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Wildschweinplage – die sauschlauen Opportunisten

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Wildschweinplage – die sauschlaue Opportunisten | Video verfügbar bis 18.11.2022 | Bild: NDR

Die Bauern auf der Ostseeinsel Usedom sind saumäßig wütend auf Wildschweine. Die vermehren sich hier fast ungebremst und richten jedes Jahr größere Schäden an. Zwar mühen die Jäger im deutschen Teil der Insel sich redlich, die Schwarzkittel effektiver zu bejagen, aber das ist leichter gesagt als getan. Die Tiere sind äußerst intelligent und durchschauen die üblichen Jagdstrategien sehr schnell. So manche Nacht kauern die Grünröcke auf ihren Hochsitzen – und kein Schwein lässt sich blicken.

Ganz anders im polnischen Teil der Insel: Am Fähranleger in Swinousce zeigen sich die Tiere ganz offen und lassen sich ungeniert von vorbeifahrenden Touristen mit Essensresten füttern. Ganze Rotten streifen mitten durch die Badeorte. Selbst am Strand rennen sie herum und nehmen ein Bad in der Ostsee. Das Geheimnis des Schweineparadieses Ost: Hier werden die Tiere nicht gejagt – und das wissen sie ganz genau.

Schwarzkittel im Schlaraffenland

Maisfeld
Von Schweinen verwüstetes Maisfeld – Nahrung und Deckung in einem. | Bild: NDR

Die Zustände auf Usedom sind zwar extrem, doch die Wildschweinplage ist kein regionales Problem. Überall mehren sich die Klagen über die rasant zunehmenden Bestände des Schwarzwilds. Dabei waren Wildschweine noch vor 60 Jahren in Schleswig-Holstein ausgerottet. Auch in Baden-Württemberg, Sachsen und in fast ganz Niedersachsen gab es praktisch keine mehr. Dann nahmen die Zahlen zwar leicht zu, aber selbst vor 30 Jahren waren die Waldbewohner noch ein eher seltener Anblick. Das hat sich grundlegend geändert, denn die Bestände haben sich in den letzten Jahrzehnten extrem vergrößert. Die wilden Schweine tauchen auch zusehends in Dörfern und Städten auf, graben Vorgärten um, verursachen Autounfälle. Allmählich werden sie zu einer echten Plage. Der Grund dafür ist einfach: Es geht ihnen prächtig. Und verantwortlich dafür ist der Mensch.

Vom Wald in die Felder – dank Maisanbau

Durch den Klimawandel gibt es weniger kalte Winter und die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr zugunsten der Wildschweine verändert. Flächen mit Monokulturen werden immer größer und immer häufiger wächst darauf eine Pflanze, die Wildschweinen ideale Bedingungen bietet: Mais. Die meterhohen Pflanzen werden eigentlich angebaut, um in Biogasanlagen verarbeitet oder an Mastschweine verfüttert zu werden. Aber der Mais bietet auch den wilden Schweinen reichlich Nahrung – und beste Deckung vor Jägern. Den Wildschweinen geht es im Mais so gut, dass viele von ihnen ihren alten Lebensraum Wald zeitweise ganz verlassen. Sie verbringen den gesamten Frühling und Sommer in den Feldern und kehren erst im Spätherbst in den Wald zurück, wenn der Mais abgeerntet ist. Für die Maisbauern, deren Ernte die Wildscheine fressen, bedeutet das erhebliche Verluste.

Wildschweine pflanzen sich immer früher fort

Wildschweine fressen Maiskörner
Wildschweine lieben Mais, verschmähen aber auch Essensreste nicht. | Bild: NDR

Das reiche Nahrungsangebot, dass die Wildschweine in den Maisfeldern finden hat noch einen Nebeneffekt, der die Zunahme der Bestände weiter beschleunigt. Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover beobachten eine erstaunliche Entwicklung: Die Tiere pflanzen sich immer früher fort. Viele Bachen werden bereits mit acht Monaten trächtig, in einem Alter, in dem sie noch Milchzähne haben und eigentlich als Frischlinge gelten. Vergleichbar wäre das beim Menschen mit einer Schwangerschaft bei einer Zehnjährigen. Durch die "Maismast" haben die Wildschweine mit acht Monaten heute bereits einen viel höheren Körperfettanteil als früher. Und der ist – auch bei uns Menschen – ein ausschlaggebender Faktor für den Zeitpunkt, an dem die Geschlechtsreife einsetzt.

Sorge vor der Afrikanische Schweinepest

Nicht nur Ackerbauern beunruhigt der enorme Zuwachs bei den Tieren. Denn mit der Zahl der Wildschweine wächst auch die Sorge, dass sie die Afrikanische Schweinepest in die Mastschweinezuchten Deutschlands einschleppen. Wildschweine können die für Menschen ungefährliche, für die Tiere jedoch tödliche Seuche auf Hausschweine übertragen. Einen Impfstoff gibt es bisher nicht. Seit der Erreger 2007 über Georgien nach Europa eingeschleppt wurde, grassiert die Afrikanische Schweinepest vor allem im Baltikum, dem Osten von Polen und Tschechien sowie in der Ukraine. Allein in diesem Jahr habe es bereits über 2.600 neue Ausbrüche in Europa gegeben. Der Schaden durch einen Seuchenzug in Deutschland ginge leicht in die Milliarden.

Mecklenburg-Vorpommern will Wildschweine drastisch reduzieren

Jäger mit seinem Gewehr
Wildschweine sind schlau und daher schwer zu jagen. | Bild: NDR

Mit einem Sofortprogramm will Mecklenburg-Vorpommern die Hausschwein-Bestände vor der gefährlichen Tierseuche schützen. Das Landwirtschaftsminister hat eine drastische Reduzierung des Schwarzwildbestandes verfügt. Für das Programm stehen ab Dezember 2017 zwei Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld wird auf zwei Jahre verteilt. Die Zahl der erlegten Wildschweine soll um 20 Prozent steigen – auf 80.000 Stück. Das Programm zielt vor allem auf Frischlinge, die im Frühjahr geboren wurden, und auf Bachen ohne Nachwuchs. Sie tragen am stärksten zum Zuwachs bei. Für jedes erlegte Tier sollen die Jäger eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 25 Euro. Zudem wird das Drückjagdverbot ab Januar 2018 für drei Jahre aufgehoben. Das könnte zwar das Jagdfieber ordentlich anheizen. Leicht wird es trotzdem nicht werden, deutlich mehr der schlauen Schwarzkittel zur Strecke zu bringen als bisher.

Autor: Christian Kossin (NDR)

Stand: 20.11.2017 21:12 Uhr

Sendetermin

Sa., 18.11.17 | 16:00 Uhr
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Bayerischer Rundfunk
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