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Opfer der Überversorgung: Wird zu viel operiert?

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Opfer der Überversorgung: Wird zu viel operiert? | Video verfügbar bis 15.09.2023 | Bild: Colourbox

Man sieht es auf den ersten Blick: Melanie Martelli hat Mühe beim Treppenlaufen. Sie hatte sich bei einem Sturz in ihrem Knie ein Kreuzband gerissen. Vertrauensvoll begab sich die Kölner Modedesignerin in die Hand eines orthopädischen Chirurgen. Heute glaubt sie, dem ging es vor allem ums Geld: "Das Vertrauen hatte ich anfänglich, und das wurde zutiefst erschüttert. Ich bin entsetzt über den Verlauf der Operation. Und meines Erachtens diente diese Operation nicht zum Wohl des Patienten, sondern letztendlich zum ökonomischen Wohl. Es geht mir so schlecht. Dementsprechend habe ich mir juristischen Hilfe geholt – und das Ganze wird jetzt auch vor Gericht ausgefochten."

Melanie Martelli
Medizin-Opfer Melanie Martelli. | Bild: SWR

Sport war die Leidenschaft von Melanie Martelli, unter anderem Dressur- und Springreiten. Letzeres geht mit dem beschädigten Knie nicht mehr. Immerhin bleibt ihr das Dressur-Reisen. Heute ärgert sich die Designerin, dass sie die Operation nicht kritisch hinterfragt hat. Und, dass der Chirurg sie nicht über Alternativen zur Operation informiert hat: "Das hat mich sehr gewundert im Nachhinein. Es hätte durchaus eine gute konservative Behandlungsform möglich sein können – im Sinne von Physiotherapie, Krankengymnastik, Massagen – hat man mich im Nachhinein erst aufgeklärt. Aber zu dem Zeitpunkt wurde mir nur die Operation ans Herz gelegt, die wir dann auch durchgeführt haben." Heute komme ihr der Verdacht, dass es aus Sicht der Klinik und des behandelnden Arztes vor allem um den ökonomischen Vorteil gegangen sei.

In den Kliniken müssen die Kassen klingeln

Martin Reinboth
Martin Reinboth ist Anwalt für Medizinrecht. | Bild: SWR

Martin Reinboth ist Anwalt für Medizinrecht. Er vertritt Melani Martelli im Prozess gegen die Klinik. Seine Kanzlei hat sich auf Medizinrecht spezialisiert und schon mehr als 22.000 Fälle vor Gericht gebracht. Der Anwalt spricht Tacheles. "Es sind entweder Operationen, die gar keinen Sinn machen oder die nur sehr geringe Erfolgsaussichten haben. Da werden Operationen – das muss man ganz deutlich so sagen – verkauft, damit in den Kliniken, häufig ja Privatkliniken, die Kassen gefüllt werden."

Eigentlich beschämend, dass Justitia so häufig bemüht werden muss, um Opfern überflüssiger Medizin zu ihrem Recht zu verhelfen. Immer wieder fielen Kliniken auf, bei denen fragwürdige Eingriffe besonders oft zu bemerken seien. Und viele dieser Kliniken seien in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. "Gerade in dem Fall unserer Mandantin – der Frau Martelli – geht es gegen einen Arzt, beziehungsweise gegen eine Klinik, in der aus unserer Sicht viel zu früh und viel zu schnell operiert wird. Da haben wir schon mehr als acht Fälle vertreten müssen."

Körperlich und seelisch traumatisiert

Melanie Martelli hält ein Modell eines menschlichen Knies in den Händen
Martelli: Opfer einer sinnlosen Knie-OP. | Bild: SWR

Selbst kurze Spaziergänge mit ihrem Hund – im Park in der Nähe ihres Hauses – bereiten Melanie Martelli Schmerzen. Sie hat sich genau informiert, was bei der Operation mit ihrem Knie angestellt wurde. Sie hat ein anatomisches Modell eines Kniegelenks auf dem Schreibtisch stehen und erklärt ihren Fall: "Das vordere Kreuzband ist bei mir durchgerissen gewesen. Das hat man ersetzt durch eine Kreuzbandplastik. Dabei wird eine Sehne aus dem Oberschenkel herausgenommen, implantiert und verschraubt. Das ist offensichtlich zu straff bei mir durchgeführt worden, insofern habe ich jetzt große Probleme, Schmerzen und auch immer wiederkehrende Entzündungen."  Zudem sei ein Teil des Meniskus entfernt worden. Das sei medizinisch vollkommen unsinnig, denn selbst ein geschädigter Meniskus biete eine erheblich bessere Pufferzone, als ein entfernter Meniskus. So steht es auch im medizinischen Gutachten. Bemängelt wurde auch, dass keine Krankengymnastik oder andere konservativen Therapien in Erwägung gezogen wurden. Zudem wurde die OP grob fehlerhaft ausgeführt. Martelli erklärt: "Ich habe wirklich große Hochachtung vor hervorragenden Ärzten, Medizinern, Kliniken und Instituten. Aber gerade ich bin dummerweise Opfer eines ökonomischen medizinischen Vorfalls geworden – so gibt es zumindest mir das Gefühl." Mittlerweile habe sie Angst und Panik und es gebe ihr ein schlechtes Gefühl, wenn sie irgendwann in die nächste Operation müsse.

Unnötige Versteifung von Wirbelkörpern

Martin Reinboth
Martin Reinboth hat schon mehr als 22.000 Medizinrecht-Fälle vor Gericht gebracht. | Bild: SWR

Auch Isolde Windheuser ist Opfer einer überflüssigen Operation: Laut Gutachten hätte bei ihr ein kleiner, mikrochirurgischer Eingriff ausgereicht, um ihre Rückenschmerzen zu behandeln. Doch erst die sinnlose Versteifung zweier Wirbelkörper machte aus dem Eingriff eine wirklich lukrative Operation. Seitdem geht es ihr schlechter als vor der OP: "Es ist beschwerlich und ich kann nicht viel tun, habe tagtäglich Schmerzen. Und jetzt warten wir darauf, dass Gerechtigkeit kommt. Und die Leute auch einsehen, was sie mir angetan haben."

Heute würde sie jedem raten, eine Zweitmeinung einzuholen, bevor er sich in die Hände von Chirurgen begibt, gerade in Ihrem Alter. Sie hätte noch mindesten 20 Jahre arbeiten können. Aber das sei jetzt eben vorbei. Martin Reinboth vertritt Isolde Windheuser in dieser Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht. Das Landgericht hat der Klägerin in erster Instanz schon Recht gegeben. Allerdings sind Isolde Windheuser und ihr Anwalt der Ansicht, dass die angebotene Summe von 20.000 Euro nicht annähernd angemessen ist, um für die Schmerzen und die Berufsunfähigkeit zu entschädigen.

Erfolg vor Gericht

Der Richterspruch ist eindeutig: "Der Senat hat uns in vollem Umfang Recht gegeben. Tatsächlich sind alle Beschwerden, an denen die Frau Windheuser heute leider immer noch leidet, auf diesen Eingriff zurückzuführen", erklärt Martin Reinboth. Das Krankenhaus müsse dafür haften. Man habe jetzt eine Gesamtabfindung angeboten, die über 200.000 Euro liege. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Sechs Jahre haben sich die Verhandlungen hingezogen und an den Nerven von Isolde Windheuser gezerrt. Von einer Entschädigung in dieser Höhe hat sie aber nicht zu träumen gewagt. Ein guter Tag für den Anwalt und seine Mandantin.

Kontakt Medizin-Rechts-Kanzlei
Rechtsanwälte
Dr. jur. Boris Meinecke
Markus A. Meinecke
Martin Reinboth
Dr. jur. Georg Meinecke (Seniorpartner bis Ende 2015)
Riehler Strasse 28, 50668 Köln
Tel. (0221) 722 00 00, Fax: (0221) 722 00 01
E-Mail: meinecke@meinecke.com

Buchtipp
Die weiße Mafia – wie Ärzte und Pharmaindustrie unsere Gesundheit aufs Spiel setzen
Frank Wittig
Riva, München, 2015
220 Seiten, 9,95 €

Autor: Frank Wittig (SWR)

Stand: 28.08.2019 04:13 Uhr

Sendetermin

So, 16.09.18 | 05:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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