SENDETERMIN Sa., 23.11.19 | 23:45 Uhr | Das Erste

Am Ende ein Hoffnungsbild

gesprochen von Benedikt Welter (kath.)

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Benedikt Welter: Am Ende ein Hoffnungsbild | Bild: SR

Nebelgrau. Klamme Kälte, die durch die Glieder kriecht. November. Manche würden diesen Monat am liebsten aus dem Kalender streichen. Auch wegen der ganzen Trauertage. Die kommen ja noch dazu: der sowieso schon graue November steht auch noch ganz im Zeichen von Totengedenktagen. In Kombination mit dem tristen Wetter hier und dort kann das den November zu einem richtig schwermütigen Monat machen.

Mir ist der November dennoch ein wichtiger Monat; er hat eine Botschaft mit einem eigenen Charme. Es ist die Botschaft hinter all den Gedenktagen; die heißt doch: Es gibt kein Vergessen!

Unvergessen sind die zahllosen und oft sogar namenlosen Toten aus den vielen Kriegen. In Erinnerung sind Menschen, die ich gekannt habe, die mir vertraut waren und die mir und anderen der Tod entrissen hat. An sie alle denken wir, die Überlebenden. Und in diesem Monat gedenkt nicht jeder und jede allein und für sich. Der November gibt Zeit und Gelegenheit für ein vielfach kollektives und gemeinschaftliches Gedenken.

Am Volkstrauertag letzten Sonntag haben Gesellschaft und Staat der Toten der beiden Kriege gedacht, um die unser Volk trauert. Die beiden christlichen Totengedenktage – am katholischen Allerseelentag zu Beginn und am evangelischen Ewigkeitssonntag morgen bilden einen Rahmen der Erinnerung! Sichtbar und hörbar gemacht in einem Meer von brennenden Kerzen in vielen Kirchen, wo auch die Namen der Verstorbenen genannt werden. Oder auf den Friedhöfen und anderen Gedenkstätten.

Jede Kerze ist ein stilles flackerndes Zeichen für ein ganz persönliches und ganz besonderes Lebenslicht, das einen Namen hat. Ein Zeichen für einen einzigartigen Menschen. Und kein Lebenslicht ist nach meinem christlichen Verständnis einfach so ausgelöscht und auf ewig ausgepustet. Im Gegenteil. Ich gedenke der Toten, weil ich an den Gott glaube, der allen Menschen Heimat sein will. Ewige Heimat. Und Ewiges Leben.

Schwester Theresia hat mir ihre Novembergeschichte erzählt. Während der DDR und in den Wendejahren hat die Ordensschwester im St. Hedwigs-Krankenhaus in Berlin gearbeitet. Ein katholisches Krankenhaus – in der DDR auch bei Parteifunktionären sehr beliebt. (Schwester) Theresia hat viele sterbende Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden begleitet. Einfach, indem sie da war, am Sterbebett. Eines Tages fragt ein SED-Funktionär, der im Sterben liegt, ob sie mit ihm das Vaterunser beten kann. "So andächtig habe ich noch kein Vaterunser erlebt wie in diesem Moment," erzählt Sr. Theresia. Nach einer kurzen Stille vertraut ihr der sterbende Parteifunktionär an: "Schwester, ich schenke ihnen ein Geheimnis: ich habe jeden Abend meines Lebens ein Vaterunser gebetet. Jetzt mit ihnen mein letztes auf dieser Erde."

Nur eine kleine und irgendwie intime Szene; aber was steckt da an Hoffnung drin! Viele von denen, an die wir im November denken, sind allein gestorben, ohne jemand an ihrem Sterbebett. Viele ohne ein andächtig gebetetes Vaterunser.

Aber keine und keiner der Verstorbenen bleibt vom Gedenken ausgeschlossen. Viele katholische Gemeinden werden morgen singen: "… jeder Menschenseele Los fällt, Herr, von deinen Händen, und was da birgt der Zeiten Schoß, du lenkst es aller Enden. … O sei uns nah mit deinem Licht, mit deiner reichen Gnade; und wenn du kommst zu dem Gericht, Christ, in dein Reich uns lade."