vorstellen. Wenn nichts geschieht stirbt der König der Meere als Art in absehbarer Zukunft aus.

Thunfisch in Aquakultur

Gezüchtete Thunfische
Gezüchtete Thunfische im Meerwasser-Käfig. | Bild: NDR

Bereits seit den 1970er-Jahren wird erforscht, ob und wie der begehrte Raubfisch sich in Aquakultur züchten lässt. Fazit: Der Thun ist ausgesprochen schwer in Gefangenschaft zu halten, ihn dort gar zu züchten schien lange Zeit unmöglich. Er ist hochempfindlich gegenüber Licht, Temperatur und Geräuschen und stellt hohe Anforderungen an Haltung und Fütterung. Anfangs wurden daher Jungfische in freier Wildbahn gefangen und in Netzkäfigen weiter gemästet.

Während die meisten Züchtungsversuche scheiterten und schließlich aufgeben wurden, bewiesen die Forscher der Kindai-Universität langen Atem. 2002 gelang es ihnen dann zum ersten Mal, Thunfisch aus befruchteten Eiern nachzuzüchten. Niemand sonst hatte und hat bislang einen kompletten Zuchtzyklus geschafft: Vom Ei bis zur Schlachtung ist es ein schwieriger und teurer Weg. Denn, so Prof. Yoshifumi Sawada von der Kinadai-Universität: "Das größte Problem ist anfangs die Überlebensrate. Vom befruchteten Ei bis zum Jungfisch liegt sie zurzeit bei nur fünf Prozent. Diese Rate wollen wir steigern."

Hochempfindliche Kannibalen

Thunfischlarven
Thunfischlarven sind sehr empfindlich und äußerst schwer zu züchten. | Bild: NDR

Dabei ist dieser Wert im Vergleich zur freien Natur fantastisch – hier liegt die Rate sogar nur bei circa einem Prozent, Es klingt paradox, aber je naturnäher die Zuchtmethoden, desto niedriger die Überlebensrate. Damit die Larven überhaupt schlüpfen, müssen nicht nur Wassertemperatur und -strömung in den Zucht-Tanks exakt eingestellt sein. Selbst die normale  Oberflächenspannung des Wassers kann für den Nachwuchs tödlich sein. Sie hält die winzigen Larven fest, wenn sie nach dem Schlupf einmal tief durchatmen müssen und lässt sie ersticken.

Überleben die Thunfischlarven diese Frühphase, dann erweisen sie sich als äußerst aggressiv: Sie machen Jagd aufeinander und fressen sich gegenseitig. Die Forscher versuchen das zu verhindern und füttern andere Larven oder Kleinfische. Aber ganz stoppen lässt sich der Kannibalismus nicht. Und wenn die überlebende  Nachzucht reif zum Besatz der Mastkäfige in geschützten Meeresbuchten ist, stellt sich heraus: Auch der heranwachsende Thunfisch hat so seine anstrengenden Eigenheiten.

Pubertierende Fressmaschinen

Selbst in den Mastkäfigen geht das große Sterben weiter: Unzählige Futtermakrelen und Tintenfische werden mit Kanonen regelrecht in die Zuchtbecken gefeuert. Die Fischwirte versuchen dabei möglichst in die Beckenmitte zu zielen. Der Beuteregen erregt die pfeilschnellen Thunfische so sehr, dass viele von ihnen im Jagdfieber gegen die Netzwände der Käfige krachen und verenden. Um die Thunfischmast nachhaltiger zu gestalten, aber vor allem um Futterkosten und die Tierverluste zu minimieren, forscht man an der Kindai-Universität auch an Ersatzfuttern: Erste Erfahrungen mit Komponenten wie etwa Soja oder Fischmehl zeigen: Auch das ist noch ein langer Weg.

Doch Nachfrage und Preise für Blauflossenthun sind so hoch, dass auch Forschungsansätze verfolgt werden, die auf den ersten Blick völlig absurd wirken.

Makrelen mit Thunfisch an Bord

Petrischale und Pinzette
Marine Biotechnologie: Einer Makrelenlarve werden Thunfisch-Keimzellen implantiert. | Bild: NDR

Forscher der Tokyo University of Marine Science and Technology schlagen gerade der Evolution ein Schnippchen. Gewöhnlich produzieren nur geschlechtsreife Thunfische Nachwuchs, das heißt für die Zucht: große Becken, hoher Futterbedarf, lange Wartezeiten. Die mögliche Lösung: Makrelen, eng verwandt mit Thunfischen, sollen als Leiheltern die Produktion von Nachwuchs übernehmen. Sie sind einfacher zu halten und schneller geschlechtsreif. Und so soll es funktionieren: Sterilisierten Larven der Japan-Makrele werden Keimzellen vom Thunfisch injiziert, männliche und weibliche. Die daraus wachsenden Makrelen produzieren dann später im zeugungsfähigen Alter Thunfisch-Eier oder -samen.

Meeresbiologe Ryosuke Yazawa legt Wert auf die Feststellung, dass hierbei keine Gentechnologie angewendet wird. Die Fische, die bei diesem Verfahren zur Welt kommen, sind ganz gewöhnliche Thunfische. "Vermutlich ist es schon in diesem Herbst soweit. Wir wollen dann von den Männchen Spermien entnehmen und damit die Eier der Weibchen künstlich befruchten. Wenn und das gelingt, dann hätten wir bewiesen, dass Makrelen Thunfische zeugen können."

Thun-Zucht – Nichts für kleine Fische

Zucht-Thunfisch Marke "Kindai-Universität"
5.000 Euro kostet dieser Zucht-Thunfisch Marke "Kindai-Universität". | Bild: NDR

Die Zucht des Königs der Fische ist aufwändig und teuer. Daran wird sich so bald auch nichts ändern. Die Kindai-Universität vermarktet ihre Produkte daher selbst. In der uni-eigenen Kühlkammer wird der "Kindai Tuna" zur Handelsmarke: Für knapp 5.000 Euro das Stück verpackt und verschickt nach Tokio oder Osaka. Wo ihn geschulte Hände in seine Einzelteile zerlegen. Die Uni betreibt sogar eigene Restaurants, deren Gewinne refinanzieren die teure Zuchtforschung. Und bei den Kunden kommt Sushi und Sashimi vom gefarmten Thun gut an. Die Kunden bewerten ihn genauso gut wie den Wildfang – für manche ist er sogar eine Spur besser. Das macht Appetit auf den Zukunftsmarkt Thunfischzucht: Professor Sawada schätzt, dass es in fünf bis zehn Jahren so weit sein könnte: Thun aus Massenproduktion. Konzerne wie Toyota und Mitsubishi sind schon in das Geschäft eingestiegen.

Autor: Uwe Schwering (NDR)

Stand: 09.10.2016 15:15 Uhr