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Als der eiserne Vorhang fiel

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Christian Rommert: Als der eiserne Vorhang fiel | Video verfügbar bis 27.04.2024 | Bild: WDR

Vor 30 Jahren gab es ein Ereignis, das habe ich zuerst gar nicht richtig mitbekommen. Aber wenig später sollte es mein Leben entscheidend verändern. Am 2. Mai 1989 schnitten ungarische Grenzsoldaten die ersten Löcher in den Grenzzaun zu Österreich. Mit großen Drahtscheren – 1000 km von meiner Heimat in der DDR in Eisenach entfernt. So begann das Ende des Eisernen Vorhangs. Ich komme aus Ostdeutschland. Deswegen beschäftigt mich das auch heute noch – nach 30 Jahren. Ich bin im Osten geboren - und ich lebe heute in Westdeutschland. Beides gehört zu meiner Biografie.

 Für mich und für meine Identität war meine Herkunft nie das Wichtigste. Mein Glaube war für mich immer viel wichtiger. Schon vor ´89. Bei den Montagsgebeten. In den Kirchen. Ich war Christ. In den Geschichten und den Bildern der Bibel fühlte ich mich zuhause. Und wenn dann jemand aus dem Westen sagte: Wir beten für Euch, dann hat mir das Mut gemacht. Das gab mir das Gefühl: Wir gehören zusammen – auch wenn wir in verschiedenen Ländern leben. Das gab mir das Gefühl: ich gehöre zu einer großen, weltweiten Gemeinschaft.

In unserem Gottesdienst in Bochum habe ich einmal 15 Nationalitäten gezählt. Die Gebete und das Singen, die Geschichten aus der Bibel, die uns gemeinsam berühren - das alles ist für mich Heimat. Viel mehr als Städtenamen und Nationalitäten.

Als damals die Mauer fiel, wir endlich reisen durften und die Welt entdeckten – da traf ich überall Menschen, die ähnlich glaubten wie ich. Ich fühlte mich mit ihnen verbunden. Das war auch so, als ich anfing, mich für eine Schule in Westafrika einzusetzen. Christen hatten sie gebaut. In einer Region, in der es viel mehr Muslime gibt. Dort habe ich gemerkt: Selbst mit Menschen, die völlig anders leben als ich und die sogar anders glauben als ich, verbindet mich viel mehr als mich von ihnen trennt. Ousmanu war ein muslimischer Schüler an unserer christlichen Schule. Ich erinnere mich, wie wir uns trafen, lange nachdem er bei uns seinen Abschluss gemacht hatte. Er legte mir seine neu geborene Tochter in den Arm. Ein Zeichen der Verbundenheit. "Wir glauben unterschiedlich", zeigte er mir dadurch, "aber weil ich bei Euch lernen konnte, haben wir eine gemeinsame Vergangenheit. Und schau, zeigt dieses Baby nicht, dass es sich lohnt, auch für eine gemeinsame Zukunft zu arbeiten?"

Wenn sich in diesem Jahr das alles zum dreißigsten Mal jährt – die Öffnung der Grenzen zwischen Ungarn und Österreich, die großen Montagsdemos, der Mauerfall – dann finde ich diese Haltung so wichtig wie nie zuvor. Ich will das Gemeinsame sehen! Nicht das Trennende!

Meine Ostvergangenheit lässt sich nicht leugnen. Dass ich nun im Westen – im Ruhrgebiet – lebe, auch nicht. Der Glaube, dass wir gemeinsam Geschöpfe eines Gottes sind, der ist mir wichtig. So entdecke ich, wer ich bin: Ossi, Wessi, Christ, Mensch, Geschöpf Gottes.

Sendetermin

Sa, 27.04.19 | 23:50 Uhr
Das Erste

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Westdeutscher Rundfunk
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