SENDETERMIN Sa., 18.01.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Unworte

PlayChristian Rommert
Christian Rommert: "Unworte" | Video verfügbar bis 18.01.2025 | Bild: WDR

Ich trenne Müll. Ich fahre Bahn und ich achte auf meinen Fleischkonsum – weil ich mich als Christ verantwortlich für die Schöpfung fühle. Bin ich hysterisch? Bin ich klimahysterisch?

Andererseits: Manchmal muss ich einfach fliegen. Der öko-faire Kaffee ist mir zu teuer – und ganz auf Fleisch verzichten? Bin ich ein Sünder? Ein Klimasünder?

Ich mache mir Sorgen um die trockenen Sommer und die warmen Winter. Dass die Erde, Gottes Schöpfung, kaputtgeht. Klimahysterisch? Wenn viele mit diesem Unwort des Jahres beschimpft worden sind, dann fühle ich mich auch angesprochen. Denn das, was mit dem Klima gerade passiert, ist mir nicht egal! Aber wenn ich es mal nicht schaffe, alle meine Umweltvorsätze durchzuhalten, muss ich mich dann gleich als Klimasünder bezeichnen lassen?

Klimahysterie ist eines von vielen Kampfwörtern des letzten Jahres, Klimasünder ein anderes. Längst geht es bei der Diskussion über das Klima nicht mehr um die Suche nach Lösungen. Richtig oder falsch. Gut oder böse, das sind die Kategorien, in denen wir denken. Und argumentieren. Doch gut oder böse, Klimapanikmacher oder Klimaleugner – so einfach ist das nicht für mich, obwohl mir Klimaschutz wichtig ist.

Beruflich muss ich demnächst nach Wien. Hin und zurück: 22 Stunden Bahn fahren. Das ist mir dann doch zu viel. Ich habe einen Flug gebucht. Ich bin wohl beides als Mensch, als Christ, als Pastor: Manchmal gut und manchmal... Selbstbeherrschung, Maß halten, verzichten... das Alles fällt mir schwerer, als ich mir selber eingestehen will. Immer wieder fühle ich mich wie damals, als ich als kleiner Junge den Adventskalender meines älteren Bruders entdeckte. In mir tobte ein fürchterlicher Kampf. Aber nicht lange. Dann waren alle Türchen auf und die Schokolade in meinem Bauch. Freiwillig Maß halten? Ich bin kein Held, was das angeht.

Die Bibel gibt eine überraschende Antwort auf den Umgang mit der Selbstbeherrschung und dem Maßhalten: "Es ist alles erlaubt!", schreibt Paulus. Christen sind absolut freie Menschen. Sie sind erlöst! Aber dann weist er auch hin auf die Gefahr eines Missverständnisses und er ergänzt: "Es ist alles erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten!".

Also: Habe ich die Freiheit, das größte Auto zu fahren? Habe ich! Aber habe ich nicht auch die Freiheit, darauf zu verzichten, weil es so besser ist? Darf ich wirklich alles sagen, was ich denke? Ja, die Freiheit habe ich! Aber habe ich nicht auch die Freiheit, es zu lassen – auf Wörter und Unwörter zu verzichten?

Die wirkliche Freiheit ist nicht die Freiheit zu tun, was ich will. Die wirkliche Freiheit ist vor allem die Freiheit, Dinge lassen zu können. Etwas nicht machen zu müssen. Weil es zerstörerisch ist. Kaputt macht. Andere in ihrer Freiheit verletzt. Der Maßstab, nach dem ich mich richte, ist nicht: darf ich das oder darf ich das nicht, sondern: "Dient es zum Guten?"