SENDETERMIN Sa, 11.08.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Ein Jahr für andere

gesprochen von Christian Rommert (ev.)

PlayChristian Rommert
Christian Rommert: Ein Jahr für andere | Bild: WDR

Es gibt Sätze und Lebensweisheiten, die eine ganze Generation bewegen... und dann plötzlich völlig aus der Mode kommen. "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt." Ein großer Satz. John F. Kennedy hat ihn in seiner Antrittsrede gesagt. Schon lange bevor ich geboren wurde. Als ich dann viel später diesen Satz das erste Mal gehört habe, war John F. Kennedy schon tot. Aber der Satz hat mich aufgerüttelt. Ich wollte mich sofort irgendwo engagieren. Beweg etwas! Ändere etwas! Gestalte etwas! Das war die Botschaft, die ich hörte und die mich begeisterte.

Als es in den letzten Tagen um die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder eines verpflichtenden Dienstjahres für die Gesellschaft ging, musste ich wieder an diesen Satz denken. Heute klingt er irgendwie... unmodern – oder? "Was kannst Du für Dein Land, Deine Gesellschaft, Deinen Nächsten tun?" Das klingt so selbstlos, irgendwie auch naiv und ein bisschen pathetisch. Auf jeden Fall klingt das so ganz anders als: Amerika first! Ungarn first! Italien first! Oder: zuerst ich, dann eine Weile nichts und dann die anderen!

 Jesus hat da etwas ganz anderes gesagt. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese beiden. " So gelingt Leben. Eine Gesellschaft, in der sich alle nur um sich selbst drehen, verkümmert. Ein Leben, in dem es nur um die eigene Karriere, das eigene Weiterkommen geht, macht einsam. Nach Jesus sollte man sich selbst lieben – auf jeden Fall – , aber nie sagen "Ich zuerst", sondern nur: Gott zuerst, und dann kommen der Nächste und ich.

 Und nun diskutieren wir, ob in unserem Land die Wehrpflicht oder eine allgemeine Dienstpflicht eingeführt werden sollte. Für junge Leute. Ein verpflichtendes Jahr für die Gemeinschaft – ob in der Bundeswehr oder im sozialen Bereich. Ein Jahr nicht zuerst für das persönliche Vorankommen, sondern ein Jahr für die anderen! In der Pflege, im Kindergarten oder irgendwo in einem der vielfältigen Bereiche, die für das gute Zusammen-leben einer Gemeinschaft so wichtig sind. Ich finde es sehr sinnvoll, darüber in unserer Gesellschaft zu diskutieren.

 Und ich glaube: ein verpflichtendes soziales Jahr könnte dazu beitragen, diese Ich-Zuerst-Haltung zu verändern. Als ich damals aufgefordert wurde, meinen Zivildienst abzuleisten, habe ich nicht lange überlegt. Ich habe das gemacht. Und zwar obwohl ich von einer Ausnahmeregel Gebrauch hätte machen können: als künftiger Pastor musste ich keinen

Wehrdienst oder Wehrersatzdienst machen. Aber mir war klar, dass ich diese Karte nicht spielen will. Und so habe ich 18 Monate mit alten Menschen, mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Bereut habe ich das nie. Im Gegenteil: Das waren wertvolle und gute 1,5 Jahre. Wer einmal solch eine Zeit erlebt hat, der kommt anders raus. Der sieht die Schwachen mit anderen Augen, der sieht unser Land mit anderen Augen. Bekommt einen anderen Blick darauf, wie Zusammenleben funktioniert und der entdeckt ein anderes Leben ist möglich. Ein Leben in dem es heißt, Güte, gelingendes Zusammenleben kommen als erstes und indem es nicht heißt "ich zuerst!", sondern liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.