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Hinten anstellen!

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Christian Rommert: Hinten anstellen! | Bild: WDR

Gestern musste ich in die Innenstadt. Etwas Wichtiges besorgen. Ich hab' den Bus genommen. Am Anfang war ich der einzige Fahrgast. Drei Haltestellen lang. Dann stieg eine Person zu. Doch statt einen der unzähligen freien Plätze zu nehmen, setzte sie sich direkt in meine Nähe. Was soll das? Schon mal was von Rücksichtnahme auf andere gehört?

Und dann... auf dem Weg zum Geschäft muss ich Slalom laufen. Irgendwie will niemand  ausweichen, Abstand halten. Und keiner trägt eine Maske. Ich begegne einer Gruppe Menschen – 4 Personen. Hallo? Wie wäre es damit, sich an Regeln zu halten?... Geht's noch?

Auf meinem weiteren Weg höre ich eine Diskussion. Die Besitzerin einer Imbissbude bittet einige Kunden, den angeordneten Abstand zu ihrem Laden einzuhalten. Im Umkreis von 50 Metern darf man nichts essen. Sie erklärt, dass sie Strafen fürchtet und die Bude wieder zumachen muss. Doch statt Verständnis für die existenzielle Sorge dieser Frau – egoistisches Gemecker und Gemotze.

Die Lockerungen sind gerade ein paar Tage alt. Verantwortungsbewusstsein? Fehlanzeige! Als wäre das Schlimmste vorbei, gibt es Shopping und Flanieren bis das Ordnungsamt kommt. Geht es in diesen Tagen eigentlich nur mit Zwang? Strengen Regeln? Geht es nur mit Verboten? Eigenverantwortung funktioniert nicht? Ab Montag heißt es nun: Maskenpflicht. Wir alle werden gezwungen, einen Mundschutz zu tragen. Eine Erinnerung daran, wie weit weg wir von einer Entwarnung sind. "Eine Zumutung", sagen manche und "was soll das, der Nutzen ist doch gar nicht bewiesen!".

Doch diese Masken sollen ein Schutz für die anderen sein. Nicht für mich! Dass ich andere anstecke, das soll durch die Maske vor dem Mund vermieden werden. Wenn Nächstenliebe freiwillig nicht funktioniert, dann halt so: Maskenpflicht für alle ab Montag!

Als Pastor würde ich Ihnen gerne erzählen, dass wenigstens Christen und Kirchen ein leuchtendes Beispiel für verantwortungsvolles Handeln abgeben. Alles tun, damit es dem Nächsten gut geht. Machen viele ja auch. Aber zugleich hörte ich in den letzten Tagen:  "Warum darf der Frisör öffnen und wir dürfen nicht in den Gottesdienst? Wir fordern öffentliche Gottesdienste!". Ich kann es nachempfinden. Aber eigentlich ist auch das nichts anderes als: Ich! Ich! Ich! Ich will jetzt auch! Denn ich bin wichtig!

Ich habe eine ganz andere Meinung. Was ist denn Gottesdienst? In der Bibel, in einem der Briefe an eine Gemeinde von Christen steht etwas Überraschendes: "Ein guter Gottesdienst vor Gott ist der: den Waisen und Witwen in ihrer Not beistehen und sich nicht an dem ungerechten Treiben dieser Welt beteiligen."

Nächstenliebe statt ich, ich, ich! Das ist Gottesdienst! Den Schwachen beistehen. So diene ich Gott: Auf andere Rücksicht nehmen. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – genau jetzt. Der Grund der Öffnung ist nicht, dass ich mit meinen Wünschen zum Zuge komme. Der Grund dafür ist, dass der wirtschaftliche Kollaps von Einzelhändlern irgendwie vermieden werden muss. Deshalb wird ihnen erlaubt, dass sie ihre Läden wieder öffnen. Und andere zittern weiter.

Doch wenn wir jetzt alle alles Mögliche fordern, riskieren wir den Kollaps. Also: Wer irgendwie kann, sollte sich jetzt freiwillig hinten anstellen, egal welches Recht es gibt, das er einfordern kann. Das ist eine schwere Kost. Rücksicht, Gemeinschaftssinn und Nächstenliebe. Und wenn ich dafür eine Maske tragen muss? Wo ist das Problem? Dann tu ich das. Ohne Wenn und Aber.

Sendetermin

Sa., 25.04.20 | 23:35 Uhr
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Westdeutscher Rundfunk
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