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Geschichte der Viren-Epidemien

Proben in einer Flüssigkeit.
1983 wird das HI-Virus im Menschen entdeckt. | Bild: NDR

Seit es den Menschen gibt, wird er von Viren heimgesucht - manche mehr, manche weniger gefährlich. Die Pocken machten schon den alten Ägyptern Probleme, Millionen Indianer starben an aus Europa eingeschleppten Viren und heute bedroht uns Ebola.

Prominente Opfer

Seit es den Menschen gibt, wird er von Viren heimgesucht. Das Pocken-Virus zum Beispiel macht schon den alten Ägyptern Probleme. Die Mumie von Pharao Ramses dem Fünften hat: Pockennarben. Das Virus soll auch Goethe, Mozart, Haydn und Beethoven befallen haben und Ludwig der XV. und Zar Peter der II sogar dahingerafft haben. Im 15. Und 16. Jahrhundert stirbt jedes zehnte Kind an Pocken. Nur wenn die Kinder das Virus überstehen, zählt man sie überhaupt zur Familie. Über 400.000 Menschen fallen jedes Jahr den Pocken zum Opfer. Die Erlösung kommt erst 1796: der Brite Edward Jenner entdeckt, dass Menschen, die sich die wesentlich schwächeren Kuhpocken eingefangen haben, gegen die eigentlichen Pocken immun zu sein scheinen. Vorsätzlich infiziert er einen Jungen mit Kuhpocken – und erfindet so das Prinzip der Impfung. Die Kuhpocken-Erreger werden als Impfstoff verwendet.

Mit den Entdeckern kommen die Viren

Drei Forscher
1980 erklärt die Weltgesundheitsorganisation die Pocken für offiziell ausgerottet. | Bild: SWR

Massenimpfungen, Impfgesetze und weltweite Impfkampagnen führen schließlich zur Ausrottung der Pocken. Der letzte bekannte Pocken-Fall in Deutschland wird 1972 gemeldet. 1980 dann erklärt die Weltgesundheitsorganisation die Pocken für offiziell ausgerottet. Es ist noch immer einer der größten medizinischen Erfolge der Geschichte. Doch andere Erreger sind genauso alt und leben noch heute: das Masern-Virus zum Beispiel. Mit der Entdeckung Amerikas bringen die Eroberer aus Europa auch ihre Viren mit – die das Immunsystem der Ureinwohner mit voller Wucht treffen. Millionen Indianer sterben an den Masern. Es gibt sogar Theorien, nachdem Viren auch bewusst von den Eroberern auf die Indianer losgelassen wurden – als eine Art antike Biowaffen. Auch heute noch sterben weltweit jedes Jahr Hunderttausende Menschen, vor allem Kinder, an den Masern – obwohl es längst einen Impfstoff gibt. Eine Impfpflicht gibt es aber nicht und so bricht das Virus immer wieder aus. Dass auch die Masern ausgerottet sind, bleibt eine Vision.

Ein Virus, viele Gesichter

Ein besonders unberechenbares Virus: das Grippevirus Influenza. 1918 tötet die "Spanische Grippe" geschätzt 50 Millionen Menschen – mehr als der gerade überstandene Erste Weltkrieg. Mangelnde Hygiene, enge Schützengräben, verwundete und schwache Menschen, die aus aller Welt zusammenkommen – all das sind Faktoren, die dem Virus helfen, sich schnell auszubreiten und Millionen zu infizieren. Eine ähnlich schwere Epidemie hat es seitdem nicht mehr gegeben – doch gerade das Grippevirus birgt ein hohes Risiko: Es verändert sich ständig, kombiniert sich genetisch neu. Einen 100 Prozent wirksamen Impfstoff gibt es deshalb nicht – jedes Jahr muss seine Rezeptur verändert werden – so wie sich das Virus selbst verändert. Das Virus überspringt dabei sogar Artengrenzen – aus tierischen und menschlichen Grippe-Viren können gefährliche Mischungen entstehen. So tritt 2009 in Mexiko plötzlich die Schweinegrippe auf – ein ganz ähnliches Virus wie die Spanische Grippe, die 1918 Millionen getötet hatte. Die WHO schlägt Alarm, weltweit wächst die Angst vor einer schweren Epidemie.

Entwarnung hier, Alarm dort

Elektronenmikroskopaufnahme eines Ebola-Virus
Das Ebola-Virus gehört zu den Fadenviren. | Bild: picture-alliance

Doch Forscher geben Entwarnung: Die Viren sind zwar verwandt, aber doch sehr unterschiedlich. Und tatsächlich: Die Schweinegrippe verläuft viel weniger dramatisch als befürchtet. Weit weniger als fünf Prozent der Infizierten sterben und nicht wie angenommen 50 Prozent. Viren sind unberechenbar. Eine Tatsache, die sich auch beim Ebola Virus zeigt. Das Virus selbst ist schon lange bekannt. Seit rund 40 Jahren schon beobachten Wissenschaftler das Virus, ein Dutzend Mal ist es in Afrika auch schon ausgebrochen. Doch es gab nie mehr als rund 200 Tote. Warum sich das Virus 2014 so weit ausbreitet, ist für Wissenschaftler bis heute ein Rätsel. Denn eigentlich breitet sich das Virus geografisch nicht so weit aus, weil es seine Opfer sehr schnell tötet. Das Risiko, dass ein Infizierter ohne irgendwelche Symptome zu spüren noch tagelang herumläuft und andere ansteckt, ist gering. Trotzdem schafft es das Ebola-Virus 2014 vom Dschungel bis in die Millionenstädte. Aber wie infiziert sich der Mensch eigentlich? Fledermäuse tragen das Virus, sind dagegen aber immun. Doch der Mensch dringt in ihren Lebensraum ein, jagt und isst Buschfleisch. So kann auch dieses Virus immer wieder vom Tier auf den Menschen übergehen.

Helfer oder Killer?

Forscherin im Labor
Einen Impfstopf gegen HIV gibt es bis heute nicht. | Bild: SWR

So wie das HI-Virus. Auch dieses Virus kommt ursprünglich vom Tier – vom Affen. 1983 wird das HI-Virus in abgewandelter Form im Menschen entdeckt. Anfangs herrschen Angst und Ratlosigkeit. Niemand weiß genau, woher die Seuche kommt und wie man sich anstecken kann, dann wird das Virus als "Homo-Seuche" abgetan. Vieles wird in der Panik hochgebauscht, doch die Angst vor dem Virus ist berechtigt: Es überlebt lange im menschlichen Körper, nistet sich in Körperzellen ein und schwächt den gesamten menschlichen Körper, ohne ihn zu töten. Für das Virus ideal, für den Menschen eine Katastrophe. Auch wenn die Forschung inzwischen viel weiter ist – einen Impfstoff gegen das Virus gibt es bis heute nicht. So bleiben viele Viren eine Herausforderung für den Menschen. Aber er weiß ihre Zerstörungskraft auch immer besser zu nutzen: In der Krebstherapie zum Beispiel forscht man daran, Viren gezielt Krebszellen zerstören zu lassen. Ob Helfer oder Killer – die Geschichte von Viren und Menschen ist eine Geschichte mit offenem Ende.

Autorin: Sophie König (SWR)

Stand: 13.07.2019 22:40 Uhr