SENDETERMIN Sa, 22.06.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Im dunklen Wald…

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Christian Rommert: Im dunklen Wald … | Bild: WDR

Hier inmitten dieser Bäume, die ausgerechnet mitten in einer Kirche stehen, hier ist mein Lieblingsort beim Kirchentag. Ein kleiner Wald in der Kirche. Mitten in Dortmund. Spannend. Ein Experiment! Passt das zusammen?

Ich kann mich gut erinnern, wie ich als Teenager meinen Eltern sagte: "Heute Nacht schlafe ich im Wald." Und dann packte ich am Abend meinen Schlafsack und meine Isomatte und zog tatsächlich los. Ich hatte eine Taschenlampe dabei, ein bisschen was zu essen und zu trinken. Meinen Schlafplatz, den hatte ich mir schon Wochen vorher ausgesucht. Das war ein Ort, der sich sicher anfühlte. Und dann? Dann erlebte ich eine Nacht, und die war nicht nur schön! Toll war der Sternenhimmel, der Wald roch gut. Spannend auch, was nachts im Wald noch los war. Dann änderte sich das so langsam: Je dunkler die Nacht wurde, desto unsicherer wurde ich. Ständig knackte irgendetwas und machte Geräusche. Einschlafen war zuerst überhaupt nicht drin. Aber irgendwann war ich dann so müde, dass selbst die Angst mich nicht mehr wach gehalten hat. Aber an diesen Moment, die Augen zu schließen und sagen zu müssen: Ich vertraue darauf, es wird nichts passieren, an den erinnere ich mich.

Diese Bäume hier in der Kirche haben mich sofort an meine Nacht im Wald erinnert. Hin und her gerissen zwischen Unsicherheit und dem Vertrauen, dass hier im Wald schon nichts passieren wird. Hier ist der Ort für mich über mein Vertrauen oder über mein Nichtvertrauen nachzudenken. Passend zum Kirchentagsmotto: Was für ein Vertrauen! Jeder Besucher und jede Besucherin hat hier wohl so seinen eigenen Platz gefunden.

Als ich allein auf meinem Schlafplatz lag und die Sonne untergegangen war, damals in meiner einsamen Nacht im Wald, da war mein Mut sehr schnell verflogen.

Das war komisch, denn ein paar Wochen vorher hatte ich auch im Wald geschlafen. Damals mit Freunden. Da fühlte ich mich sicher. Die Wildschweine waren mir egal. Doch jetzt, allein unter dem Sternenhimmel, dachte ich immer wieder: Was wäre das schön, wenn meine Freunde hier wären. Irgendwann musste ich dann entscheiden: Entweder packst Du jetzt Deine Sachen und läufst nach Hause oder du vertraust darauf, dass schon nichts passieren wird und schläfst einfach ein. Ich habe mich entschieden zu bleiben. Und kurz vor dem Einschlafen habe ich noch etwas gemacht: Leise und verstohlen ein Gebet gesprochen: "Lieber Gott, pass bitte auf mich auf und bring mich gut durch die Nacht!"

Zwei Dinge sind mir jetzt wichtig: Wenn ich mich frage: Wem kann ich noch vertrauen oder was bringt die Zukunft? Dann ist die erste Antwort: Tu´ Dich mit anderen zusammen! Das macht Mut. Und das Zweite: Mal wieder zu beten, das wäre nicht schlecht.

Beten und gemeinsam mit anderen unterwegs sein, anderen zu vertrauen - das gibt mir Sicherheit, wenn das Gefühl der Unsicherheit sich breit macht. Also: Wenn uns die Welt wie ein unheimlicher Wald vorkommt, wenn Gewalt uns Angst macht, wenn Menschen-verachtung immer stärker wird, wenn gelogen wird, dass man nicht mehr vertrauen kann, dann könnte das die Lektion dieses Waldes hier in der Kirche sein: beten, sich mit anderen zusammentun und Zuversicht tanken, um etwas gegen die Missstände zu machen.

Sendetermin

Sa, 22.06.19 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste