SENDETERMIN Sa., 24.07.21 | 23:45 Uhr | Das Erste

Die große Hilfe

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Christian Rommert: Die große Hilfe | Bild: WDR

Unser Keller ist trocken geblieben. Auch bei uns – hier in Bochum – hat’s zwar extrem geregnet, aber die eigentliche, die katastrophale Flut, die habe ich, wie Millionen andere, vor allem am Fernseher erlebt. Dann bin ich raus, vor die Tür, mit unserem Hund. Unten an die Ruhr. Da steht auf einmal eine Kuh. Mitten auf meinem Weg. Da sind sonst keine Kühe! Deshalb habe ich die Polizei angerufen. Die unglaubliche Geschichte dieser armen Kuh: sie kam von einer Weide, mehr als zehn Kilometer entfernt. Dort hatte es sintflutartig geregnet und die Wassermassen müssen die Kuh einfach mitgerissen haben. Später habe ich erfahren: sie ist wohl die Einzige aus ihrer Herde, die überlebt hat.

Und trotzdem – nur eine ganz kleine Geschichte. Angesichts der vielen Toten, all der vielen Vermissten, der Verwüstungen! Mich wühlt das auf. Die Flut beschäftigt mich immer noch. Ich verfolge die Berichterstattung. Im Radio, im Fernsehen, immer noch und immer wieder.

Aber nicht nur der Schock über das, was da passiert ist, sondern in den letzten Tagen auch, wie wir damit umgehen. Ich merke da eine Veränderung. Zu Beginn: grenzenloses Mitgefühl, Hilfsbereitschaft. Und jetzt kommt etwas Neues dazu: wir brauchen Schuldige! Eine Erklärung für das Unbegreifliche! Irgendjemanden, irgendetwas muss es doch geben, und wenn wir die oder den finden, wenn wir hier jemanden zur Rechenschaft ziehen können, dann ist es wieder gut! Dann können wir wieder zum Alltag übergehen!

Tja. Die gleiche Frage wird Jesus von seinen Jüngern gestellt:  "Wer ist schuld daran, dass dieser Mann von Geburt an blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?" Boah! Auch hier: die Schuldfrage! Auch hier frage ich mich: Was bringt das hier, mit der Schuldfrage? Doch so sind wir: Wer hat Schuld? Die Eltern? Gott? Das Schicksal? Und bei der Unwetterkatastrophe – wenn wir da Jesus fragen würden: Schuld?  Die Behörden? Der Katastrophenschutz? Jesus, war es der Klimawandel? Oder waren es die Institutionen, die nicht ausreichend gewarnt haben, Jesus? Irgendeiner muss doch verantwortlich zu machen sein! Wer ist schuld, Jesus?

Als die Jünger diese Schuldfrage stellen, geht es um einen Blinden von Geburt an. Und ich denke: wie bescheuert ist das denn? So was kann man doch nicht fragen. Aber ist das wirklich so etwas ganzes anderes? Stelle ich angesichts dieser Naturkatastrophe klügere Fragen als die Jünger? Eher nicht. Aber was ist jetzt die Antwort, die Jesus gibt?

"Wer hat Schuld, er oder seine Eltern?" "Weder noch", antwortete Jesus. Na jetzt bin ich aber gespannt! Und dann sagt Jesus einen rätselhaften Satz, durch den er für mich zum Vorbild wird: "Solange ich in der Welt bin, werde ich für die Menschen das Licht sein." Für mich klingt das wie: wenn es uns bei der Frage nach Schuld nur um die Suche nach einem Sündenbock geht, bringt uns das nicht weiter! Viel wichtiger ist die Frage, wie ich mit dem Leid und der Not jetzt umgehe! Was ich jetzt mache! Und natürlich hat Jesus diesen armen Menschen geheilt. Und auch bei dieser Flut gab es so viele selbstlose Helferinnen und Helfer! Echte Engel! Und so viele, die spenden. Menschen, die das leben: solange ich atme, will ich für andere Licht sein!

Mit der Suche nach einem Sündenbock verschieben wir nur die Verantwortung. Aber genau darum geht es jetzt: Verantwortung übernehmen! Was kann wer verbessern? Den Katastrophenschutz, die Warnkette, ja! Und was ist mein Beitrag zum Umweltschutz? Das ist die Frage: was mache ich jetzt daraus? Licht sein. Wo muss ich Verantwortung übernehmen? Ganz konkret, jetzt, in dieser Situation?

Redaktion: Markus Schall (WDR)

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Sa., 24.07.21 | 23:45 Uhr
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Westdeutscher Rundfunk
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