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Privathaushalte: Autark mit Wasserstoff?

PlayStromautarkes Einfamilienhaus aus der Vogelperspektive
Privathaushalte: Autark mit Wasserstoff?  | Video verfügbar bis 24.10.2025 | Bild: WDR

Im Arhntal in Südtirol liegt ein Hunderte Jahre altes ehemaliges Knappenhaus abseits im Wald. Es war noch nie an die kommunale Stromversorgung angeschlossen. Strom gibt es trotzdem schon seit Jahrzehnten, zumindest im Sommer, dank eines Bergbachs. Der treibt eine Turbine an, wodurch sich elektrische Energie gewinnen lässt. Doch im Winter friert dieser Bach ein – was sich im Haus bemerkbar macht: Der einzig beheizte Raum war die Stube, die Küche wurde notdürftig mit Holz beheizt. Und das machte das Leben für die Hausbewohner im Winter bis vor kurzem extrem ungemütlich.

Doch die Hausbesitzer haben aufgerüstet: Heute wird der überschüssige Strom der Wasserturbine im Sommer genutzt, um mit Hilfe von Elektrolyse Wasserstoff herzustellen. Der Wasserstoff speichert so die Energie und wird dann in Form von Metallpellets in Stahlflaschen gelagert. Im Winter wandelt ihn eine Brennstoffzelle bei Bedarf wieder in Strom und Wärme um. Die Anlage ist maßgefertigt und enthält brandneue Technologie – deshalb ist sie teuer. Sie hat etwa eine halbe Million Euro gekostet. Der Experte für nachhaltige Energiewirtschaft Bernd Hirschl geht aber davon aus, dass in Zukunft eine größere Stückzahl und verschiedene Innovationen die Kosten senken werden.

Wasserstoff-Technik "von der Stange"

Wasserstoffflaschen
Aus Sicherheitsgründen müssen die Stahlflaschen draußen stehen. | Bild: WDR

Auch Familie Hörmann stattet 2018 ihr Haus in Zusmarshausen in Bayern mit einem Wasserstoffspeichersystem aus. Den Strom gewinnen sie über eine Photovoltaikanlage. Die Familie war schon immer von der Idee fasziniert, alleine mit Sonnenenergie autark zu sein. Doch bis 2018 konnten sie den Solarstromüberschuss des Sommers nicht speichern. Heute wandelt das kompakte Stromspeicher-Brennstoffzellen-System den Energieüberschuss mittels Elektrolyse in Wasserstoff um. Es sammelt so die Energie für den Winter. Damit gehört Familie Hörmann zu den ersten, die in Deutschland ein komplett stromautarkes Eigenheim dank Wasserstoff haben.

Im Unterschied zum Haus in Südtirol lagert der Wasserstoff hier nicht in Metallpellets, sondern unter hohem Druck als reines Gas in stabilen Stahlflaschen. Die Flaschen dürfen nicht im Keller des Hauses stehen, sondern müssen außerhalb des Hauses stehen. Denn gasförmiger Wasserstoff ist leicht entzündlich. Das Herz der Anlage liegt im Keller. Eine Brennstoffzelle produziert im Winter die Energie, aus der Familie Hörmann Strom und Wärme generiert. Das Haus besitzt inzwischen keinen externen Stromanschluss oder Not-Ofen mehr.

Photovoltaik und Wasserstoffspeicher – optimal für Häuslebauer?

Das kompakte Stromspeicher-Brennstoffzellensystem wurde von einem Berliner Start-up entwickelt. Es kostet aktuell zwischen 60.000 und 90.000 Euro. Dazu kommen etwa noch 10.000 Euro für die Photovoltaikanlage. Um sich komplett unabhängig vom Netz mit Strom zu versorgen, müssen Eigenheimbesitzer dazu eine Anlage auf dem Hausdach installieren, die mindestens 10.000 Kilowattstunden Strom im Jahr produziert.

Um das auch zu erreichen, sind die passende Ausrichtung des Daches und die Zahl der Sonnenstunden in der Region wichtig. Energieexperte Bernd Hirschl sieht die Kombination aus Photovoltaik und Wasserstoffspeicher differenziert: "Für Leute, die komplette Autarkie wollen und sich möglicherweise auch vom Netz unabhängig machen wollen, sind mit Wasserstoff auf jeden Fall immer auf der sicheren Seite. Aber eine günstige Lösung ist das nicht. Das wird nicht konkurrieren können zu beispielsweise einer Wärmepumpe zusätzlich zur Solaranlage." Noch ist Wasserstoff im Privathaushalt also nicht konkurrenzfähig – zumindest, wenn es um die Kosten geht.

Autor: Dirk Beppler (WDR)

Stand: 24.10.2020 15:19 Uhr

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