SENDETERMIN Sa., 11.08.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Twitcher: Verrückt nach Vögeln

Vogelbeobachten
Stundenlang abzuwarten, ist für Mya-Rose kein Problem. | Bild: hr

Mya-Rose Craig hat ein ungewöhnliches Hobby: Die 16-Jährige Britin beobachtet Vögel und liefert sich mit anderen erbitterte Wettkämpfe, wer die meisten seltenen Vogelarten sichtet. Twitching nennt sich das in England. Was hat es damit auf sich?

Vogelbeobachten als Hobby

Wochenendausflug mal anders: Mya-Rose und ihre Eltern sind auf Vogelsuche.
Wochenendausflug mal anders: Mya-Rose und ihre Eltern sind auf Vogelsuche. | Bild: hr

Während andere Teenager ihre Freizeit eher in Shopping-Centern verbringen, zieht Mya-Rose durch Vogelschutzgebiete in der Nähe von Bristol. Immer mit dabei hat sie ihr Teleskop samt Aufsatz für ihr Smartphone. Neben den heimischen Vogelarten wie Bartmeise oder Lachmöwe ist sie vor allem auf der Suche nach seltenen Vögeln. Gefragt sind besonders Exoten von anderen Kontinenten, die durch einen Sturm abgetrieben wurden und so nach Großbritannien gelangen. Twitching nennt sich dieses außergewöhnliche Hobby. Die Nachricht  von der Sichtung eines seltenen Vogels, soll bei Vogelfans angeblich nervöse Zuckungen ("twitches") auslösen.

Begeistert von klein auf

App auf einem Handy
Immer informiert, dank der Rare-Bird-App. | Bild: hr

Die Faszination für Vögel wurde Mya-Rose quasi in die Wiege gelegt, denn ihre Eltern Helena und Chris sind begeisterte Hobby-Ornithologen und haben sie schon als Baby mit auf ihre Beobachtungstouren genommen. Bisher hat sie sich noch nicht satt gesehen und berichtet regelmäßig in ihrem Blog über ihre neuesten Entdeckungen.

Alarm-App für seltene Vögel

Damit Familie Craig bei ihren Ausflügen keinen seltenen Vogel verpasst, lässt sich Chris durch eine App benachrichtigen. Dort bekommt er brandaktuelle, minutengenaue Informationen, wenn es einen seltenen Vogel irgendwo im Land gibt. Falls solch eine Nachricht reinkommt, lässt Familie Craig auch mal alles stehen und liegen und fährt zwölf Stunden und 2.500 Kilometer quer durch Land – nur, um eine Carolinataube aus Amerika vor die Linse zu bekommen. Es ist der Nervenkitzel, der die Familie antreibt – die Spannung, ob der Vogel noch da ist, wenn sie endlich vor Ort sind.

Die Vogelpopulation verändert sich

Handy-Display
Mya-Rose hält ihre Sichtungsrekorde auf einer Online-Liste fest. | Bild: hr

Vogelfans wie Familie Craig sind in England weit verbreitet. Vögel beobachten ist dort quasi Volkssport und mehr als eine Million Briten engagieren sich in der "Royal Society for the Protection of Birds" (RSPB). Einige Vogelarten werden in England nämlich immer weniger. Der Anteil der Brachvögel ist in manchen Gegenden um bis zu 80 Prozent gesunken. Sie stehen nun auf der roten Liste gefährdeter Arten. Grund für den Rückgang sind wie in Deutschland die Intensivierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden und Heckenrisse. Zudem ist der Lebensraum in Großbritannien knapp, weil es im Vergleich zu Deutschland weniger Waldflächen gibt. Die RSPB versucht das auszugleichen, indem sie Schilf und Hecken anpflanzt. Die Vogelpopulation ist stetig im Wandel, was auch an der Klimaerwärmung liegt. Es gibt immer mehr tierische Kolonisten, wie den Silberreiher, der sich in England zum Brüten niederlässt, obwohl er normalerweise eher in Südfrankreich oder am Mittelmeer vorkommt.

Kampf um die längste Liste

Beobachtungshäuschen
In solch einem Beobachtungshäuschen wartet Mya-Rose auch mal Stunden für einen besonderen Vogel. | Bild: hr

Genau solche Exoten sucht Familie Craig. Twitcher liefern sich erbitterte Wettkämpfe darum, wer die meisten dieser seltenen Vögel sichtet. Sie führen verschiedene Online-Listen, ähnlich wie ein Logbuch. Mya-Rose ist besonders ehrgeizig: Sie war die jüngste Person, die mit elf Jahren 3.000 Vögel gesehen hat. Einen Preis gab es dafür nicht. Mya-Rose ist einfach stolz darauf, denn es zeigt wie viel Zeit und Mühe sie in all das steckt. Mittlerweile hat sie 4.725 Vogelarten gesichtet. Das ist knapp die Hälfte aller Vogelarten auf der Welt und das gönnt ihr nicht jeder. Mya-Rose wurde sogar schon wegen Betrugs angezeigt. Ihr wurde nicht geglaubt, dass sie einen Albatros in Cornwall gesehen hat und ihre Liste wurde vorübergehend gesperrt. Der Vorfall ließ sich zum Glück schnell aufklären, da noch andere Twitcher den Albatros dort gesehen hatten. Mya-Rose lässt sich davon nicht unterkriegen, schließlich hat sie ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchte 5.000 Vogelarten sehen bis sie 18 Jahre alt ist. Dafür macht sie mit ihren Eltern auch mal Urlaub in der Antarktis oder Madagaskar, wo es besonders viele seltene Vogelspezies gibt.

Im Auftrag des Naturschutzes

Twitcher wie Mya-Rose helfen durch ihre Aufzeichnungen und Listen, einen Überblick über die Vogelpopulation zu behalten und sie genauestens zu erfassen. Sie arbeiten quasi im Sinne des Naturschutzes, denn Veränderungen des Vogelbestandes können so schneller bemerkt werden. Zudem macht Mya-Rose jährlich bei Großbritanniens Vogelzählaktion mit und kontrolliert einmal pro Woche 20 Vogelnistboxen im benachbarten Vogelschutzvereins. Ein Leben ohne Vögel kann sie sich nicht mehr vorstellen.

Autorin: Isabelle Weber (hr)

Stand: 10.08.2018 11:02 Uhr

Sendetermin

Sa., 11.08.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste