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"Marathon für die Seele"

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Christian Rommer: "Marathon für die Seele" | Bild: WDR

Er liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück, mein Marathon. Das sieht man auch: Inzwischen sind die Strecken kürzer, die ich laufe. Und meine Zeiten eindeutig schlechter. In den letzten Tagen, in Corona-Zeiten, denke ich immer mal wieder an diesen Lauf. An dieses Gefühl: Wie soll das werden? Schaffe ich das?

Für meinen Marathon hatte ich mir ein Leitmotiv gegeben. Nicht "kämpfen und siegen“, nicht "durchhalten um jeden Preis“, sondern, das klingt vielleicht etwas seltsam, aber es war dieser Satz: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird Euch alles andere zufallen.“ Ich lief die 42 Kilometer damals, um Spenden zu sammeln für die Renovierung unserer Kirche in Bochum. Das war für mich ein kleines Stückchen Reich Gottes. Ganz konkret! Dafür machst Du es – die langen Trainingsläufe, den Schmerz…

Ich erinnere mich an die Aufregung am Start. Die ersten Kilometer: Da spürte ich – Euphorie! Ab Kilometer 32 wurde es noch mal richtig hart. Eine echte Achterbahnfahrt der Emotionen und echter Kampf ums Durchhalten. Als dann die letzte Kurve kam und ich wusste, danach sind es nur wenige Meter bis zum Ziel: Das mobilisierte noch einmal unfassbar viele Kräfte. Schließlich der Zieleinlauf: Finisher!

Dieser starke Satz aus der Bibel mit dem Reich Gottes half mir durchzuhalten. Ok, typisch Pastor, mögen Sie denken… Aber ich habe damit die 42 Kilometer geschafft.

Aktuell, jetzt in Corona-Zeiten, fühle ich mich manchmal wie damals auf der Strecke. Nur: Ich fühle mich wie bei einem Lauf, von dem ich nicht weiß, wann er endlich zu Ende ist. Und hinter dieser Kurve zeigt sich die nächste Kurve, und danach noch eine und noch eine und noch eine… mich zermürbt das.

Und ja, die Frage ist: Wie wird aus der Müdigkeit, die ich fühle und wie wird aus der Wut, die ich spüre, wieder Mut? Die Kraft, weiterzumachen? Für die nächsten Kilometer? Was wäre ein starker Satz, der mir Kraft zum Durchhalten inmitten eines nicht enden wollenden Lockdowns gibt?

Die Angst vor einer Erkrankung? Ist es nicht. Impfdosen, von denen zu wenige ankommen? Machen mich wütend. Der Ärger über den verpatzten Urlaub? Ich hab das Gefühl, wir sind bei Kilometer 32 und verlieren gerade den Blick für das Ziel. Uns geht die Luft aus. Der Blick geht zurück – und dann das Bekannte: Jeder macht Seins. Egoismus statt gemeinsam nach Lösungen suchen.

Doch wie damals bei meinem Marathon: Die einzige Möglichkeit durchzuhalten ist der Blick auf das Größere, auf das Ganze! Was könnte das sein? Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Für mich ist es eine Erinnerung: Es gibt eine Welt, die ist größer als meine jetzigen Herausforderungen. In dieser Welt geht es um Mitmenschlichkeit. Liebe, Gerechtigkeit, Achtsamkeit im Umgang mit der Schöpfung – das alles fällt mir ein, wenn ich den Begriff "Reich Gottes“ höre. Und zwar nicht für irgendwann in irgendeinem Himmel, sondern jetzt schon. Trachtet zuerst danach, lebt von dieser Zukunftsmöglichkeit her: dem Reich Gottes. Gestaltet so eure Welt. Schon hier!

Bei meinem Marathon hat mir eine größere Perspektive geholfen. Sich dauernd über all das Negative zu ärgern kostet Kraft – und bei Kilometer 32 aufzugeben, das wäre fatal. Die Welt von einer anderen Zukunft herdenken – dieser Perspektivwechsel kann Mut machen.

Jetzt ist es wichtig, den Kopf zu heben und das große Ganze zu sehen. Und irgendwann laufen wir in die letzte Kurve auch dieses Laufes und dann ist endlich das Ziel erreicht! Das hat einmal geklappt und bestimmt klappt es erneut…

 

Sendetermin

Sa., 10.04.21 | 23:35 Uhr
Das Erste

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Westdeutscher Rundfunk
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