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Tierwohllabel: ein Ausweg aus der Massentierhaltung?

PlaySchweine im Stroh
Tierwohllabel: ein Ausweg aus der Massentierhaltung? | Video verfügbar bis 05.10.2022 | Bild: NDR

Die große Mehrheit der Deutschen möchte, dass es den Tieren in der Landwirtschaft gut geht. Bei einer Befragung des Bundesumweltministeriums 2015 gaben 93 Prozent der Teilnehmer an, dass ihnen das Wohl der Nutztiere wichtig (65 Prozent sogar sehr wichtig) sei. Doch bei der überwiegenden Mehrheit scheinen das bloße Lippenbekenntnisse zu sein. Denn Fleisch, das unter verbesserten Bedingungen für die Tiere erzeugt wurde, ist teurer als konventionell produziertes Fleisch. Bei Bio-Fleisch sind die Landwirte zum Beispiel an erhöhte Auflagen gebunden, die das Tierwohl verbessern sollen. Nach Angaben von Foodwatch betrug der Marktanteil von Biofleisch 2016 aber nur rund 1,4 Prozent. Ähnlich geringe Verkaufszahlen erreichen die anderen Tierwohllabel, die es auf dem deutschen Markt derzeit gibt.

Ein Gütesiegel des Deutschen Tierschutzbundes das 2012 gemeinsam mit einigen großen Fleischerzeugern und mehreren Forschungseinrichtungen konzipiert und eingeführt wurde, fristet ein Nischendasein. Daneben gibt es noch einen Fördertopf großer Handelsketten, die 4 Cent pro verkauftem Kilogramm Schweinefleisch in einen Fonds einzahlen. Mit diesem werden Landwirte unterstützt, die ihre Tiere nach den Tierwohl-Vorstellungen dieser Handelsketten halten. Der Verbraucher hat aber keine Gewähr, dass das Stück Fleisch, das er gerade kauft, von einem Tier stammt, das unter klar definierten Tierwohlkriterien gehalten wurde.

"Ausnahmegenehmigungen" statt Kupierverbot

Schweinestall mit Spaltenboden
Spaltenboden in der konventionellen Schweinehaltung. | Bild: NDR

Das Gros des in Deutschland verzehrten Fleisches stammt von Schweinen. Auch wenn die Menge seit Jahren leicht rückläufig ist: Die Deutschen essen rund eineinhalb mal so viel Schwein wie Rind und Geflügel zusammen. (35,8 kg Schwein, 11,8 kg Geflügel, 9,5 kg Rind). Gerade Schweinehalter verlieren viele Tiere durch Verletzungen, die zu Infektionen und Lahmheiten führen. Ein hartnäckiges Problem ist das sogenannte Schwanzbeißen. Schweine in Intensivhaltung neigen dazu, ihren Artgenossen in die Ringelschwänze zu beißen. Hauptursachen sind Stress oder Langeweile.

Die Lösung für dieses Problem war jahrzehntelang das sogenannte Kupieren, das Abschneiden beziehungsweise Kürzen der Ringelschwänze im Ferkelalter. Der kurze Stummel, der von den Schwänzen übrig bleibt, bietet weniger Angriffsfläche für Beißattacken. Allerdings ist das Kupieren der Schwänze durch eine Bestimmung der EU verboten. Doch deutsche Landwirte erhalten fast schon regelmäßig "Ausnahmegenehmigungen". Denn ein Kupierverbot würde das Leid der Schweine vergrößern, wenn nicht gleichzeitig die Haltung verbessert wird. Das Risiko des Schwanzbeißens lässt sich nur verringern, wenn die Tiere weniger Stress und mehr Betätigungsmöglichkeiten haben. Das bedeutet unter anderem mehr Platz pro Tier und "Freizeitangebote".

Schweinisches Spielzeug und Stroh

Es geht nicht darum, Bälle in die Schweinebuchten zu werfen – auch wenn das gelegentlich versucht wird. Die Tiere müssen die Möglichkeit haben, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Die Landesanstalt für Schweinezucht im baden-württembergischen Boxberg hat die Bedürfnisse der Tiere in einer artgerechten Haltung wissenschaftlich untersucht. Schweine kauen gern auf Holz, Hanfseilen oder Ähnlichem herum. Sie brauchen Materialien, die wie Beiß-Spielzeuge für kleine Kinder funktionieren. Zudem wollen sie wühlen, graben und Kuhlen bauen. Das lässt sich am besten mit Stroheinstreu erreichen. Das Problem: Stroh macht viel Arbeit. Die Landwirte müssen es ständig erneuern, weil die Tiere die Einstreu vollkoten. In der konventionellen Landwirtschaft stehen die Schweine meist auf Betonböden mit vielen kleinen Spalten. Durch die fließen die Exkremente in einen großen Gülletank. Der Bauer kann die Ställe gut mit dem Wasserschlauch reinigen. Bei großflächiger Stroheinstreu geht das nicht.

Die Boxberger erforschen gerade zusammen mit der Universität Hohenheim ein automatisches Reinigungssystem, das das Problem lösen soll. Häcksler sollen das Stroh-Kot-Gemisch zerkleinern, damit es durch die Spalten passt. Doch bislang ist noch kein praxisreifes System am Markt. Landwirte scheuen daher die Haltung mit Stroheinstreu. Zwar gibt es ein Gebot der EU, Schweinen Zugang zu Stroh zu ermöglichen, doch wirklich umgesetzt wird es nicht.

Einzelkampf fürs Tierwohl

Schweine im Stroh
Schweine brauchen Stroh, um darin zu wühlen. | Bild: NDR

Eine mögliche Verbesserung ist die Einrichtung unterschiedlicher Zonen im Stall. Gabriele Mörixmann, Schweinemästerin aus dem niedersächsischen Melle, hat die Sache selbst in die Hand genommen und ein eigenes Stallkonzept entwickelt. Aktivstall für Schweine nennt sie ihre Idee. Die Tiere werden gemeinsam in einer großen Herde gehalten. Sie haben viel Stroh, aber auch einen Bereich mit Spaltenboden aus Beton und einen Außenbereich im Freien. Sie können sich in diesen Bereichen frei bewegen. Das führt dazu, dass die Schweine nur gewisse Bereiche vollkoten, andere aber sauber halten. Im Stroh können die Tiere zudem viel gelenkschonender liegen als auf Betonboden. Aber diese Haltung macht viel Arbeit. Und die schlägt sich auf den Preis nieder. Gabriele Mörixmann muss circa 30 Prozent mehr pro Kilo Schweinefleisch erwirtschaften, um ihren Betrieb rentabel führen zu können.

Dänemark: staatliches Tierwohllabel eingeführt

Unsere nördlichen Nachbarn haben seit Mai 2017 ein staatliches Tierwohllabel eingeführt. Die Initiative stammt vom damaligen Lebensmittelminister Dan Jørgensen, der 2014 einen Tierwohlgipfel einberufen hatte. Dort wurde ein 7-Punkte-Plan beschlossen, der folgende Ziele hatte:

- Höhere Überlebensrate für Ferkel
Verbesserung der Ferkelüberlebensraten spätestens 2020 um 1 Ferkel pro Wurf

- Gruppen- beziehungsweise Freilaufhaltung aller Sauen
Freilaufhaltung in Abferkelställen spätestens 2020 für mindestens 10 Prozent der Sauen

- Ende der Ferkelkastration
Ferkelkastration ohne Betäubung soll spätestens 2018 der Vergangenheit angehören.

- Weniger schwanzkupierte Ferkel
Markante Reduzierung der Anzahl von schwanzkupierten Ferkeln

- Verstärkter Einsatz gegen Magengeschwüre bei Sauen und Mastschweinen
Fälle von Magengeschwüren sollen unter anderem durch verstärkte Gesundheitskontrolle reduziert werden.

- Fokus auf neue Stallsysteme zur Verbesserung des Tierwohls
Vorhaben zur Entwicklung von nachhaltigen/umweltverträglichen Haltungssystemen wird um den Fokusbereich
Tierschutz erweitert.

- Mehr Angebotsvielfalt bei Tierwohl-Produkten
Fleischbranche und Einzelhandel tragen durch vermehrte Aufklärung und erweitertes Angebot an Tierwohl-Produkten zur weiteren Änderung des Konsumverhaltens bei.

Dreistufiges Tierwohllabel – die Kraft der drei Herzen

Dänisches Tierwohllabel
Das dänische Tierwohllabel mit Herzen. | Bild: NDR

Die Dänen haben daraus ein dreistufiges Tierwohllabel entwickelt. Der erreichte Grad der Verbesserungen in der Haltung wird mit einem, zwei oder drei Herzen auf den Fleisch-Verpackungen gekennzeichnet – je nachdem wie viel Fläche, Beschäftigungsmöglichkeiten oder Stroh der Landwirt seinen Tieren bietet. Die Schweinemäster bekommen von den Schlachthöfen mehr Geld als früher. Für ein Schwein der 1-Herz-Kategorie erhalten sie 128 Prozent des Preises von konventionellem Fleisch. Für 2 Herzen sind es 149 Prozent und bei 3 Herzen 170 bis 220 Prozent.

Der dänische Staat übernimmt das Marketing für das neue Tierwohllabel. Das Konzept scheint aufzugehen. Seit Einführung des Labels 2017 ist der Absatz von konventionellem Fleisch um 7 Prozent zurückgegangen. Immer mehr Dänen kaufen stattdessen das Fleisch mit den Herz-Etiketten. Wird das Tierwohllabel zur Erfolgsgeschichte, dann wollen die Dänen es auch für Geflügel- und Rindermast einführen.

Deutsche Schweine, Rinder oder Hähnchen müssen wohl noch länger auf bessere Haltungsbedingungen warten. Die existierenden Tierwohllabel haben sich nicht durchgesetzt. Die Verbraucher kaufen zu 98 Prozent konventionell erzeugtes Fleisch. Zwar hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt vor längerer Zeit ein staatliches Tierwohlsiegel für deutsche Fleischprodukte angekündigt. Aber auch das blieb ein Lippenbekenntnis. Geschehen ist bisher nichts.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 05.10.2017 21:44 Uhr