SENDETERMIN Sa, 11.08.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Vögel in der Stadt – Bestand geht zurück

Ein Spatz
Der Bestand der Spatzen geht im urbanen Raum zurück. | Bild: SWR

In der Stadt sind für viele Vogelarten die Bedingungen besser als auf dem Land. Die Tiere sind in der Stadt geschützt und finden in Gärten und Parks Nahrung. Doch es gibt auch Arten, deren Bestand im urbanen Raum zurückgeht, gebietsweise sogar dramatisch. Unter ihnen der Haussperling, besser bekannt als Spatz.

Der Spatz – Leben im Ost-West-Gefälle

Wenn er ein schönes Plätzchen zum Leben sucht, dann wird der Spatz in Berlin schnell fündig. Er ist Deutschlands weitverbreitetster Gartenvogel und fühlt sich wohl in der Hauptstadt. Doch das ist nicht überall so, sagt der Berliner Ornithologe Lars Lachmann: "Insgesamt hat deutschlandweit der Bestand deutlich abgenommen. Wobei wir zwei Entwicklungen haben: Man sieht bei der Entwicklung des Spatzenbestands noch ganz klar die Trennung Deutschlands." Nabu-Experte Lachmann initiiert mit seinem Team zwei Mal jährlich eine Zählung der Gartenvögel. In etwa 5.000 Parks und 45.000 Gärten notieren Freiwillige die vorkommenden Arten. Schnitt der Spatz 2018 in Berlin mit durchschnittlich sieben Vögeln pro Garten noch gut ab, waren es in Frankfurt gerade mal vier. Und in München noch nicht mal mehr zwei!

Wegfall städtischer Naturräume

Haussperling
Der Haussperling ist ein guter Abfallverwerter. | Bild: hr

Die gute Nachricht: Der Hausspatz berappelt sich im Westen wieder leicht. Im Osten hingegen nimmt seine Population ab. Denn Naturräume gibt es in den Städten immer seltener, bemängelt Vogelexperte Lachmann: "Die Natur braucht solche Plätze Sie haben viele Blüten, viele Insekten, und die sind die Nahrung für Vögel. So etwas brauchen wir – aber wir haben immer weniger Platz. Es wird Vieles zugebaut."

Einerseits ist es sinnvoll, die Flächen in der Stadt für Wohnraum optimal zu nutzen. Anderseits ist das aber schlecht für die Vögel. Der Haussperling ernährt sich hauptsächlich von Samen, Insekten und anderen wirbellosen Tieren. Er frisst außerdem unsere Abfälle.  Jungtiere können dagegen nur mit Insekten überleben. Und die gibt es immer weniger.

Auch der Amsel geht es schlecht

Pestizid-Einsatz in der Stadt
Pestizid-Einsatz in der Stadt. | Bild: hr

Auch die Amsel-Population nimmt deutschlandweit ab. Im Jahr 2006 waren es noch  4,1 Vögeln pro Garten, zehn Jahre später nur noch 3,5. Viele Tiere sind in den letzten Jahren an einem Virus gestorben. Dazu kommt: Auch die Amsel leidet unter dem mangelnden Nahrungsangebot. Wegen der Flächenversiegelung findet sie immer weniger Würmer, Schnecken und Insekten. Sogar dort, wo noch Vegetation ist, sieht es oft schlecht aus. Denn häufig werden zu viel Insektengifte gespritzt, auch im öffentlichen Raum und in Privatgärten.

Einöde statt Gartenparadies

Stadtgarten mit Kies
Der moderne Stadtgarten ist kein Vogelparadies. | Bild: hr

Lars Lachmann sieht noch ein weiteres Problem: Viele Stadtbewohner gestalten ihre Gärten vogelunfreundlich. "Ich nenne das die 'Verbaumarktung' der Gärten. Wenn man in einen solchen Garten reinkommt, dann sieht das aus, als würde man in einem Baumarkt in die Außenabteilung gehen." Dort hat man im schlimmsten Fall Kunstrasen oder bunten Mulch oder farbigen Kies. Und statt Laubbäumen und beerentragenden, blühenden Bäumen hat man häufig Koniferen, Thuja oder auch immergrüne Laubbäume wie den Kirschlorbeer. Das sind alles Pflanzen, mit denen können die Insekten nichts anfangen – und entsprechend finden Vögel dort keine Nahrung."

Mehr Mut zum wilden Garten

Pflanzenvielfalt ist also nötig. "Wilde Ecken" zum Beispiel sind gut, Laubbäume wiederum bieten Nistplätze für Vögel.

Schlechte Zeiten für die Mehlschwalbe

Hausfassade
Dicht und glatt: moderne Hausfassade. | Bild: hr

Ein Nistproblem hat mittlerweile auch die Mehlschwalbe. Sie verschwindet zunehmend aus dem urbanen Raum. Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihr Bestand von durchschnittlich 2,2  Tieren pro Garten auf 1,1 halbiert. Die Mehlschwalbe ist ein Gebäudebrüter und sie braucht zum Bau ihrer Nester Erdpfützen, denn sie baut mit Lehm. Und auch Pfützen gibt es immer weniger. Und falls die Mehlschwalbe doch fündig wird, muss sie noch einen Platz für ihr Nest finden. Auch nicht so einfach. Denn Mehlschwalben bauen ihre Nester bevorzugt unter Dachvorsprüngen, Balkons oder in anderen Nischen.

Immer weniger Nistplätze für den Mauersegler

Aber an vielen modernen oder modernisierten Fassaden gibt es die nicht mehr. Durch energetische Sanierung wird alles dicht und nach außen glatt verpackt. Auch für Mauersegler sind solche Fassaden ein Problem. Auch seine Bestände haben sich halbiert. Von knapp zwei Exemplaren in 2006 auf nur noch ein Exemplar pro Garten in 2016. Allerdings gäbe es Abhilfe: Nistkästen. Die lassen sich nicht nur im heimischen Garten anbringen, betont Lars Lachmann: "Man kann natürlich auch an großen Wohngebäuden Mauersegler ansiedeln. Man muss es aber wollen und aktiv etwas dafür tun." Bei manchen Hochhäusern wurden solche Nistkästen bereits im Zuge der Sanierung integriert. In der Außendämmung angebracht, bilden sie perfekte Nistbedingungen, ohne die Optik der Fassade zu stören.

Weniger Nahrung durch Monokulturen und Gifteinsatz

Park am Gleisdreieck in Berlin.
Park am Gleisdreieck in Berlin. | Bild: hr

Ein weiteres Problem ist indes noch nicht gelöst: Mauersegler ernähren sich fast ausschließlich von größeren und kleinen Fluginsekten von. Doch durch die industrialisierte Landwirtschaft gibt es immer weniger davon. Und dadurch kommen auch immer weniger kleine Insekten mit den Luftströmen vom Land in die Stadt – und fehlen dem Mauersegler damit als Nahrung.

"Brachparks" – neue Lebensräume in der Stadt

Mehr wilde Naturflächen müssen deshalb her, auch und besonders in den Städten. Wie das aussehen könnte, zeigt Lars Lachmann am Beispiel eines Parks in Berlin-Mitte. Dort ist ein riesiger, so genannter Brachpark entstanden. Statt gepflasterter Gehwege und kurzgeschorener Rasenflächen herrscht hier natur Pur. Ein Paradies für Vögel. Dafür sollten sich doch in jeder Stadt Plätze finden lassen.

Autor: Stefan Venator (hr)

Stand: 10.08.2018 10:56 Uhr