SENDETERMIN Sa., 03.09.22 | 23:45 Uhr | Das Erste

Alexander Höner: Kinderfragen

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Alexander Höner: Kinderfragen | Bild: rbb / Oliver Ziebe

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Es gibt Momente im Leben, da kommt es echt drauf an. Vor den Sommerferien hatte ich so einen Moment und ich hab’s verpatzt – als Pfarrer und als Vater.

Ich hole meine achtjährige Tochter von der Schule ab. Sie ist richtig gut drauf und wir gehen nebeneinander Richtung Eisladen. Sie erzählt von ihrem aufregenden Schultag. Und dann kommt plötzliche diese Frage:

„Sag mal Papa, wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man an Gott glaubt?“ (Puh, Ausatmen, Pause) Gute Frage. Ja, wie fühlt sich das eigentlich an? Ist Glauben ein Gefühl? Was sage ich denn jetzt? Weitergehen, weitergehen, Zeit gewinnen. „Mmm… Wie kommst Du denn darauf?“ „Naja, ein Mädchen aus meiner Klasse hat mich heute gefragt, ob ich an Gott glaube.“ „Und?“ – wollte ich wissen – „was hast Du geantwortet?“  „Ich hab‘ ihr erzählt, dass ich vorm Schlafen immer bete, dass ich Danke sage für die schönen Dinge am Tag.“ „Das ist doch ne gute Antwort!“ „Ja, aber ich war mir trotzdem nicht sicher.“

Ok, jetzt ich, der Vater, der Pfarrer. Ich erzähle ihr, wie und woran ich glaube und dass ich deshalb zuversichtlich durch’s Leben gehe. Dass es früher einen großen Berliner Theologen gab, der mal gesagt hat: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“ … „Ich nehme heute wieder Stracciatella,“ sagt meine Tochter. Wir sind am Eisladen angekommen. Stracciatella! Ich hatte den Moment vermasselt. Sie konnte mit meinen Worten nichts anfangen. Und „zuversichtlich“ ist ja auch nicht wirklich ein Gefühl, oder? … Tja, wie fühlt sich das an, wenn man an Gott glaubt?

Heute würde ich anders antworten. Heute würde ich sagen: Wie die Elbe. Ich war nämlich inzwischen eine Woche lang in einem alten DDR-Faltboot paddeln - auf der Elbe. Es sollte von Wittenberge bis Hamburg gehen. Kein Problem dachte ich, die Strömung trägt uns mit. Ein bisschen paddeln und wir sind da. Es kam anders: In Lauenburg mussten wir auf den Kanal abbiegen und sind dann in Lübeck gelandet. Der starke Westwind hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und so fühlt es sich an – so fühlt es sich an, wenn ich an Gott glaube: Wie die Strömung der Elbe. Sie trägt uns ans Ziel. Aber manchmal gibt es starken Gegenwind. Sehr starken Gegenwind und hohe Wellen. Dann aber wieder habe ich die starke Strömung der Elbe gespürt, wie sie uns trotzdem voran gebracht und begleitet hat. Da ist eine Grundströmung in meinem Leben, die mich trägt und auf die ich mich verlassen kann. Auch wenn sie mich mal dahin bringt, wo ich es nicht erwartet habe.

Ich hoffe, meine Tochter wird diese Grundströmung auch in ihrem Leben spüren, egal was kommt. Und liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, das wünsche ich Ihnen angesichts der vielen Gegenwinde und Wellen, die uns gerade entgegen kommen, auch: dass Sie diese Grundströmung fühlen. Wir sind nicht allein unterwegs. Haben Sie eine gute und behütete Nacht.