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Taxonome: Artenkenner unterwegs auf Zeche Zollverein

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Taxonome: Artenkenner unterwegs auf Zeche Zollverein | Video verfügbar bis 19.08.2022 | Bild: WDR

Viele Fragen, die den Naturschutz betreffen, drehen sich um die Entwicklung von Arten: Gibt es immer weniger Insekten in Deutschland? Gehen dadurch auch Vogelbestände zurück? Welche Arten sind bedroht? Oder haben Naturschutzmaßnahmen gegriffen und Arten haben sich sogar wieder erholt? Um solche Fragen zu beantworten, braucht es Menschen, die in der Natur Arten finden, bestimmen und systematisch erfassen können, sogenannte Taxonomen, Artenkenner mit teilweise hochspezialisiertem Wissen.

Aber es gibt nicht viele von ihnen. Die Zeitschrift GEO versammelt einmal im Jahr Taxonomen aus ganz Deutschland an immer anderen Orten. Die Aufgabe: Eine "Natur-Inventur". Innerhalb von 24 Stunden wollen alle Teilnehmer möglichst viele Pflanzen- und Tierarten finden. So macht die Aktion "GEO-Tag der Natur" (bis 2016 "GEO-Tag der Artenvielfalt") auf besondere Naturräume oder aktuelle Umweltschutzthemen aufmerksam. 2017 fand diese Aktion auf Zeche Zollverein in Essen statt.

Arten-Refugium auf der Industriebrache

Birken auf einer Abraumhalde
Ein Mix aus Industriewald, Brachflächen und Feuchtgebieten ist entstanden. | Bild: WDR

Ausgerechnet auf einem Areal, auf dem die Schwerindustrie einen ihrer größten Standorte hatte – Zollverein war einst die größte Zeche der Welt – will man heute Pflanzen- und Tierarten finden? Naturschützer vom NABU, die das Treffen der Taxonomen mit organisieren, sind schon lange auf der Industriebrache aktiv. Mitten im städtisch dicht bebauten Ruhrgebiet ist dieses Brachland ein Arten-Refugium. Die Natur eroberte sich das Industrieareal zurück, auf dem jahrzehntelang Erdschichten von unten nach oben verschoben wurden. Ein "Pionierstandort", auf dem viele eingewanderte Pflanzenarten neben einheimischen Fuß gefasst haben. Diese besondere Mischung macht Zeche Zollverein für Artenkenner so interessant.

Der Mix macht‘s

Die Naturschützer arbeiten zusammen mit den Besitzern des Zechengeländes daran, den Ort zu einem Hotspot der Artenvielfalt zu machen. Wenn man Jungbäume nicht entfernt, kommt allmählich der sogenannte Industriewald hoch, dominiert von schnellwachsenden Birkenarten. Wo früher die Abfälle aus der Kokerei abgelagert wurden, ist der Boden schwarz und kann sich auf 50 bis 60 Grad erwärmen. Diese Fläche wird aktiv offen gehalten und bietet zum Beispiel Raum für Heuschreckenarten, die wärmeliebend sind. Und manche Flächen haben sich mit Wasser gefüllt und sind zu kleinen Tümpeln geworden, in denen es Bergmolche gibt. Dieser Mix kann auf solchen Industriebrachen zu einer Artenvielfalt führen und macht sie interessant für den Naturschutz.

Drei Bienenkundler stehen in einer Wiese
Der Naturschutz ist auf die Mitarbeit von Hobbyforschern angewiesen. | Bild: WDR

Bei der "Arten-Inventur" auf Zollverein wurden im Juni 2017 etwa 80 zusätzliche Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen, die Naturkundler bisher hier nicht gefunden hatten – darunter die wenige Zentimeter große "Schmalblättrige Miere", die man bisher im Ruhrgebiet noch nie gesehen hatte. Und sogar eine neue Brombeer-Art: die Rubus zollvereinensis, die allerdings keine wohlschmeckenden Früchte produziert.

Taxonomen – die Letzten ihrer Art

Diese Erweiterung der Liste auf Zollverein auf rund 800 verschiedene Arten ist gelungen dank der Arbeit der rund 70 Artenkenner, darunter Spezialisten für Wildbienen, Wanzen, Flechten oder Pilze. Die meisten von ihnen sind Hobby-Forscher, die im Hauptberuf ganz anderen Dingen nachgehen. Geld und Stellen gibt es wenig für deutsche Artenkenner. So ist der Naturschutz angewiesen auf das Interesse und das Wissen der "Laien". "Beziehungsweise Anfänger, wie ich es lieber sage", so Götz Loos, Botaniker und angestellt an der Technischen Universität Dortmund.. "Ohne sie würde überhaupt nichts mehr klappen. Sie sind engagierter und interessierter und arbeiten sich tiefer ein, als es Berufstaxonomen meist können, weil diese keine Zeit mehr dazu haben, unter anderem wegen Lehrverpflichtungen und ähnlichem." Loos setzt sich für die Professionalisierung und den Stellenausbau ein und fordert unter anderem ein Fachhochschul-Studium "Taxonomie". Vielleicht ein erster Schritt, um die Artenkenner von der Roten Liste der aussterbenden Arten zu holen.

Autor: Carsten Linder (WDR)

Stand: 20.07.2019 14:38 Uhr