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Die Suche nach einer versunkenen Lok im Rhein

PlayWarum Amateurarchäologen eine versunkene Lok suchen
Die Suche nach einer versunkenen Lok im Rhein | Video verfügbar bis 13.09.2024 | Bild: NDR

Rheinkilometer 387: Hier bei Rheinsheim wollten Volker Jenderny und seine Mitstreiter im Herbst 2018 ihren großen Schatz heben. Jahrzehntelang hatten sie nach einem einmaligen Objekt gesucht: der ältesten erhaltenen Dampflok Deutschlands. In dem Flussabschnitt fiel 1852 die nagelneue Lokomotive "Rhein" im Sturm von einem Transportschiff. Der 20-Tonnen-Koloss versank im Rhein und blieb seitdem verschollen. 166 Jahre später, bei der geplanten Bergung im Herbst 2018, scheiterten die Lokjäger. "Wenn sie dann in so einem Moment da stehen", erinnert sich Jenderny, "und gesagt bekommen: "Da ist nichts, da ist auch keine Lok", das ist der Super-GAU." Aber er fügt auch gleich hinzu: "Die Lokomotive muss dort irgendwo im Boden liegen."


Schatzsucher glauben nun mal felsenfest an Ihre Mission. Der Historiker Prof. Johannes Dillinger, Autor von Sachbüchern zur Schatzsuche, kennt viele solcher Fälle: Eine Fülle von Möglichkeiten zu scheitern, das gehöre nun mal zwingend zu einer echten Schatzsuch-Geschichte dazu: "Es können immer wieder Details schiefgehen. Aber man zweifelt nicht daran, dass der Schatz tatsächlich existiert und man ihn wird finden können."

Ein Lokjäger sucht Mitstreiter

Volker Jenderny im Interview
Volker Jenderny sucht die verschollene Lok (im Hintergrund). | Bild: SWR

Anstifter dieser speziellen Schatzsuche war der Cochemer Lokomotivführer Horst Müller. Seit 30 Jahren sucht er die Lok. Wo genau sie versank, ist nicht eindeutig, da unter anderem damalige Arbeiten zur Flussbegradigung die Sache verkomplizieren. Müller tut, was Schatzsucher immer tun, wenn die Aufgabe für einen zu groß ist: Er versucht, andere mit seinem Jagdfieber anzustecken. Bei Volker Jenderny und den anderen Mitarbeitern des Darmstädter Eisenbahnmuseums springt der Funke schnell über.

Auch ein renommierter Geophysiker lässt sich von Müllers Story faszinieren: Über Jahre hinweg folgen nun immer wieder Expeditionen zum Rhein, Geo-Radar-Messungen von Magnetfeldern, Probebohrungen in Ufernähe. Aber jedes Mal: Fehlanzeige. Der Frust beginnt an den Schatzsuchern zu nagen.

Entscheidende Hinweise?

Eine Person zeigt mit einem Finger auf eine Karte.
Wo befindet sich die "Rhein"? | Bild: SWR

Ende 2008 schließt sich Horst Müller quasi zwei Wochen lang im Speyerer Landesarchiv ein. Der Lokführer hofft, hier Licht am Ende des Tunnels zu finden, den entscheidenden Hinweis. Und tatsächlich: Horst Müller findet neue Hinweise auf den Unfallort. Flüsternd, geradezu verschwörerisch spricht er damals im Fernseh-Interview über seinen Fund: Er könne die Untergangsstelle nun direkt auf neue Karten übertragen. Endlich gibt es also eine richtige Schatzkarte – und sehr viel neue Hoffnung.

Laut Schatzsuche-Buchautor Johannes Dillinger erklären sich solche Wendungen zum erlösenden Hinweis auch aus der psychologischen Situation des Schatzsuchers: Der wolle den Nervenkitzel, er möchte endlich raus aus dem Alltag. "Und das kann er sich so dringend wünschen, dass er anfängt, sich selbst und die Dokumente, mit denen er arbeitet, grotesk zu überschätzen."

Jedenfalls orten die Lokjäger 2012 bei Rheinsheim, dort wo Horst Müller die Unfallstelle lokalisiert hatte, etwas Sensationelles: Ein Metallkörper unter dem Flussgrund: Rund 20 Tonnen schwer, vermutlich sechs bis sieben Meter lang. Maße und Gewicht stimmen mit der Lok perfekt überein.

Große Erwartungen, großes Scheitern

Der Lok-Hype nimmt nun wieder Fahrt auf – mit Medienpräsenz, Sponsoren und Vermarktern. Ein Buch erscheint; die Fernseh-Live-Übertragung der Bergung wird geplant. Alle Zweifel am Erfolg verfliegen: "Es lief alles in die richtige Richtung", sagt Volker Jenderny und fügt hinzu: „Deshalb war der Absturz umso härter."
Denn beim großen Lokbergungsevent Ende September 2018 findet sich bei Rheinsheim – nichts. Schock statt Lok: Sie hatten wohl ein nur magnetisches Gestein geortet, das früher hier verbaut worden war. Oder hatte vielleicht das laute Medien-Tam-Tam böse Geister angelockt? Der Historiker Johannes Dillinger erklärt, zur alten magischen Schatzsuche gehöre "dass man schweigend nach dem Schatz suchen soll. Wenn man das Schweigen bricht, dann verschwindet der Schatz, die Geister tragen ihn weg."

Aufgeben? Gibt es nicht!

Bergungsarbeiten am Rhein.
Bisher war die Suche nach der versunkenen Lok nicht erfolgreich, | Bild: SWR

Was auch immer geschah, Prof. Dillinger rät, nun abzulassen von der Lok; der große Aufwand weiterer Bergungsversuche, sei – aus seiner Sicht als Historiker – nicht sinnvoll: Man habe schließlich die Planzeichnungen dieser Maschine: "Das Objekt ist gar nicht so wichtig."
Das sehen die Schatzsucher anders. Acht Monate nach dem Scheitern werkeln Volker Jenderny, Horst Müller und die anderen Mitstreiter wieder in der Gegend des Rheinkilometers 387 herum. Sie setzen die Suche fort: Es gebe neue Messungen und Hinweise. Aufgeben gibt es nicht. Die Suche nach der Lok sei kein Fluch, sondern ein Segen in seinem Leben, sagt Volker Jenderny nun wieder tatendurstig. Und wir ahnen: Die Trophäe zu finden, wäre ein Triumph, doch das eigentliche Glück des Schatzsuchers ist die Jagd danach.

Autor: Oliver Wittkowski (SWR)

Buchtipps
Hexen und Magie
Johannes Dillinger
Campus, 2018

Lok im Rhein
U. Breitmeier, B. Forkmann u.a.
Herdam, 2017

Stand: 12.09.2019 20:54 Uhr

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Sa, 14.09.19 | 16:00 Uhr
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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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