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Wie Tiere täuschen, tricksen und schummeln

PlayJunger Pavian mit einem Stück Obst
Wie Tiere täuschen, tricksen und schummeln  | Video verfügbar bis 01.04.2022 | Bild: NDR

Tiere können nicht lügen – sagt man. Aber im Tierreich gibt es viele Arten, die ihr Überleben mit geschickten Täuschungsmanövern und gewieften Tricks sichern. Und manche zeigen ein Verhalten, das Wissenschaftler grübeln lässt: Sind Tiere wirklich so ehrlich?

Mimese – Perfekte Tarnung

Die Wandelnde Geige ist eine Gottesanbeterin, tut aber so, als sei sie nur eine wirre Ansammlung dürrer Äste mit Resten von welken Blättern. Selbst für einen Pflanzenfresser sieht das nicht appetitlich aus. "Durch diese Anhängsel, die aussehen wie ein paar vertrocknete Blätter, löst die Gottesanbeterin ihre Form auf. Damit wird es schwierig für Vögel oder andere Tiere, die sie fressen wollen, sie zu erkennen", erklärt Dr. Guido Westhoff, Leiter des Tropenaquariums im Tierpark Hagenbeck in Hamburg. Das hocheffektive Täuschungsmanöver heißt Mimese: Die Tiere verschmelzen optisch mit ihrer Umwelt und sind so perfekt versteckt – vor aller Augen. Der Vietnamesische Moosfrosch ist fransig, pelzig und grün. Der Laternenträger – eine Zikade aus dem Amazonasgebiet – knorrig und scheckig wie die Borke auf der er lebt und die Fransenschildkröte genauso unförmig wie die Felsen, zwischen denen sie darauf wartet, dass Beute vorbeischwimmt.

Mimikry – Scheinbar gefährlich

Raupe des Weinschwärmers
Böser Blick – die Raupe des Weinschwärmers | Bild: NDR

Wenn eigentlich harmlose Tiere so tun, als seien sie gefährlich, nennt man das Mimikry. Der britische Naturforscher Henry Walter Bates entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts, dass einige Schmetterlinge im Amazonasgebiet einander täuschend ähnlich sehen, obwohl sie zu unterschiedlichen Arten gehören und stellte fest, dass sich für Vögel wohlschmeckende Schmetterlinge als völlig ungenießbare ausgaben. Auch einige europäische Schmetterlinge, wie das Tagpfauenauge, nutzen Mimikry. Mit großen Schreckaugen auf den Flügeln gaukelt der Schmetterling Feinden vor, er sei ein größeres wehrhaftes Tier. So macht es auch die völlig harmlose Raupe des Weinschwärmers. Sie hat große Augenflecken auf ihrem Körper, den sie bei Gefahr zusammenzieht. So ahmt sie Kopf einer Schlange nach. Im Tierpark Hagenbeck hält Dr. Guido Westhoff unter anderem Königsnattern. Die sind grell gefärbt wie die hochgiftige Korallenotter und schrecken durch diese Warntracht potenzielle Feinde ab: "Da guckt erstmal jedes Tier, du hast es nicht nötig, dich zu tarnen? Da kann ja was nicht stimmen! Das ist aber eine ungiftige Natter, sie kann maximal ein bisschen beißen", erklärt Dr. Guido Westhoff den Bluff.

Betrügerisches Verhalten bei Tieren

Tiere täuschen nicht nur durch ihr Äußeres: Verhaltensbiologen haben beobachtet, dass männliche Rauchschwalben Fehlalarme pfeifen, wenn ihre Partnerin in der empfängnisbereiten Phase das Nest verlässt. Offenbar holen sie ihre Partnerin mit diesem Trick zurück, um keinen Seitensprung zu ermöglichen. Denn während des Nestbaus oder Brütens, wenn kein Seitensprung zu befürchten ist, gibt es sehr selten falschen Alarm.

Auch die wehrlos wirkende Raupe des Moorbläulings gibt vor zu sein, was sie nicht ist. Sie riecht wie eine Ameise und bringt diese dazu, sie als Larve zu akzeptieren und in den Ameisenbau zu tragen. Einmal drin, beginnt die Raupe jedoch, die echten Ameisenlarven zu fressen und kann dabei große Teile des Nachwuchses vernichten. Ein fieser Trick, aber natürlich genetisch programmiert und damit keine Lüge, wie wir sie von Menschen kennen.

Paviane mit meisterhaftem Täuschungsmanöver

Junger Pavian mit einem Stück Obst
Mit geschickten Tricksereien zum Leckerbissen | Bild: NDR

Eine wirklich gute Lüge erfordert es, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und gezielt in die Irre zu führen. Ob Tiere dazu in der Lage sind, ist unter Verhaltensbiologen umstritten. Bei Affen wurden jedoch so viele Tricks und Täuschungen beobachtet, dass es eher unwahrscheinlich scheint, dass hier nur Zufälle zusammen kommen. Auch im Tierpark Hagenbeck hat Reviertierpfleger Tobias Taraba beobachtet, dass seine Paviane meisterhafte Täuschungsmanöver durchführen. Auf dem Affenfelsen leben sechs erwachsene Männchen, die Paschas. Jeder von ihnen hat einen Harem aus Weibchen und Jungtieren. Die kleinen Paviane haben einen Trick: Sieht ein Jungtier, dass ein Affe aus einem anderen Harem einen Leckerbissen frisst, täuscht es einen Angriff vor und ruft mit einem Angstschrei seinen Pascha herbei. Der erteilt dem angeblichen Angreifer eine Lektion. "Das ist ein bisschen gemein", erklärt Tobias Taraba, "vor allem für diejenigen, die dann einen auf den Deckel kriegen!". Für die kleinen Lügenbolde lohnt es sich: Der Leckerbissen wird frei für sie.

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 14.07.2019 06:57 Uhr

Sendetermin

So., 02.04.17 | 04:53 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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